Ruhetage

19.06.2024

Ruhetage


Ich sitze auf dem Deck, mit dem Rücken an den Aufbau gelehnt. Vor mir steht das Vorsegel so fest und stabil, als wäre es nicht aus Stoff, sondern aus Marmor gehauen. Das Boot krängt nur mäßig und durchschneidet die ruhige See fast lautlos. Im Schatten des Großsegels genieße ich die sanfte Bewegung und den Blick auf den weiten Horizont.
Ich könnte mich jetzt auch ärgern. Denn mit so wenig Wind und dementsprechend gerade mal vier Knoten Fahrt kommen wir doch nie bis nach Fredericia! Und dann könnte ich den Motor anmachen und drauflos motoren. Damit ich alle meine Ziele erreiche. Damit ich Orte auf meiner Liste mit Urlaubszielen abhaken kann.
Manchmal lebe ich mein Leben so. Schnell und zielorientiert. Manchmal ist mir das Ziel wichtiger als der Weg. Und das ist gut so, denn sonst würde ich vielleicht oft gar nicht ankommen.
Dann wäre ich ein „Hansguck-in- die-Luft“ und würde einfach durch mein Leben taumeln, ohne je voranzukommen. Aber es braucht auch die anderen Tage. Den Urlaub, die Ferien, die Sonntage!
Am siebten Tag hat Gott geruht.
Jeder Tag davor hatte sein Ziel. Seine Aufgabe. Das Licht und die Dunkelheit, die Vögel und die Fische, die Pflanzen… Jeder Tag hatte seinen eigenen Zweck, damit am Ende das große Werk der Schöpfung stehen konnte. Die Welt in all ihrer Pracht. Aber selbst Gott braucht Tage, an denen das Ziel nicht ist, ein Ziel zu erreichen. Tage, an denen der Wind so schwach sein kann, wie er
will, und ich den Motor trotzdem nicht anmache.
Tage, an denen es okay ist, nur von einem Ankerplatz bis zum nächsten zu treiben.
Einfach weil jetzt mal Urlaub ist. Weil ich nichts erreichen muss. Weil ich einfach mal nur sein darf.
Ich wünsche Ihnen solche Tage. Sonn-Tage im besten Sinn. Tage, an denen Sie frei sind, ihre Ziele zu verfehlen. Tage, an denen Sie den Weg sogar dann genießen können, wenn er nirgendwohin führt. Denn gerade auf diesen Tagen liegt Gottes Segen.
Probieren Sie es gerne mal aus!


Ihre Pastorin Henrike Koberg