Übungssache: Danken!

01.09.2021

„Dankt dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich."
Dieses kleine Gebet hat früher mein Großvater nach jedem Essen gesprochen. Egal,
ob es Kohl gab oder Fliederbeersuppe mit Grießklößchen. Das war für mich als kleines Kind nicht immer ganz
verständlich. Für Fliederbeersuppe konnte ich natürlich gerne danken.
Aber wenn ich brav meinen Kohl oder meinen Spinat aufgegessen hatte, dann war doch ich diejenige, die Lob
verdiente, oder? Woher kam nur diese seltsame Dankbarkeit für unangenehme Dinge?
Ich bin mir sicher, dass es für meinen Großvater vor allem eine Tradition war, aber ich habe in den letzten Jahren manchmal
gedacht, dass diese Tradition sehr viel sinnvoller und schöner ist, als ich es als Kind erkannt habe. Denn mit ihr konnte mein
Großvater jeden Tag üben zu danken. Und Danken ist, davon bin ich überzeugt, eine Superkraft.
Aufrichtiges Danken macht zum Beispiel, dass mein grimmiges Gegenüber an der Kasse mir
vielleicht aus Versehen doch ein kleines Lächeln schenkt.
Wiederholtes Danken kann aber auch ein gespanntes Verhältnis zu einem Kollegen in
eine freundliche Beziehung verwandeln.
Aber am beeindruckendsten finde ich das, was das Danken in mir selbst anrichten kann, wenn ich es regelmäßig praktiziere. Es sozusagen
übe. Ich merke immer mal wieder, wie mich häufiges Danken dankbarer mach Das ist wie die Geschichte mit dem Huhn und
dem Ei. Es ist nicht ganz klar, was vorher da war, aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sich das Danken und die Dankbarkeit
gegenseitig beflügeln und verstärken.
Eine Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ich nicht alles als selbstverständlich nehmen darf. Denn das, was mir selbstverständlich
zusteht, dafür brauche ich mich ja nicht zu bedanken. Wer also glaubt, dass ihm die Welt gehört und dass sie nach seiner Pfeife zu
tanzen hat, wird selten einen Grund finden, weshalb er dankbar sein könnte. Der Arme!
Glücklicher bin ich dann, wenn ich Gründe zum Danken an jeder Ecke finden kann.
Wenn ich mein Leben als ein Geschenk sehe. Und jeden Moment, jede Fliederbeersuppe und jeden
Sonnenuntergang, den ich erlebe, als eine kleine Aufmerksamkeit meines Gottes für mich.
Und deshalb ist das Gebet meines Großvaters so eine feine Sache. Weil er es damit ganz automatisch geschafft hat,
jeden Tag zu danken. Bis zu dreimal am Tag! Was für ein Segen.
Und ich glaube, dass das schon den Menschen in grauer Vorzeit bekannt gewesen sein muss, denn sonst gäbe es doch die vielen
Dankpsalmen nicht, die zum Beispiel in der Bibel stehen. Denn auch das Gebet meines Opas hat er sich nicht selbst ausgedacht.
Es ist uralt. Und universell anwendbar.


Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei, es auszuprobieren!
Herzliche Grüße!

Ihre Pastorin Henrike Koberg