Texte und Predigt für den Sonntag „Jubilate“, den 3. Sonntag nach Ostern, 03.05.20


 Zum Sonntag und seinem Namen:

„Jubilate!“ – „Jauchzet!“ – der Name des Sonntags ist Programm. Er leitet sich aus dem Psalm 66 ab, in dem es heißt: „Jauchzet Gott alle Lande!“ 

Wochenspruch: 2. Korintherbrief 5,17: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“

Psalm 66

Alttestamentliche Lesung: 1. Mose 1,1-2,4

Evangelium: Johannes 15,1-8

Predigt über Johannes 15,1-8

Predigttext:

15,1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.
2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.
3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger

Predigt:

Liebe Gemeinde!                                                                       

Die letzten Wochen haben durch Corona massive Veränderungen, Einschränkungen und Bedrohungen gebracht. Da tut es vielleicht mehr als sonst einfach mal gut, auf so altbekanntes zu stoßen. Viele kennen dieses Wort Jesu vom Weinstock und den Reben. Die Gefahr bei so geläufigen Worten besteht allerdings darin: Man hört sie, man weiß um ihren Inhalt, aber hört irgendwie nicht richtig zu und hakt sie dann ab. „Ja, Ja! Alles klar, Jesus der Weinstock und ich eine Rebe an ihm“. Altvertraute Erinnerungen und Bilder im Zusammenhang mit diesem Wort steuern unsere Gedanken. Ich denke bei diesen Worten natürlich an unseren Abendmahlskelch, auf dem diese Worte stehen und an so manche Konfirmationspredigt, die ich an Jubilate mit diesem Wort bestritten habe.                                  Doch hoffe ich, dass bei Ihnen, liebe HörerInnen, die einen oder anderen vielleicht schon leicht geöffneten Schubladen wieder zugehen. Dass Sie sich mit mir einmal neu auf diese Bildrede Jesu einlassen wollen, um andere Schätze dieses Gleichnisses zu entdecken.

Um eine unmittelbare Verbindung, eine geradezu organische Verbindung mit Gott geht es, eine gleichermaßen enge Verbindung, wie sie sich auch in dem Schöpfungsbericht aus dem AT auftut bei der Schöpfung des Menschen in der Rede vom Bild Gottes, nach dem wir gemacht sind.
1. Als Erstes: Haben Sie das beim Hören des Gleichnisses bewusst wahrgenommen? Jesus gebraucht gleich siebenmal das Wort „bleiben“ in den wenigen Sätzen? Wenn wir den Sinn seines Weinstockbildes erfassen wollen, dann wohl nur über dieses „Bleiben“. Es hat für das gesamte Gleichnis und Jesu Predigt darüber zentrale Bedeutung. Jesus geht es ums Dranbleiben und Drinbleiben. Nicht einfach in dem Sinn, dass wir in der Kirche oder in der Kirchengemeinde bleiben ohne auszutreten. Er gibt dem Bleiben eine viel tiefere Bedeutung mit einem fast geheimnisvollen mystischen Zug: „Bleibt in mir!“ In guten und in schlechten Zeiten, wie wir bei einer Trauung sagen, ohne Corona und mit Corona; immer und ewig!                        

Jesus geht es um die Bindung, um die Verbindung zu seiner Person und seinem Werk. Dort, wo zwei Menschen miteinander eine Verbindung eingehen, wie bei einer Trauung, spielen Worte eine ganz entscheidende Rolle. „Wollt ihr euch lieben und ehren und beieinander bleiben in guten und in schlechten Zeiten?“   Unsere Bindung, unsere Verbindung zu Jesus hängt zentral mit seinem Wort zusammen. „Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, dann seid ihr in Wahrheit meine Jünger.“ Zeit haben füreinander, reden miteinander, sich immer wieder mit Worten aufeinander einlassen, sich sagen, was einen so im Kopf und im Herzen umtreibt, schafft Beziehung. Zwischen Menschen reißt die Verbindung, wenn sie gegenseitig keine Worte mehr austauschen, sich nichts mehr zu sagen haben! So wird auch unsere Verbindung zu Jesus abreißen, unser Christsein und Glauben absterben, wenn wir nicht in Verbindung mit ihm bleiben in Wort und Gebet. Jesus will uns seine Worte sagen, weil sie zum Leben führen. Und er will auch, dass es vom Hören zum Tun seiner Worte kommt.
So kann man dieses „Bleibt in mir“ ganz unterschiedlich hören:
– Für die einen ist es ein hartes Wort, fast ein Befehl. „Jetzt wird nicht mehr ausgewichen und auch nicht mehr davongelaufen. Bleib bei mir und geh nicht immer auf Lebenswegen, die von Gott unserem Vater als schlecht bezeichnet werden. Du weißt, dass Gottes Wille in den meisten Fällen klar und eindeutig ist. Lebe endlich danach und tu, was Ich – Jesus – dir in meinem Wort sage!“
– Für andere klingt ein wesentlich liebevollerer Unterton in diesem „Bleibet in mir“: Du Mensch kannst mit all deinen Sorgen und Ängsten zu mir kommen, dich bei mir ausruhen. Du wirst Trost und den Halt finden, nach dem sich dein Herz sehnt. Für dich und dein Leben habe ich Verständnis und biete dir meine Hilfe an.
– Die Dritten hören Jesu Wort so wie der verlorene Sohn die Stimme seines liebenden Vaters: Egal, wie weit du dich von mir, der Quelle des Lebens, entfernt hast, die Tür zum Wiederkommen, zur Heimkehr und zum Bleiben bei mir steht dir ganz offen. Komm, sieh und spüre die Wärme der Heimat im Hause Gottes unseres himmlischen Vaters.
Ich weiß nicht, wie sie Jesu Worte hören. Wichtig ist, dass wir sie nicht überhören, nicht einfach auf Durchzug oder Abschalten stellen.
2. Denn – ein zweiter, oft wenig bewusster Gedanke – Jesus hat Erwartungen an Christen. Glauben hat für IHN Folgen. Sein Reden ist so klar, dass sich daraus Konsequenzen ergeben. Von Frucht redet er. Früchte will er sehen an unserem Leben, in unserem Christsein. In diesem Zusammenhang rückt nun das Bild vom Weinstock in den Vordergrund. Ein Weinstock, egal wie knorrig und alt er auch ist, drückt Saft in seine Reben. Es wachsen Trauben an ihm. Und die Leute, die an Jesus bleiben und sich durch seine Worte Nahrung und Wachstum zuführen lassen, stehen in so einer Wachstumsbeziehung. Kräfte, die kein Mensch aus sich selbst hervorbringen kann, fließen durch ihr Leben. Man sieht folgerichtig Früchte, Lebensäußerungen, zu denen keiner einfach so in der Lage ist. Welche Früchte hat Jesus im Blick?
In nicht wenigen Berichten unserer Medien geht es leider nicht mehr um die Wahrheit, sondern um das Rechtbehalten, das Kleinmachen des anderen! Ein übersteigerter Egoismus beherrscht das Miteinander. Früchte wie Ehrlichkeit, Nachsicht, Vergebung oder das Zurücktreten des Ichs um des anderen willen sind selten in unserer Gesellschaft. Und auch in unserer kleinen privaten Welt, im ganz normalen Leben zeigt sich in manch menschlichem Reden, Verhalten und Tun  Lieblosigkeit und Unversöhnlichkeit. Appelle oder Aufrufe bewirken hier gar nichts. Keiner wird und kann sich einfach so ändern.
Wer aber am Weinstock Jesus Christus bleibt, empfängt so viel Kraft, gegen den Strom der Masse zu schwimmen. Wer am Saftstrom Jesu hängt, kann sich von der Überbetonung des Ich lösen. Lebensfrüchte wie Demut, Sanftmut, Geduld, Nächstenliebe oder Treue in der Ehe reifen, wenn das Ich am Weinstock Jesus Christus bleibt. Als Rebe am Weinstock des Auferstandenen reifen in mir Früchte, die der Welt und mir selber im Leben guttun.
3. Als drittes und letztes könnte es natürlich sein, dass manchem dieser Anspruch Jesu viel zu hoch erscheint: „Wer so lebt und glaubt verliert ja sein Ich!“                                                     „Ja! das stimmt.“ Würde ich antworten. Mein Ich wird immer kleiner, weil das Du Jesu, seine Worte und Wahrheiten immer größer werden. Aber das bedeutet eben keinen Verlust, sondern einen Gewinn an Lebensqualität für mich, meine Mitmenschen und die ganze Welt. So wie Jesus in Johannes 10,11 sagt: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben und volle Genüge haben sollt!“
Für uns heißt das: Bleiben wir an Jesus, an seinem Wort – dann wachsen auch die Früchte aus dieser lebendigen Beziehung zu Jesus Christus! Amen.

Gebet:

Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.                                                                     Guter Gott, wir legen dir ans Herz, was vergeht,                                                                          die Missgunst, das falsche Wort, die verkehrte Tat.                                                                     Noch sind sie schwach, noch wirken sie klein, die Kräfte, das Wachstum, dein Reich               Doch alle Kraft, die dein Wort, Gott entfaltet, wirkt in den Tag hinein, sie ist mein Kraftwerk.      Manchmal ist auch an unserem Leben nur ein grünes, erstes Knospen zu erkennen.                Wir möchten mehr wissen vom Glauben,                                                                               mehr sehen von dem, was du, Gott, wirkst.                                                                                  Es sind oftmals nur erste Ahnungen von dem, was kommt.                                                         Die Ahnung sucht mit zarten Trieben Halt und wuchert dann mit voller Kraft los.                     Noch ist Frühling, noch lange kein Herbst.                                                                                 Aber die Kräfte deines Wortes, Gott, drängen zu neuen Früchten.                                              Guter Gott, schenk uns Wachstum und Ernte.                                                                              Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.                                                                     Wir bitten dich um ein neues Leben, die Freiheit im Denken, die Lust am Guten, die Liebe zum Frieden.                                                                                                                                 Wir bitten um einen neuen Sommer, um Frieden mit deiner Schöpfung, das Ende des Streits, das Ende von Corona.                                                                                                                  Mach uns neu, damit dein Wort durch uns wirkt.

Amen