Texte und Predigt für den Sonntag „Rogate“, den 5. Sonntag nach Ostern, 17.05.20

Zum Sonntag und seinem Namen:

„Rogate!“ – „Bittet!“ – der Name des Sonntags stellt uns sein Thema vor. Sich bittend und betend an Gott zu wenden, ist Thema und Praxis dieses Sonntags.  

 „Bittet!“, so antwortet Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern auf die Frage nach dem rechten Beten und spricht im Matthäusevangelium, unserem heutigen Predigttext die Worte des Vaterunser, die für die Christenheit zum Inbegriff des Betens geworden sind.              

Am Sonntag Rogate ist die Gemeinde eingeladen, darüber nachzudenken, welche Bedeutung unser menschliches Gebet hat. In der Schule des Vaterunsers lernen wir beim Gebet, was wir eigentlich brauchen.

Wochenspruch: Psalm 66,20: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“

Psalm 95,1-7

Epistel: 1. Brief an Timotheus 2,1-6

Evangelium: Lukas 11, 1-13

Predigt über Matthäus 6,5-15

Predigttext: 6,5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Predigt

Liebe Gemeinde,
viele entdecken es in Zeiten der Corona-Krise für sich wieder neu: das Gebet!
In allen Religionen dieser Welt wird gebetet. Meistens geht es darum, dass Menschen etwas von Gott bekommen wollen. Das Gebet ist dann vor allem eine Bitte und Gott soll sie erfüllen. Da ist der Bauer, der dringend Wasser für seine trockenen Felder braucht und den Durst der Pflanzen geradezu am eigenen Körper spürt. Er bittet Gott um Regen. Da ist der arbeitslose Familienvater, der dringend einen Job braucht, nicht nur um seine Familie zu ernähren, sondern auch um seines eigenen Selbstwertes willen. Da ist die kranke Frau, die schon oft operiert und therapiert wurde und die nur noch eine Sehnsucht hat: „Heile mich, Herr, von meiner Krankheit.“ Etwas von Gott zu erbeten ist zutiefst menschlich und biblisch gesehen völlig in Ordnung. Dazu werden wir geradezu ermutigt. In den Psalmen heißt es: „Schüttet euer Herz vor ihm aus“ (Psalm 62,9). Sagt ihm alles, was euch bedrückt. Und Petrus lädt dazu ein: „Alle eure Sorge werfet auf den Herrn!“ (1.Petrus 5,7).

Doch Gott ist natürlich kein Erfüllungsautomat. Im heutigen Predigttext wird dem menschlichen Bitten die Maßlosigkeit genommen. Die geschwätzige Hemmungslosigkeit des individuellen Bittens wird begrenzt. Im Verhältnis zwischen Gott und Mensch geht es offensichtlich nicht nur um Nehmen und um Geben, sondern im Eigentlichen um etwas anders. Jesus sagt hier: „Ihr sollt nicht gedankenlos plappern und viele Worte machen. Es geht nicht darum, dass ihr nur ja nichts vergesst in der Aufzählung eures Gebetes. Euer himmlischer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn darum bittet.“ „Euer Vater weiß es!“ Das ist ein wichtiger Satz für unser Gebetsleben. Das dürfen wir nicht missverstehen. Jesus sagt nicht, dass wir im Grund genommen überhaupt um nichts mehr bitten sollen, weil es der himmlische Vater ja eh schon weiß. Jesus meint: Euer Vater weiß es besser, als ihr selbst es wisst. Er weiß, was ihr eigentlich braucht!
Gott erkennt, was die eigentliche Not ist. Erbitten wir manches Mal eigentlich von Gott nicht fast zu wenig? Wir bitten häufig um die schnelle Erledigung unserer Probleme, aber eigentlich haben wir etwas viel Nachhaltigeres nötig. Gott weiß, was wir eigentlich brauchen und das setzt unserem Bitten ein Maß, das nimmt uns die Hemmungslosigkeit. Manchmal reicht ja nur ein einziger Satz, um das Eigentliche zu erbitten. Aber was ist das?
Da bringen Männer ihren gelähmten Freund zu Jesus. Sie haben sein Leiden seit Jahren beobachtet und wollen ihm helfen. Die Tür zum Haus, in dem Jesus predigt, ist verschlossen. Da steigen sie aufs Dach, graben das Flachdach auf und lassen ihren Freund an langen Seilen hinunter direkt vor Jesu Füße und bitten Jesus: „unser Freund soll gesund werden und wieder gehen können!“ Doch Jesus sieht die eigentliche Not dieses kranken Menschen und sagt zu ihm: „Dir sind deine Sünden vergeben!“ Er sieht, was ihm eigentlich fehlt. Er sieht dessen Lähmungen, die ihn nicht aufstehen lassen. Ein vermurkster Lebenslauf, Niederlagen, Einsamkeit, das Unvermögen, anderen nahe zu sein und Gott zu vertrauen. Jesus vergibt ihm und kommt ihm nahe. Am Ende wird alles gut. Auch wenn es dazwischen Zeiten gibt, in denen wir das nicht so empfinden. Wo Gott ist, wird es gut! So verstehe ich das „Vaterunser“ als ein Gebet, bei dem ich, wie ein Kind, zurückschlüpfe in die Gemeinschaft mit Gott. Schon im ersten Satz wird das Eigentliche gesagt: „Vater unser im Himmel“. Wenn ich ihn anrede, bin ich schon bei ihm. Diese Gemeinschaft zwischen Menschen und Gott wird im weiteren Gebetsverlauf näher beschrieben.     

 „Geheiligt werde dein Name.“ Der Name, den der Jude Jesus für Gott gebraucht hat, ist Jahwe. Das heißt übersetzt: „Ich bin für dich da!“ Dieser Name sagt den unbedingten Gemeinschaftswillen Gottes aus. Und zwar für alle Zeiten. Die Herren und Hirten dieser Welt, sie gehen, unser Herr aber kommt: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ In der Gemeinschaft mit diesem Hirten gibt es keinen Mangel: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Nicht auf Vorrat gibt Gott seine Gaben, aber immer das, was wir „heute“ nötig haben. Mancher Landwirt darf inmitten der Hitze erleben, dass zwar Weniges, aber dafür Hochwertiges wächst. Mancher Arbeitslose spürt, dass er trotz seiner finanziellen Sorgen gehalten ist und nicht in Verzweiflung gerät. Und manche Kranke fühlt, dass die Zeit der Ohnmacht auch eine Zeit der besonderen Nähe Gottes ist. Und dann Mitte und Höhepunkt des Vaterunsers: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ Das ist die innerste Herzkammer dieses Gebetes. Die vollendete Gemeinschaft, die die einsam machende Schuld überwindet. So wie der gelähmte Mann, dem Jesus sagt: „Dir ist deine Schuld vergeben“ Also: Du gehörst wieder dazu, zu den Kindern Gottes. Auch dir ist Gott nah. Das soll nicht mehr von uns genommen werden, darum: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ Lass nicht die Habgier unsere Gemeinschaft zerstören. „Denn dein ist die Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Ein feierlicher Schlusspunkt hinter die ausgerufene Gemeinschaft.
Liebe Gemeinde, das ist das Ziel des Gebetes, dass wir vom Vorläufigen zum Eigentlichen kommen, von der Hand zum Herzen des Vaters. Nicht nur Gottes Güter begehren, sondern vor allem seine Güte. Seine Nähe, die tröstet und hilft, auch schwere Zeiten durchzustehen. Nicht seine Gaben, sondern ihn selbst haben. Darum geht es. Das Vaterunser ist ein Fliehen hin zum lebendigen Gott. Amen.

Gebet:
Vater unser im Himmel,
sei bei uns, wenn wir wieder zu viele Worte machen:
geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe!
Sei bei allen, die sich um ihren täglichen Bedarf sorgen müssen:
Unser tägliches Brot gib uns heute!
Sei bei allen, die sich schwertun zu vergeben:
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Sei bei uns, wenn wir die richtigen Entscheidungen fällen müssen:
und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!
Vater unser im Himmel,
danke für deine Nähe zu uns. Auf dich können wir vertrauen:
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen