Texte und Predigt für den Sonntag „Misericordias Domini“,                                                                den 2. Sonntag nach Ostern, 26.04.20

 

Zum Sonntag und seinem Namen:

Mit dem berühmten Psalm 23 und dem Spruch der Woche Johannes 10,11 ist der „gute Hirte“ das Leitbild dieses Sonntags.

Das Bild vom Hirten kommt aus der Tradition des Alten Testaments und wird im Neuen Testament auf Christus übertragen.

Der Hirte hütet seine Herde. Er hält sie zusammen und schützt sie.

Er hat die Herde als Ganze im Blick und jedes einzelne Tier.

Wenn er sich nicht kümmert, schwebt die ganze Herde in Gefahr.

Die beiden Elemente des Bildmotivs, der Hirte und die Schafe, skizzieren durchgängig die Texte dieses Sonntags.

Der lateinische Name des Sonntags geht auf den Eingangsvers der römischen Messe zurück: „Die Erde ist voll der Güte des Herrn ( misericordias Domini ). Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht.“ ( Psalm 33,5b.6a )

 

Wochenspruch: Johannes 10,11a.27-28a

Christus spricht:

Ich bin der gute Hirte.

Meine Schafe hören meine Stimme,

und ich kenne sie und sie folgen mir;

und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Psalm 23

Evangelium: Johannes 10,11-16 ( 27-30 )

Alttestamentliche Lesung: Hesekiel 34,1-2 ( 3-9 ) 10-16.31

 

Predigt über die Epistel des Sonntags: 1. Brief des Petrus 2,21-25                                                           ( mit Dank für die inspirierende Vorlage an Birgit Niehaus, Pastoralblätter 4. 2020 )

Predigttext:

21 Christus hat für euch gelitten

 und euch ein Vorbild hinterlassen,

dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

22 er, der keine Sünde getan hat

und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt,

es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;

24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat

an seinem Leibe auf das Holz,

damit wir, den Sünden abgestorben,

der Gerechtigkeit leben.

 Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

25 Denn ihr wart wie irrende Schafe;

aber ihr seid nun umgekehrt

zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

Predigt

Liebe Gemeinde

Jemandem nachfolgen. In die Fußstapfen eines anderen treten – haben Sie das schon mal getan? Vielleicht bei dem Antritt einer neuen Stelle, die vorher ein anderer besetzt hatte. Oder bei der Übernahme einer neuen Aufgabe, eines neuen Amtes. Die Fußspuren unserer Vorgänger und Vorgängerinnen sind oft legendär. Da werden uns Geschichten erzählt, wie toll sie waren und was sie alles bewirkt haben. Wenn wir so etwas hören, haben wir schnell den Eindruck: Diese Fußstapfen sind mir zu groß oder auch zu fremd. Es sind nicht meine. Ich passe da nicht rein, ich will da nicht rein. Es macht keinen Spaß, in große Fußstapfen einer oder eines anderen zu treten. Denn niemals kann ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin sie genauso füllen.
Doch genau mit diesem Bild beginnt der Predigttext. Er malt uns die Fußstapfen eines anderen vor Augen, eines besonders erfolgreichen Menschen. Der war so großartig, dass seine Nachfolger über ihn bis heute sagen: Er war nicht nur Mensch. Er war auch Gott. Er war Gott und Mensch zugleich. Jesus von Nazareth, der Christus. Er hat Großes geleistet. Für uns und alle Welt. Und ausgerechnet seine Fußstapfen sind es, in die wir als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger treten sollen!? Dazu sind wir berufen?                                                                        

 

Lesung 1. Petrus 2,21–23

21 Christus hat für euch gelitten                                                                                                       und euch ein Vorbild hinterlassen,                                                                                               dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

22 er, der keine Sünde getan hat

und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt,

es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;

Ich bleibe dabei: Viel zu groß, diese Fußstapfen. Natürlich.                                                         Je weiter man liest, desto größer werden die Spuren, die diese Person hinterlassen hat: Keine Sünde hat er getan, kein Betrug war in seinem Mund, keine Gewalt hat er angewandt, seinen Feinden nicht gedroht. Er ertrug die Leiden für uns.
Ich kleines Menschlein drohe schon beim Lesen in diesen riesigen Fußstapfen Jesu zu versinken. Die sind mir zu groß, zu tapfer, zu heilig, zu göttlich. Was für ein Vorbild! Wie soll ich da hinterherkommen? Das kann ich nicht!
Ich denke weiter und bin auf der Suche nach rettenden Schritten. Doch ich merke, meine Wege sind oft Irrwege. Ich tappe irgendwo herum, versuche sogar mein Bestes, und es kommt mir vor, als ob ich nur ganz kleine Schritte schaffe, nicht wirklich relevant für unsere Welt mit ihren großen Problemen.

Ich lese und höre fast täglich von Klimawandel und Artensterben, von der Ausbeutung der Erde. Wie viel verkehrte Schritte in falschen Fußstapfen hat es da gegeben und gibt es weiterhin! Aber reicht es, wenn ich Müll vermeide und trenne? Bringt es was, wenn ich wenig oder kein Fleisch esse und aufs Fliegen verzichte?                                                                     Ich denke an die himmelschreienden Ungerechtigkeiten in unserem Land zwischen Arm und Reich, und noch schlimmer auf der ganzen Welt. Wo sind da Fußstapfen der Nächstenliebe, der Menschlichkeit?

Und während ich so herumtappe in meinem Leben und in dem anderer und unserer Welt, fühle ich mich angesichts der großen Probleme wie ein verlorenes Schäflein, hilflos, orientierungslos. Was soll ich tun, wenn ich mich verirrt habe? Oder was ist zu tun, wenn ganze Gesellschaften oder Systeme sich geirrt haben? Dieses uralte Bild von den Gläubigen als Schäfchen passt noch immer. Es spricht mich an. Mit kleinen Schafsklauen treten wir in die göttlich-menschlichen Spuren. Das ist unfassbar! Das kann nicht funktionieren! Oder doch? Wie soll es nun weitergehen?
Ich lese weiter und denke: Da ist doch schon alles getan. Ich kann dem doch nichts hinzufügen. Was zählen dann meine Schritte in Jesu Spuren?

Lesung 1. Petrus 2,24.25                                                                                                                                     24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat                                                                                          an seinem Leibe auf das Holz,

damit wir, den Sünden abgestorben,

der Gerechtigkeit leben.

Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

25 Denn ihr wart wie irrende Schafe;

aber ihr seid nun umgekehrt

zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

Ja, endlich steht es auch in diesem Text: Wie irrende Schafe waren wir.
Jesus hat daran viel geändert. Er hat die Sünden getragen. Er trägt die Wunden dieses schmerzhaften Weges ans Kreuz. Die Sünden sind also weg von uns! Durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir können und müssen das Heil, die Wende unseres Lebens gar nicht vollbringen. Wir sind der Sünde abgestorben, wir haben also keine mehr, die uns zur Last gelegt sind. Aber wir haben damit eine neue Aufgabe: Wir dürfen und können nun „der Gerechtigkeit leben“. Denn wir sind geheilt. Ich darf das Schäflein bleiben, als das ich mich fühle. Die großen Spuren sind vom großen Hirten oder Oberhirten, und der heißt dann episkopos, Bischof. Ich muss ihm nicht hinterherrennen. Denn er ist der Hirte, immer in der Nähe bei mir. Aber nun bin ich gesund und weiß, was gut für mich ist. Ich will für die Gerechtigkeit leben, für diese neue Welt, die Jesus verkörpert und verkündet hat. Fußstapfen der Gerechtigkeit braucht unsere Welt mehr denn je.
Das ändert die Laufrichtung des armen Schäfchens. Es tritt genau genommen gar nicht in die Fußstapfen des großen Meisters, das kann es auch gar nicht. Zu groß, unmöglich. Ich Menschlein, Schäfchen würde versinken, daran kaputtgehen, so groß sein zu wollen wie der Meister.

Umkehren darf ich, zurückgehen zu dem Hirten und Bischof meines Lebens. Wie ein irrendes Schäfchen, das endlich nach Hause findet. Von meinen unsicheren Wegen oder den selbstsicher gegangenen Wegen, auf denen ich mich überschätzt habe, gehe ich zurück in die Arme dieses starken Hirten, Oberhirten, der sich um mich sorgt. Ich will zu dem, der mich gerecht gemacht hat und für den ich leben will.
Und so wanke ich mit kleinen Schritten und voller Freude ihm entgegen. Falle in seine Arme wie ein verlorenes und gefundenes Schäfchen zugleich. Und bin froh, dass ich auf seinen Armen in seinen Fußstapfen gehen kann. Immer weiter Richtung Reich Gottes. Richtung Gerechtigkeit. Und ich hoffe: Viele andere Schäfchen kommen mit. Amen

Gebet:
Jesus, du Hirte unseres Lebens,
zu dir kommen wir als erwachsene Menschen,
mit unserer Erfahrung, das Leben zu gestalten.
Wir fühlen uns stark und voller Ideen
und fragen oft nicht nach dir.
Jesus, du Hirte unseres Lebens,
manchmal sind wir bedürftig wie Kinder.
Wir gehen unsere eigenen Wege
und möchten doch, dass du sie mitgehst
und uns hilfst, wenn es schwierig wird.
Mit diesem Zwiespalt kommen wir zu dir.
Erwachsen und Kind zugleich, stark und bedürftig.
Nimm uns sanft an die Hand oder auf den Arm,
geh mit uns und führe uns zum guten Leben.
Schenk uns Orientierung durch dein Wort. Amen