Andacht zum Winter 2020

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ein ereignisreiches und anstrengendes Jahr 2020 neigt sich dem Ende zu.Wer hätte im Februar wohl gedacht, dass die Vokabeln des Jahres „Hygienekonzept“, „Maskenpflicht“ und „AHA-Regel“ sein würden? Covid-19 hat sichtbare Spuren hinterlassen, auch hier bei uns – obgleich wir, im Gegensatz zu anderen Regionen in Deutschland und der Welt, eher glimpflich davongekommen sind. Und doch: Das ungute Gefühl im Bauch, als sich im Sommer die Scharen durch Kappeln und Umgebung schoben, es klingt noch in mir nach. So ganz gewöhnt habe ich mich noch immer nicht an die neue Realität unter Corona-Bedingungen. Immer wieder bemerke ich erst vor der Ladentür, dass ich meine Maske zu Hause vergessen habe. Dann ärgere ich mich kurz, bis mir einfällt: Es ist eigentlich ganz gut, sich nicht mit den derzeitigen Umständen abzufinden. Im Gegenteil, ich brauche das Gefühl, die Normalität schmerzlich zu vermissen.  Ein Teil dieser Sehnsucht nach Normalität ist es, endlich wieder unbeschwert in Begegnungen gehen zu können. Hände zu schütteln. Zu umarmen. Gemeinsam zu singen.Über den Sommer habe ich beobachtet, wie positiv die Resonanzen im Pfarrsprengel auf unsere Freiluftgottesdienste waren. Beruhigt singen zu können war eine echte Befreiung nach den ersten Corona-Wochen, in denen das gesellschaftliche und somit auch kirchliche Leben nahezu zum Erliegen kam. Mit Einsetzen des Herbstes wurden wir zunehmend der Möglichkeit beraubt, im Freien feiern zu können. Und so schränkt sich unser ohnehin schon zusammengeschrumpftes Gemeindeleben weiter ein.  Aber so, wie wir uns nicht an die derzeitige Situation gewöhnen sollten, dürfen wir gleichermaßen die Hoffnung auf Rückkehr zu einem Leben vor Covid-19 nicht verlieren.Was mich darin besonders bestärkt, ist die Besinnung auf biblische Zeugnisse. Insbesondere im Alten Testament wird ja immer wieder davon berichtet, wie Gottes Volk in Bedrängnis gerät. Und oft sieht es schlecht aus für Israel – so zum Beispiel in der ägyptischen Sklaverei oder der babylonischen Gefangenschaft. Aber Gott sieht die Not seiner Menschen.Und er steht ihnen bei; er steht auch uns bei. Gerade jetzt. Vielleicht nicht als Feuer- oder Wolkensäule; aber er ist dennoch mit uns, besonders im Stillen.  Rainer Maria Rilke hat es, wie ich finde, ganz wunderbar formuliert, wenn er schreibt:

 

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; 
sie fallen mit verneinender Gebärde. 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit. 
Wir alle fallen.
Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. 
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“

 

So fühlt sich diese Zeit manchmal an, wie ein nicht aufhören wollender, freier Fall.Aber während ich falle, rufe ich auch zu Gott. Und ich bin gewiss, er fällt mit mir und er hört mein Rufen. Diese Gewissheit tröstet mich sehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies schon das Ende sein soll. Und wenn es das doch ist, dann wird es gut sein und Gott ist da – in seinen Händen bin ich gut aufgehoben. Für das neue Jahr wünsche ich mir und uns allen, dass Gott uns spürbar nahe ist und uns durch die Dunkelheit ans Licht geleitet. Ich grüße Sie herzlich, Ihr  Pastor Lars Wüstefeld