Warum eine neue Orgel?

Eine wunderschöne Kirche mit intensiver Nutzung
Wie war es wohl damals, als die Bauern Feldstein für Feldstein ihre Kirche erbauten? Sicher nicht einfach. Entstanden ist eine wunderschöne Feldsteinkirche, die schon seit Jahrhunderten den Menschen Heimat und Glaubensgewissheit schenkt. So ist sie in den Jahrhunderten gepflegt und gehegt worden, erweitert und renoviert. Bis heute ist sie ein Ort, zu dem die Menschen gerne kommen.
Die St. Johanniskirche zu Adelby, die heute im Flensburger Stadtgebiet liegt, gehört zu den ältesten Kirchen in Angeln. Sie wurde um 1200 aus Feldsteinen errichtet. 1726 wurde der hölzerne Glockenturm durch den heutigen steinernen Turm ersetzt, der weithin sichtbar ist. Lange Zeit ist die Kirche geistlicher Mittelpunkt für ein großes Einzugsgebiet auf dem Flensburger Ostufer gewesen. Erst nach und nach kamen die anderen Kirchen Flensburgs dazu. Hier wird also seit alters her getauft und geheiratet.
Fast täglich finden auch heute Trauerfeiern in der Kirche statt. Insgesamt sind es im Jahr rund 360 gottesdienstliche Handlungen (Taufen; Trauungen, Goldene Hochzeiten, Trauerfeiern und die sonn- und feiertäglichen Gottesdienste). Das tröstende Wort Gottes erleben die Menschen in Wort und Sakrament. Eine entscheidende Rolle spielt die Musik, die die Menschen auf wunderbare Weise noch einmal ganz anders erreichen kann.

 

Unsere Orgel

Wer unsere Orgel auf der Empore sieht, der ist schnell beeindruckt von dem wunderschönen Orgelprospekt aus der Zeit um 1780, geschnitzt von Friedrich Windekilde. Das Pfeifenwerk aber entspricht weder dem Prospekt noch der Würde des Gotteshauses. Unsere heutige Orgel von 1964 ist bereits die dritte im gleichen Gehäuse. Sie ist ein Werk der Orgelbaufirma Kemper und hat 21 Stimmen. Die Schwächen, über die die Organisten schon lange klagen, sind inzwischen durch zwei unabhängige Gutachten und weitere sachverständige Meinungen bestätigt. Das Hauptproblem ist die neobarocke Klangausrichtung ohne Gravität, ein Irrweg des Orgelbaus der 60er Jahre.
Beim Bau wurden günstige, aber auch minderwertige Materialien verwendet, die nun spröde werden und kaum die Stimmung halten. Ein Zusammenspiel mit Sängern oder Musikern ist so kaum möglich. Außerdem wurden viele Pfeifen nicht sorgfältig ausintoniert. Daher überzeugt der Klang nicht, und die Organisten kämpfen darüber hinaus mit einer zähen und schwergängigen Spielweise, die ein virtuoses Spiel erschwert. Auch der Spieltisch müsste überholt werden. Die Orgel ist innen sehr eng angelegt, der Stimmgang ist kaum zu begehen und daher die sind Stimmung und Reinigung der Pfeifen fast unmöglich. Bei vollbesetzter Kirche kann die Orgel mit ihrem Klang kaum durchdringen.

 

Das Projekt - der Traum!

Nach intensiver Beratung – auch in der Gemeindeversammlung – hat der Kirchengemeinderat der Gemeinde beschlossen, den Expertenmeinungen zu folgen und nicht mehr in die alte Orgel zu investieren, sondern einen Neubau anzustreben. Es wird mit ca. 350.000 € Kosten für den Neubau einer Orgel mit gleicher Stimmenzahl gerechnet, die die Gemeinde nicht allein aufbringen kann. Wir glauben aber, dass die St. Johanniskirche zu Adelby eine wohlklinge Orgel braucht. verdient, an der sich Menschen in den kommenden Jahrzehnten erfreuen können.
Deshalb haben wir den „Orgelbauverein der St. Johanniskirche Adelby“ gegründet mit dem Traum, bis
zum Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017 den Bau einer neuen Orgel für unsere Kirche zu verwirklichen. Dies ist ein enger Zeitplan. Allein Planung und Bau der Orgel werden ca. 2 Jahre brauchen. Wir sind aber sicher, dass unser Plan gelingen kann – mit Ihrer Hilfe. Dann steht uns nicht nur für die Gottesdienste ein klangschönes Instrument zur Verfügung, sondern wir werden uns auch an Orgelkonzerten erfreuen können, die sich jetzt nicht verwirklichen lassen, z. B. auch Konzerte des grenzüberschreitenden Orgelfestivals Sonderjylland-Schleswig.
Mit den Worten: „Lobsinget dem Herrn, denn er ist freundlich“, getragen von zwei Engeln, wird die Orgel gerahmt. Vielleicht hat Friedrich Windekilde gewusst, dass es eine Zeit geben würde, in der seine Orgel Unterstützung brauchen wird. Der Orgelbauverein hat sich zum Ziel gesetzt, 100.000 € aufzubringen und so zur Finanzierung beizutragen.
Werden Sie jetzt zum Orgel-Engel, der wieder einen vollen Orgelklang in unsere schöne Kirche hineinzaubert. Und so, wie unsere Vormütter und Vorväter schon seit Jahrhunderten diese Kirche erhalten haben, sind nun wir gefragt, etwas für diese Kirche und die zukünftigen Gottesdienste zu tun.

 

 

von Organistin Alma Evyapan

Orgel ist nicht gleich Orgel…

und darum, liebe Gemeinde, möchte ich Sie gleich zu Beginn einmal ganz persönlich fragen: Wie geht es Ihnen eigentlich mit unserer Orgel? Was verbinden Sie mit ihrem Klang? Ich stelle mir vor, dass Ihre Antworten ganz unterschiedlich ausfallen: Die eine fühlt sich von den Orgelklängen berührt und getragen, vielleicht erinnert an Schönes oder auch Schmerzliches, den anderen mag der Klang des Instruments eher überwältigen oder erschrecken. Und einige werden wohl auch sagen, dass sie mit Orgelmusik ganz einfach nichts anfangen können. Vom „langweiligen Leierkasten“ bis hin zur „Königin der Instrumente“ reicht die Palette der Assoziationen: Mal kommt die Orgel festlich und strahlend, mal me-ditativ daher; sie fasziniert bis heute in Bauweise und Technik und wirkt gleichzeitig doch auch wie eine Botin aus einer scheinbar vergangenen Zeit, die den gegenwärtigen Wün-schen an Musik in der Kirche nicht immer gerecht zu werden vermag.

Orgel ist nicht gleich Orgel… und so ist die älteste uns bekannte Form des Instruments mit durch Tasten angespielten Pfeifen die Wasserorgel (hydraulis), wie sie im 3. Jh. v. Chr. von Ktesibios aus Alexandrien entwickelt wurde und in Griechenland sowie im ost-weströmischen Reich Verbreitung fand. Einfache „pneumatische“ Orgeln aus dem 4. – 6. Jh. n. Chr. bildeten dann vermutlich die Grundlage für die Entwicklung unserer heutigen Orgeln. Es mag überra-schen, dass die Orgel während der Zeit der Völkerwanderungen im weströmischen Reich spätestens im 6. Jh. zunächst unterging, in den arabischen Ländern und am Kaiserhof zu Byzanz jedoch überlebte und dann von dort aus nach Mitteleuropa gelangte – und dies keinesfalls als kirchliches Musikinstrument, sondern als prunkvolles weltliches Instrument für das höfische Zeremoniell: Der byzantinische Kaiser machte dem Frankenkönig Pippin dem Kurzen 757 eine Orgel zum Geschenk.

Der Weg der Orgel in die Kirche des Abendlandes stellt sich dann als längerer, etwa ab dem 9. Jh. n. Chr. einsetzender Prozess dar. So wurden erst im 14./15. Jh. n. Chr. große Kloster- und Stadtkirchen zunehmend mit Orgeln ausgestattet, nachdem die Orgel bereits gegen En-de des 13. Jh. n. Chr. als einziges Instrument für den Gottesdienstgebrauch auch kirchenamtlich zugelassen worden war. Mit der immer weiteren Verbreitung der Orgel erfolgten natürlich auch baulich-technische Veränderungen beispielsweise im Hinblick auf Größe und Klangfarbenreichtum. Der Orgelbau durchlief vom 15. Jh. bis in die Gegenwart verschiedene Phasen – die jeweiligen Instrumente geben dabei Zeugnis nicht nur von den technisch-kunst-handwerklichen Möglichkeiten, sondern auch von den Klangidealen ihrer Zeit. Barocke Werkorgeln unterscheiden sich wesentlich von den späteren romantischen Instrumenten. Die Technisierung und Elektrifizierung ab Ende des 19. Jh. führten bis hin zu industriell gefertig-ten Fabrikorgeln und regelrechten „Musikmaschinen“, gleichzeitig erwachte mit der Orgelbe-wegung der 1920er Jahre das Interesse an alter Orgelmusik und damit auch an den Prinzi-pien des barocken Orgelbaus…

Orgel ist nicht gleich Orgel… und jedes Instrument hat seine eigene, manchmal bewegte Geschichte. Das gilt auch für unsere Adelbyer Orgel, die im März diesen Jahres durch den Orgelsachverständigen der Ev.-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, KMD Michael Mages, ausführlich begutachtet worden ist. 1780 errichtete der Flensburger Orgelbauer Johann Hinrichsen Angel in dem von Friedrich Windekilde erbauten Prospekt eine neue Orgel, die 1883 durch ein Werk der dänischen Firma Marcussen ersetzt wurde, laut Gutachten ein „zeittypisches, schön disponiertes Werk“ mit insgesamt 18 Registern. Warum dieses Werk Anfang der 1960er Jahre zugunsten eines neuen Instruments der Orgelbaufir-ma Kemper aus Lübeck ausgetauscht wurde, ließ sich leider nicht recherchieren.

Das Gutachten macht sehr deutlich, was Sie als regelmäßigere Gottesdienstbesucher sicher auch schon so manches Mal selbst bemerkt haben: Der Klang unserer Orgel ist wenig trag-fähig und gravitätisch – denken Sie nur einmal an die letzten vollbesetzten Weihnachtsgot-tesdienste zurück. Darüber hinaus gibt es immer wieder größere Probleme mit der „Stim-mung“, also der Intonation des Instrument, denn im Inneren ist die Orgel teilweise stark ver-schmutzt, viele Pfeifen wurden beim Einbau nicht genau genug gestimmt und bestehen teil-weise aus minderwertigem Material. Dies schränkt nicht nur die zu spielende Literatur ein, hörbar wird das z. B. auch im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten und überhaupt durch „schnarrende“, „irgendwie schräge“ oder „schrille“ Töne… Die Liste der baulichen und klanglichen Defizite ließe sich noch fortsetzen. Dennoch ist es so, dass die festgestellten Ma-terialmängel laut Gutachten die grundsätzliche „Lebensdauer und Funktionstüchtigkeit des Instruments“ als solche nicht beeinträchtigen.

Orgel ist nicht gleich Orgel…, denn mit dem Bau einer Orgel werden vielfältige Entschei-dungen getroffen: Materielle und technische Aspekte, Raum- und Klangfragen, baurechtli-che und denkmalschutzbezogene Vorgaben ebenso wie die Finanzen spielen eine wichtige Rolle, und auch „Mode- und Zeiterscheinungen“ gehören (manchmal leider) dazu. Vor allem aber stellt sich immer die Frage, was für ein Instrument gewünscht ist. Nicht auf jeder Orgel lässt sich alles spielen. Möchte ich z. B. eine Orgel, auf der sich besonders die Musik der alten Meister wie J. S. Bach gut darstellen lässt, oder lieber ein „Allround-Instrument“, auf dem sich quasi die Literatur jeder Zeit irgendwie spielen lässt, alles aber eben auch irgend-wie „gleich“ klingt? Welchen Zweck soll die Orgel vorrangig erfüllen? Wird sie überwiegend als Gemeindeorgel für Gottesdienst und Liedbegleitung gebraucht oder soll sie klanglich und spieltechnisch auch zu Konzerten einladen und über die Gottesdienste hinaus Anziehungspunkt sein?

Ich möchte Sie einladen, sich einmal ganz persönlich Gedanken zu diesen Fragen zu machen, denn auch bei uns in Adelby wird in absehbarer Zeit eine Entscheidung über die Zukunft unserer Orgel anstehen. Das Gutachten weist auf viele Mängel und Defizite bau-licher und klanglicher Natur hin, die – soll das Instrument längerfristig erhalten werden und weiterhin in gewohnter Weise seinen Dienst tun – umfangreiche Maßnahmen zur Reinigung und Nachintonation sowie ggf. einen Umbau im Inneren erforderlich werden lassen. Vielleicht bietet es sich aber auch an, vor einer Entscheidung zumindest gedanklich einmal auch die Möglichkeiten zum Bau eines neuen Instruments durchzuspielen, das klanglich, materiell und spieltechnisch dem Raum, der Anziehungskraft unserer Kirche und der intensiven Nutzung durch unsere wachsende Gemeinde - und auch darüber hinaus - entspricht.

Quellen:

Gutachten Kemper-Orgel der St. Johanniskirche zu Adelby vom 29.06.2013, erstellt durch den Orgel-sachverständigen der Ev.-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, KMD Michael Mages

Bauer, S. (Hrsg.): Probieren und Studieren. Lehrbuch zur Grundausbildung in der Evangelischen Kirchenmusik; 2., korrigierte Auflage; München: Strube Verlag GmbH, 1998

 

Ist ein Orgelbau überhaupt noch zeitgemäß?

Und gibt es nicht wichtigere Aufgaben?
Wir wollen nicht verschweigen, dass es auch kritische Rückfragen zum Neubau gab. Dabei tauchte die Frage auf, ob es heutzutage noch zeitgemäß sei, für so viel Geld eine Orgel zu bauen, verbunden mit der Frage, ob dieses Geld nicht in sozialen Bereichen viel besser angelegt sein.
Natürlich ist diese Anfrage vollkommen berechtigt. Kirche muss in ihrem Wesen Kirche für andere sein. Die kirchliche Zuwendung zu Armen, Ausgegrenzten und Bedürftigen entstammt direkt unserem Verständnis des Evangeliums. Und der Vergleich lässt im Grunde keinen Zweifel zu. Wo Menschen bedürftig sind, da muss geholfen werden. Eine Orgel, etwas für die Sinne, hat da hinten anzustehen.
Unsere Kirche tut viel für Bedürftige. Aus Gründen der notwendigen Professionalisierung geschieht viel in Gemeinschaft und nicht mehr alles auf der Ebene der Ortsgemeinden. Unsere verfasste Kirche tut tatsächlich sehr viel für Bedürftige, viel geschieht über die Nordkirche mit ihren beiden diakonischen Werken, einiges über die Kirchenkreise und auch vieles über die Ortskirchengemeinden.
Kirchliche Gemeinschaft, wie wir sie aus der Bibel und den Bekenntnissen verstehen, zeigt sich in vier Merkmalen:


Martyria - das ist das Zeugnis, die Verkündigung des Evangeliums, die Ausbreitung der Frohen Botschaft, die auch die Bereitschaft zum Leiden mit einschließt. Martyria, das ist der bezeugte Glaube.

Liturgia - das ist der Gottesdienst, das gemeinsame Singen und Beten in Dank und Fürbitte, die Feier des Abendmahls, die Begegnung mit Christus in Brot und Wein. Liturgia, das ist der gefeierte Glaube.

Diakonia - das ist der Dienst am Menschen, die Unterstützung der Bedürftigen im eigenen Land, aber auch die tätige Nächstenliebe unter den Armen der ganzen Welt. Diakonia, das ist der angewandte Glaube.

Koinonia – das ist die Gemeinschaft, der Austausch nach dem Gottesdienst, der Kirchenkaffee, das gemeinsame Mittagessen, das Sommerfest, der Wandertag, der Gemeindeausflug. Koinonia, das ist der gelebte Glaube.


Eine lebendige Kirche muss alle diese vier Merkmale im Blick behalten. Ohne Zeugnis und Feier, ohne lebendige Gemeinschaft wird Kirche von innen hohl und verliert die Kraft, sich den Bedürftigen liebevoll zu zuwenden. Viel in unserer Gemeinde ist Zuwendung, aber nicht alles.
Kirche muss feiern, begleiten und auch immer wieder trösten. Es sind vor allem ca. 250 Trauerfeiern im Jahr, zu denen die Orgel erklingt. Dazu kommen ca. 30 Trauungen und 65 „normale“ Gemeindegottesdienste und ca. 5 Konzerte. Gerade bei Trauerfeiern, wenn manchmal im Schmerz Worte nicht mehr helfen können, kann gerade die Musik tief innerlich berühren, anstoßen und neue Wege öffnen. Hier hat unsere Gemeinde, aufgrund des großen Friedhofs, eine besondere Verantwortung, der wir gerecht werden wollen.
Natürlich haben wir Alternativen zu einem Neubau geprüft. Eine elektronische Orgel für ca. 20.000 € würde keinesfalls vom Kirchenamt genehmigt. Trotzdem haben wir uns ein Exemplar angehört. Sie würde unseren Kirchraum in keiner Weise angemessen klanglich ausfüllen können. Auch eine Generalüberholung wäre grundsätzlich möglich. Aber hier sind schnell 100.000 € verbaut, ohne dass alle grundsätzlichen Probleme schon im Griff wären.
Wir glauben, dass wir eine Generationenverantwortung haben. So wie vergangene Generationen für unsere wunderbare Kirche gesorgt haben, so ist es an uns, auch etwas weiterzugeben. Eine handwerklich solide Orgel - von mehr träumen wir gar nicht – wird uns ca. 350.000 € kosten und ca. 100 Jahre halten.
Bei z.Zt. 350 Gottesdiensten im Jahr kommen in 100 Jahren 35.000 Gottesdienste zusammen. Das sind dann gerade einmal 10 € pro Gottesdienst für die Orgel, die wir investieren.
Wir sind überzeugt davon, dass Menschen in der Kirche immer wieder gestärkt werden müssen. Dies geschieht in der Verkündigung durch Wort und Musik. Ein ergreifender Orgelklang kann das bewirken. Deshalb träumen wir von einer wohl klingenden Orgel in unserer Gemeinde.
von Pastor Thielko Stadtland