Die Aufgaben im Kirchengemeinderat: Gesetz, Praxis und Organisation

Was ist in einem Kirchengemeinderat eigentlich genau zu tun?

1.1. Was das Gesetz dazu sagt

In der Kirchengemeindeordnung (Teil 4 des Einführungsgesetzes zur Verfassung der Evang.-Luth. Kirche in Norddeutschland) steht:

§ 18 Mitglieder des Kirchengemeinderates
1. Die Mitglieder des Kirchengemeinderates sind berufen, die Kirchengemeinde zu leiten.
2. Sie sind Vorbilder in der Kirchengemeinde und prägen das Bild von Kirche in der Öffentlichkeit.
3. Sie sind deshalb verpflichtet, ihr Amt gewissenhaft auszuüben.
4. Sie sollen am gottesdienstlichen Leben teilnehmen und sich nach ihren Kräften und Fähigkeiten in der Kirchengemeinde engagieren.

§ 19 Aufgaben des Kirchengemeinderates
Der Kirchengemeinderat trägt Sorge dafür, dass
1. das Evangelium der Schrift und dem Bekenntnis gemäß verkündigt wird;
2. diese Botschaft auf vielfältige und einladende Weise erfahrbar werden kann und im Leben der Kirchengemeinde und ihrer Glieder immer wieder neu Gestalt gewinnt;
3. die Kirchengemeinde ihren öffentlichen Auftrag in der Gesellschaft und ihren Dienst in Diakonie, Mission und Ökumene sowie Bildung wahrnimmt;
4. der Friede in der Kirchengemeinde gewahrt und die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi gestärkt wird.

§ 20 Aufgaben für den Aufbau und die Gestaltung des Lebens der Kirchengemeinde
Für den Aufbau und die Gestaltung des Lebens der Kirchengemeinde hat der Kirchengemeinderat insbesondere folgende Aufgaben:
1. er ist im Rahmen der kirchlichen Ordnungen verantwortlich für die Gestaltung der Gottesdienste und liturgischen Handlungen, beschließt über die Gestaltung und Nutzung der gottesdienstlichen Räume und legt die Gottesdienstzeiten fest. Er sorgt sich um lebendigen Gottesdienst und nimmt sich der Pflege der Kirchenmusik an;
2. er sorgt dafür, dass das Evangelium allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in alters- und situationsgerechten Angeboten zugänglich ist und fördert den Austausch darüber und die Gemeinschaft in Gruppen und Kreisen;
3. er versucht Gemeindeglieder dafür zu gewinnen, sich in der Kirchengemeinde zu engagieren;
4. er begleitet, unterstützt und schützt die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Pastorinnen und Pastoren in ihrem Dienst und fördert deren Zusammenarbeit;
5. er bemüht sich um finanzielle Mittel für die Arbeit der Kirchengemeinde und stärkt die Bereitschaft ihrer Mitglieder, diesen Dienst durch Spenden mitzutragen;
6. er wirkt darauf hin, dass die Kirchengemeinde sich denen zuwendet, die in besonderer Weise Nähe und Hilfe brauchen. Er sorgt dafür, dass sie die diakonischen Einrichtungen in ihrem Bereich unterstützt und hilft, weltweit Not zu lindern;
7. er stärkt die Zusammenarbeit mit anderen Kirchengemeinden und mit Diensten und Werken in einem guten Miteinander;
8. er fördert die ökumenische Gemeinschaft.

 

1.2. Die Umsetzung in der Praxis

Was dieses Gesetz in der Praxis bedeutet, ist je nach Kirchengemeinde unterschiedlich, denn die Aufgaben werden auf vielfältige Weise organisiert. Hier zunächst eine Zusammenstellung der Aufgaben, wie sie in der Praxis vorkommen:

Vorbereitung auf und Teilnahme an den Kirchengemeinderats-Sitzungen
Dauer: insgesamt monatlich ca. 4,5 Stunden

Ausschussarbeit
Dauer: unterschiedlicher Zeitaufwand, je nach anliegender Arbeit

Aufgabenfelder abhängig von der Gemeindesituation

  • Gottesdienst (Gottesdienstzeiten, Gestaltung und Formen ...)
  • Vorsitz: Leitung des Kirchengemeinderates und Verantwortung für Personal, Sicherheit, ...
  • Finanzen: Durchsicht von Haushalt und Jahresrechnung, Überblick über die Finanzen im laufenden Haushaltsjahr, Finanzplanung)
  • Bau*: Pflege, Erhalt, Abwicklung der kirchengemeindlichen Liegenschaften
  • Land*: Abschluss von Pachtverträgen, Landverkäufe, Holzvermarktung
  • Friedhof*: Regelmäßige Überarbeitung der Friedhofssatzung, insbesondere der Gebühren; Gestaltung des Friedhofs
  • Öffentlichkeitsarbeit: Gemeindebrief, Schaukasten, Internet, Pressearbeit
  • Kinder und Jugend: Angebote von Kinderbibelwochen über Jugendgruppen, Konfirmanden- und Teamerarbeit bis hin zu Freizeiten, ....
  • Senioren: Angebote, wie zum Beispiel Ausfahrten, Seniorenkreise, Gesprächsgruppen...
  • Ökumene: Pflege von weltweiter Gemeinschaft und Einsatz für Gerechtigkeit
  • Gemeindeentwicklung
  • Fundraising
  • Regionale Zusammenarbeit: Runder Tisch, Gemeindeverband, ...
  • Engagement im Kirchenkreis: Kirchenkreissynode, Kirchenkreisrat, ...
  • Sonstige Aufgaben vom Kita-Beirat, über Diakonie-Sozialstation bis hin zur Mitarbeit in Kuratorien, Stiftungen,...
    ________________
    *in enger Zusammenarbeit mit der Kirchenkreisverwaltung

Je nach Gemeindetradition: Weitere Aufgabenfelder
In manchen Kirchengemeinden übernehmen Kirchengemeinderäte traditionell Aufgaben, die über die eigentlichen Leitungsaufgaben hinausgehen. Zu diesen Aufgaben zählen beispielsweise:

  • ehrenamtlicher Küster_innendienst
  • Lektor_innendienst
  • Abendmahlsdienst
  • Sammeln der Kollekte
  • Einzug und Präsenz bei Konfirmationen, Einführungen, Verabschiedungen, usw.
  • Mitarbeit und Mithilfe bei Gemeindeveranstaltungen, besonderen Projekten
  • Geburtstagsbesuche bei Senior_innen

 

1.3. Die Organistion der Arbeit im Kirchengemeinderat: Formen und Möglichkeiten

Ob jemand für den Kirchengemeinderat kandidieren möchte, hängt möglicherweise auch davon ab, wie die Arbeit im Kirchengemeinderat sich mit Familie und Beruf kombinieren lässt. Wie der Kirchengemeinderat die Aufgaben organisiert, liegt in seiner Hand. Den Rahmen dafür bildet die Verfassung der Nordkirche Artikel 25 – 33 und die Kirchengemeindeordnung (Teil 4 des Einführungsgesetzes) Abschnitt 3 (§§ 16 -47).

1. Das klassische Modell
Der Kirchengemeinderat trifft sich monatlich zu einer Abendsitzung von 2-3 Std. – vorzugsweise an einem festen Tag im Monat (z.B. zweiter Donnerstag im Monat).

2. Die Arbeit in Ausschüssen
Nach der Verfassung Artikel 33, Kirchengemeindeordnung §§ 37 – 45

Der Kirchengemeinderat kann Aufgabenbereiche oder einzelne Aufgaben an Ausschüsse übertragen. Zusammen mit der Aufgabenbeschreibung legt der Kirchengemeinderat auch den Umfang der Entscheidungskompetenz (auch für die Verwendung von Geldmittel) des jeweiligen Ausschusses fest.

Kompetent besetzte und mit Entscheidungskompetenz ausgestattete Ausschüsse können die Arbeit des Kirchengemeinderats sehr entlasten. Damit Ausschüsse kompetent besetzt sind, kann der Kirchengemeinderat Gemeindeglieder mit Wissen und Erfahrung in dem jeweiligen Aufgabenbereich in die Ausschüsse berufen. Jedem Ausschuss muss mindestens ein Mitglied des Kirchengemeinderats angehören. Zwei Ausschüsse allerdings dürfen nur mit Mitgliedern des Kirchengemeinderats besetzt sein: der Finanzausschuss und der Geschäftsführende Ausschuss.

Die Ausschüsse sind dem Kirchengemeinderat für ihre Arbeit verantwortlich und erstatten diesem regelmäßig Bericht. Auch über die Protokolle der Ausschusssitzungen, die das vorsitzende Mitglied bzw. der Geschäftsführende Ausschuss (siehe unten) jedem Kirchengemeinderatsmitglied zugänglich macht, ist der Kirchengemeinderat jederzeit darüber informiert, wie die übertragenen Aufgaben wahrgenommen werden. Diese Protokolle können ggf. tabellarisch geführt werden. Nach Vereinbarung können sie per E-Mail verschickt oder im internen (geschlossenen) Bereich auf der Internetseite eingesehen werden. Transparenz fördert das Vertrauen.

Der Zeitaufwand ist je nach Aufgabe sehr unterschiedlich.

3. Der Geschäftsführende Ausschuss
Nach der Verfassung Artikel 29, Kirchengemeindeordnung § 44

Der Geschäftsführende Ausschuss führt die Tag-für-Tag-Geschäfte des Kirchengemeinderats und setzt die Grundsatz- und Rahmenbeschlüsse des Kirchengemeinderats um. Auch für diesen Ausschuss muss der Kirchengemeinderat die Befugnisse festlegen. Innerhalb des Geschäftsführenden Ausschusses können die Aufgaben der Geschäftsführung (z.B. Finanzen, Mitarbeiterführung, Koordination der Ausschüsse und Aufgaben, Repräsentanz nach außen) einzelnen Mitgliedern übertragen werden. Ein Geschäftsführender Ausschuss kann die Arbeit des Kirchengemeinderats sehr entlasten.

4. Das Entlastungsmodell
Kirchengemeinderäte, die durch Ausschüsse samt eines Geschäftsführenden Ausschusses in ihrer Arbeit entlastet sind, brauchen sich möglicherweise nicht monatlich zu treffen. Die Kirchengemeindeordnung enthält eine Sollbestimmung zur Häufigkeit der Sitzungen: „mindestens alle sechs Wochen“ (§ 26 Absatz 1, Satz 2). Eine Sollbestimmung ist offen für eine abweichende Praxis, wenn diese begründet ist. Je nachdem, wie „die Aufgaben es erfordern“ (§ 26 Absatz 1 Satz 1), könnte sich ein Kirchengemeinderat z.B. auch im Zwei- Monats-Rhythmus treffen, eventuell an einem Samstag (-vormittag und /oder -nachmittag) – und beispielsweise mit organisierter Kinderbetreuung.

Jeder Kirchengemeinderat wird seine ihm gemäße Form finden. Wenn in der Zwischenzeit Entscheidungen anstehen, die der Kirchengemeinderat treffen muss, kann es Umlaufbeschlüsse geben, wenn der Diskussionsstand im Kirchengemeinderat dies erlaubt, die Kirchengemeinderatsmitglieder hinlänglich über den Entscheidungsgegenstand informiert sind und alle Kirchengemeinderatsmitglieder mit diesem Verfahren in dieser Angelegenheit einverstanden sind.

In jedem Fall bietet eine gute Organisation / Delegation der Gesamtaufgaben des Kirchengemeinderats den Freiraum, sich auch eingehend den theologisch-geistlichen Fragen der Gemeindeentwicklung zu widmen.

5. Klausurtag bzw. –wochenende des Kirchengemeinderats
Etliche Kirchengemeinderäte haben – gerade im Blick auf die zuletzt genannte Aufgabe – gute Erfahrungen gemacht, sich einen Tag oder sogar ein Wochenende mit Übernachtung an einen anderen Ort zurückzuziehen, um konzentriert und in Ruhe grundlegende Themen miteinander zu beraten.

6. Unterstützung durch Beratung
In seinen Überlegungen, wie der Kirchengemeinderat unter den gegebenen Bedingungen seine Arbeit am besten organisiert, kann er sich durch die / den Mitarbeitenden der Organisations- und Personalentwicklung im Kirchenkreis begleiten lassen. Jede Lösung muss sich erst bewähren. Nach einer (6 - 12 monatigen) Testphase kann die gewählte Form überprüft und ggf. angepasst werden.


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