Kirchenasyl: Grundsätze und Empfehlungen für Kirchengemeinden

„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. (...) Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt. 25,35 + 40)

Mit Hilfe des Kirchenasyls bietet die Kirche Menschen in Not Schutz, denen die Abschiebung in eine Situation droht, die für sie Gefahr für Leib und Leben bedeutet: Kirchenasyl eröffnet der Kirche die Möglichkeit, die Entscheidungen der Behörden in Frage zu stellen, Zeit zu gewinnen, um in Ruhe die rechtlichen, sozialen und humanitären Bedingungen zu prüfen bzw. prüfen zu lassen. In der Regel richtet sich eine Anfrage auf Kirchenasyl an eine Kirchengemeinde. Voraussetzung für die Gewährung eines Kirchenasyls ist ein Kirchengemeinderatsbeschluss hierüber, der bestimmte Angaben enthalten muss. Bis es dazu kommt, bzw. wenn es dazu gekommen ist, sind für ein gutes und geordnetes Verfahren folgende Schritte zu gehen, weil es sich bei einem Kirchenasyl um eine kirchenpolitisch, juristisch und in den persönlichen Auswirkungen sensible Angelegenheit handelt. Dabei ist jedes Kirchenasyl ein Einzelfall.


Kurz im Überblick: Bei einer Anfrage auf Kirchenasyl ist zu bedenken,

  • dass der Schutz von Fremden bis hin zum Kirchenasyl eine unserer vornehmsten Aufgaben ist
  • dass ein Kirchenasyl als eine Art „Krise“ in ihrer Behandlung ggf. Vorrang verdient vor anderen Obliegenheiten.

Und

  • die Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises, Mareike Brombacher, einbeziehen
  • eine rechtliche Einschätzung einholen
  • einen Kirchengemeinderatsbeschluss fassen
  • eine Trägergruppe einrichten
  • die Raumfrage klären
  • die mögliche Dauer des Kirchenasyls bedenken
  • „emotionale Prozessbegleitung“ bereitstellen
  • die Frage nach „Öffentlichkeit“ klären
  • den Abschluss begehen


Dies bedeutet konkret:
1. Die Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises, Mareike Brombacher ist als Beratung einzubeziehen.

2. Zunächst wird eine rechtliche Einschätzung darüber eingeholt, ob der Fall für ein Kirchenasyl geeignet ist, und zwar bei einer Anwält_in. (Hierzu zählen u.a. der Stand des laufenden Asylverfahrens: Welches ist der Grund auf eine erneute Prüfung bislang nicht ausreichend gewürdigter Umstände oder Verfahrensfehler hinzuwirken? Sind alle Rechtsmittel ausgeschöpft?). Die Einschätzung geschieht in gemeinsamer Abstimmung zwischen der Kirchengemeinde, der Flüchtlingsbeauftragten des Kirchenkreises, der Flüchtlingsbeauftragten der Nordkirche, die den Kontakt zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hält, und der Anwält_in der Asylsuchenden. Die rechtliche Einschätzung mündet in die Bewertung der Erfolgsaussichten.

3. Die Kirchengemeinde richtet eine Trägergruppe für das Kirchenasyl ein. Hierzu zählen zwei bis drei Personen, die das Kirchenasyl „leiten“. Sie sorgen für einen guten und geordneten Ablauf des gesamten Kirchenasyl-Vorganges und sind Ansprechpartner_innen für das Kirchenasyl. Darüber hinaus muss es einen den Umständen des Falles angepassten ausreichend großen Unterstützer_innen-Kreis geben (u.a. Versorgung, Kontakt, Fahrdienste, für z.B. den Schulbesuch von Kindern).

4. Der Kirchengemeinderat (KGR) klärt die Raumfrage: Welche Räume werden für das Kirchenasyl benötigt und bereitgestellt?

5. In die Überlegungen ist die oftmals nicht eindeutig einschätzbare Dauer eines Kirchenasyls einzubeziehen. Anfängliche Hinweise „Das dauere nur vier Wochen, bis die Sache durch sei“, haben sich auch als unzutreffend erwiesen und die entsprechenden Verfahren ein dreiviertel Jahr gedauert. Eine verfahrensunabhängige Befristung soll es nicht geben. Ausnahmen hiervon könnten verfahrensbedingte Fristabläufe sein (genauere Informationen über die Flüchtlingsbeauftragte).

6. Die besondere pastorale Rolle könnte in der „emotionalen Prozessbegleitung“ liegen. Die Beteiligten sind während des Verfahrens erfahrungsgemäß in einer „emotionalen Achterbahn“, deren Verlauf stark vom Prozessverlauf abhängt. Es ist gut, einen Menschen dabei zu haben, der für die Begleitung dieser Fahrt Kompetenz und Zeit hat.

7. Ein Kirchenasyl ist auch für die Asylgebende KG eine Art „Krise“, die in ihrer Behandlung Vorrang verdient vor anderen Obliegenheiten. (So müssen u.U. Beschlüsse und Maßnahmen in einer kürzeren Frist durchgeführt werden, als wir es gemeinhin gewohnt sind.)

8. Die Frage der „Öffentlichkeit“ ist von Beginn an gut im Blick zu haben: Welche Art Öffentlichkeit wird wann hilfreich sein? Wer ist für die Kontakte in dieser Hinsicht zuständig? Hierfür ist die beratend hinzugezogene Presseabteilung des Kirchenkreises hilfreich.

9. Wie auch immer das Kirchenasyl ausgeht, sollte am Ende eine geeignete Form gestaltet werden, diesen Abschluss zu begehen (Fest, traurig-trotzige Abschlussversammlung, Übergabe an andere...).

10. Das hört sich nach sehr viel Arbeit an, ist es in der Regel auch. Mit dem Kirchenasyl erfüllen wir als Kirche aber auch eine unserer vornehmsten Aufgaben, nämlich Bedrängten zu helfen. Wir knüpfen damit an biblisches Recht und Wort an: Die „Hörner des Altars“ schützen vor Verfolgung (1. Könige 1,50f.). Die Witwen, Waisen und Fremden stehen unter Gottes besonderem Schutz (5. Mose 27, 19; Jeremia 7, 5f.). Und Jesus bezeichnet diejenigen, die Fremde aufnehmen als Gesegnete des Herrn (Mt. 25, 35)

11. Angesichts der hohen Bedeutung von Kirchenasyl bitten wir darum, dass Sie sich in ihrem Kirchengemeinderat grundsätzlich mit diesen Fragen beschäftigen, um sich klar darüber zu werden, ob und wie Sie zu einem evtl. Kirchenasyl bereit sind. Wenn eine Anfrage kommt, müssen die ersten Schrittes erfahrungsgemäß recht zügig gegangen werden.

12. Gutes Gelingen und Gottes Segen!

Informationen und Kontaktdaten:
Mareike Brombacher, Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises

"Erstinformation Kirchenasyl" und "Checkliste Kirchenasyl":
 www.kirchenasyl.de


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