Plakatmotiv Kirchentag2017 01
Die Losung des diesjährigen Kirchentages war: "Du bist ein Gott, der mich sieht" (Foto: Deutscher Evangelischer Kirchentag)

Gedanken zur Woche

27.05.2017

Gedanken zur Woche von Johannes Ahrens, Stadtpastor in Flensburg

"Ich glaube nur, was ich sehe", behaupten manche.

In Wirklichkeit landen Flugzeuge unbemerkt not auf Autobahnen. Und auf YouTube laufen mitten unter Basketballspielern Gorillas durchs Bild. Das fällt den wenigsten Betrachtern auf. Experimente und Erfahrungen zeigen: Wir Menschen sehen nur, was wir für möglich halten. Erwiesen ist: Wir sehen, was wir glauben.

Das Glaubensbekenntnis einer Geflüchteten bildete in diesem Jahr die Losung des Kirchentages. "Du bist ein Gott, der mich sieht", sagt die schwangere Hagar. Unter ihrem Herzen trägt sie Ismael; er gilt als Stammvater der Araber und im Koran als Miterbauer der Kaaba. Ein Engel findet sie in der Wüste an einem Brunnen und, so erzählt das 1. Buch Mose, weist ihr den weiteren Weg. Er führt sie zurück an den Herd des Konflikts. Eine Zumutung. Bei Lichte betrachtet jedoch die einzig zukunftsträchtige Entscheidung: sich auseinanderzusetzen.

Gott schaut offenbar genau dort hin, und dort dann genau hin, wo Menschen aufeinander herabsehen - wie in der biblischen Geschichte Sara und Hagar, oder die Augen vor der Wirklichkeit sogar gänzlich verschließen - wie Ismaels Vater Abraham. Sich hingegen wenigstens gegenseitig eines Blickes zu würdigen, gleicht dem Brunnen in der Wüste; es rettet vor dem Verdursten.

Es alarmiert mich, wenn sich ganze Teile der Gesellschaft nicht genügend gesehen fühlen und infolgedessen wiederum anderen ihre Anerkennung verweigern. Ein Anfang wäre ja schon damit gemacht, wenigstens "Moin" zu sagen - die niedrigschwelligste Form, einander die gegenseitige Existenzberechtigung zuzusprechen.

Es für nicht gänzlich ausgeschlossen zu halten, dass der andere Dein Nächster sein könnte. "Er ist wie Du", sagt die Bibel. Wer das glauben kann, sieht es.