Kirchliches Wort 2018 03 10 Foto Ahrens 01
Foto: Johannes Ahrens

Gedanken zur Woche: "Wahre Stärke"

10.03.2018

Gedanken zur Woche von Johannes Ahrens, Stadtpastor in Flensburg

Mario* predigt. Und das mitten in der Nacht. Seine einzigen Zuhörer: zwei Leute vom Nachtkirchenteam. Fast waren wir schon vorbeigelaufen. Da hören wir: „Wisst ihr eigentlich, wie kalt es bei euch ist?!“ Mario meint damit nicht die Temperaturen des Flensburger Schneekataströphchens; ihm fehlt vielmehr zwischenmenschliche Wärme.

Wüste Beschimpfungen schallen ihm aus der Fußgängerzone entgegen, wenn er Passanten ins Restaurant locken möchte; er arbeitet dort als Kellner. „Bitte ich etwa die Leute in einen Puff?“ fragt er uns. „In Italien ist es anders. Wo ich herkomme, ist es normal, wenn Menschen miteinander reden.“Mario erzählt aus seinem Leben. Dass er schon seit über zwanzig Jahren hier lebt. Dass er gerade ganz von vorn anfängt, weil alles in die Brüche gegangen ist.

„Aber ich schäme mich nicht! Für meine Tränen nicht, und auch nicht dafür, dass ich von einem vornehmen Lokal in ein einfacheres gewechselt bin. In den ersten Wochen habe ich jeden Abend geweint. Männer dürfen doch weinen, findet ihr nicht auch?“

Wir gucken uns an. Doch, das finden wir auch. Und nicken. „Wir können doch nicht alle einfach aneinander vorbeilaufen! Wir müssen zeigen, wie es uns geht!“, sagt er noch. Dann schnippst er seine Pausenzigarette weg und schickt uns weiter auf unserem nächtlichen Rundgang. 

„Zeig dich!“, heißt das Motto der Fastenzeit in diesem Jahr. In jede der sieben Wochen bis Ostern eine andere Blickrichtung. „Zeig Deine Fehlbarkeit“ heißt es an diesem vierten Sonntag.

Wie entlastend! Schwächen zugeben, Fehler eingestehen, Macken lieben lernen. Bei dir selbst und bei anderen. Da wird überschüssige Energie frei, die du sonst anderweitig vergeudest: für notorisches Rechthabenmüssen. Für aufwendige Vertuschungsaktionen. Für den Bau filigraner Selbstrechtfertigungskonstrukte.Sich hingegen zu zeigen zu können wie Mario, das finde ich echt stark.

*Name geändert

Info: Nachtkirche in Flensburg

Ein Moment Zuwendung. Einen Augenblick zuhören. Sich ansehen. Manchmal ist eine Tasse Kaffee willkommen. Oder ein kurzes Gebet. Das ist Nachtkirche. 

Seit April 2017 steht der Nachtkirchenbauwagen vor St. Nikolai am Flensburger Südermarkt. Die Stadt Flensburg stellt den ausrangierten Wagen kostenfrei; die Farbe für den Anstrich kommt von Spendern.

Die „Kirche vor der Kirche“ dient als Stützpunkt und Ausgangsbasis für die ehrenamtlichen Zweierteams, die auf ihren Spaziergängen und Streifzügen zuhören, schlichten, trösten oder mit Menschen beten. Einmal in der Nacht gibt es eine kurze Andacht bei Kerzenschein in der großen Kirche.

Das ökumenische Projekt ist eine Initiative der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Flensburg“; die Gruppe wird von drei Pastoren mit begleitet. Alle 14 Tage trifft sich dort, jeweils in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, ab 22.00 Uhr ein bunt gemischtes Team.

Wer bei dem ökumenischen Projekt mitmachen oder es anderweitig unterstützen möchte, bekommt nähere Informationen bei Stadtpastor Johannes Ahrens stadtpastor.flensburg@kirche-slfl.de