Film In den Gangen Foto Sommerhaus Film
Aus dem Film "In den Gängen" | Quelle: Sommerhaus Film

Kinopredigt zum Film "In den Gängen"

19.07.2018

Eine lesenswerte Kinopredigt von Stadtpastor Johannes Ahrens zum Film "In den Gängen" (Regie Thomas Stuber), der am 15. Juli 2018 im "Kino 51 Stufen" in Flensburg gezeigt wurde.


"Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß, mit seinem hellen Scheine vertreibt´s die Finsternis."

Fridrich Layriz 1844 (EG 30 Es ist ein Ros entsprungen)

"Warum war mir das nie aufgefallen?"
Die letzte Frage des Films, einer der letzten Sätze von "In den Gängen", soll hier am Anfang stehen. Denn vielleicht geht es (nicht nur im Film) die ganze Zeit über um nichts anderes: Um das, was uns, wenn wir imgage sind, mit einem Mal einleuchtet und klar wird - oder eben auch unserer Aufmerksamkeit entgeht.

"Warum war mir das nie aufgefallen?"
Dass - um nur ein Beispiel zu nennen - im zischenden Herabsenken der Gabel eines Flurförderfahrzeugs in Wirklichkeit das Rauschen des Meeres zu hören ist, ist ja nicht ohne weiteres und jedem auf Anhieb gleichermaßen klar. Aber wenn man ganz genau hinhört…

Dann und wann gibt es Menschen, die uns aufmerksam machen, die uns Augen und Ohren öffnen, für die Rose, die gerade dabei ist zu entspringen. Wundersame Blumen blühen in diesem Film, Blüten von Gnade, von einer holperig beginnenden Freundschaft, von erwachender Liebe.

"Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt´s die Finsternis." Sie alle kennen die Zeilen aus dem Weihnachtslied "Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht." Der Choral gehört zum beachtenswerten Soundtrack unseres Films, der Liste also von Musikstücken, die unter die Bilder gelegt werden. Dazu gehören so gegensätzliche Stilrichtungen wie

  • gleich zu Anfang - der "Donau-Walzer" von Johann Strauß (womöglich eine Hommage an Stanley Kubrick´s "2001: Odysse im Weltraum"; was dort die Raumschiffe hier Gabelstapler)
  • die Klänge von Glücksspielautomaten
  • eine Bach Orchester Suite
  • ebenso wie zeitgenössische Songs von Timber Timbre, Son Lux oder Son House

"Willkommen in der Nacht, Kollegen", begrüßt Vorabeiter Rudi seine Kolleginnen und Kollegen. Irgendwie hat man die ganze Zeit über das Gefühl, es ist einer dieser Nächte, die dabei sind, sich hinzuentwickeln auf Weihnachten oder auf Ostern. "Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat´s nicht ergriffen", könnte man mit dem Prolog des Johannes Evangeliums (1,5) sagen oder mit Jesaja, auf dessen Vision ja das eben erwähnte Weihnachtslied basiert "Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen" (11,1). Die Mitte der Nacht ist der Anfang eines neuen Tags - und an so einem Umschlagpunkt irgendwo im Osten der Nachwendezeit spielt auch unsere Geschichte.

"In den Gängen" ist zuerst als Kurzgeschichte von Clemens Meyer erschienen, gerade mal 25 Seiten lang; manche unter Ihnen werden den 1977 in Leipzig geborenen Autor kennen ("Als wir träumten"). "Seine Mutter Regina Meyer arbeitete während der DDR-Zeit in einem kirchlichen Kindergarten. Mit ihr und seiner Schwester besuchte Clemens Meyer regelmäßig die Montagsdemonstrationen 1989 und Umweltgottesdienste in Leipzig. Während der Schulzeit betätigte er sich im Posaunenchor seiner Kirchgemeinde, wo er die zweite Trompete spielte." (Wikipedia)

Auch vor diesem Hintergrund erkläre ich mir die zahlreichen biblischen und christlichen Anklänge in diesem Film, Musik, Motive, Erzählungen.

Thomas Stuber, der Regisseur unseres heutien Kinokirchenfilms war sofort von der Tiefe und Kargheit dieser Kurzgeschichte angezogen; die beiden haben dann zusammen das Drehbuch geschrieben und einen 2-Stunden-Film daraus gemacht, der - das kann ich versprechen - in keiner Sekunde langweilig ist. Wie bei allen hervorragenden und vielschichtigen Filmen lässt sich auch "In den Gängen" auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig verstehen:

Vielleicht sehen Sie darin - ganz einfach - (1) eine typische "Boy meets girl"-Geschichte? Wie Christian, der Frischling sich in die Süßwaren-Marion verliebt. Ausgelöst durch einen Blick durch die Begrenzungen der Gänge, die Regale für die Waren, hindurch. Eine Entdeckung von Gang zu Gang. In ihren jeweiligen Gefangenheiten und Befangenheiten gibt es einen Moment der Begegnung, der zarten Berührung...

Ferner (2) könnte man sehen: Ein beinahe schon dokumentarisch anmutendes Lehrstück über das Nachwendegefühl des Abgehängtseins und Degradiertwerdens vieler Menschen im Osten. Bei der Präsentation auf der Berlinale meinte Regisseur Thomas Stuber: "Es geht um Menschen, die vielleicht sagen: Was ist mit mir? Und ja: ich könnte mir vorstellen, dass 3 von 5 Leuten das vollkommen Falsche wählen hier. Aber ich mag sie trotzdem. Das ist mein Ansatzpunkt: Ich wollte einen Film machen, der völlig empathisch mit all diesen Figuren umgeht."

Empathie statt Verurteilung könnte - möglicherweise auch außerhalb des Kinos - ein Weg sein. Bruno jedenfalls ist einer dieser Figuren: Leiter der Getränkeabteilung, der zu so einer Art Mentor und väterlichem Freund unseres Hauptdarstellers Christian wird - und dieser eine Art Zögling, nicht eines Klosters, sondern eines Betriebes mit nicht weniger Regeln, dafür vermutlich mit deutlich mehr Regalen.

Zu DDR Zeiten noch LKW-Fahrer, hatte Bruno damals Glück, übernommen worden zu sein von dem neuen Großmarkt. "Soziologisch betrachtet, die Umkehr des Fernweh-Mythos der eingemauerten DDR-Bürger. Vom Kapitän der Landstraße zum Kapitän der Regalgassen, so lautet die Bilanz der Wiedervereinigung für Bruno" (Welt online).

Und die Autobahn, früher die Lebensader für Bruno, wird auf einmal zu einer neuen Grenze (“Ich wohne auf der anderen Seite der Autobahn“), die nur auf allzu schmerzhafte Weise sichtbar macht, wie das Leben an einem vorbeirauscht. "Mir fehlt die Strasse", gesteht er Christian in einem ganz kostbaren Moment, in dem er es wagt, sich zu zeigen. Seine Seele vertrauensvoll hinzuhalten.

Dass uns oft nichts auffällt und wir uns hinterher wundern "Warum war mir das nie aufgefallen?", hat ja nicht nur damit zu tun, dass wir nicht genau genug hinsehen, sondern auch damit, dass wir oft alles dafür tun, vor anderen zu verbergen, wie es uns wirklich geht. Was uns wirklich umtreibt. Und manchmal ja auch nicht zeigen dürfen, was in uns vorgeht, weil nur das von uns zu sehen sein soll, was der Kunde sieht, wenn er uns sieht. Und so kommt in jeder Schicht immer neu der Arbeitskittel über die Christians Tätowierungen; über die Kampfhunde, Insignien des alten Lebens, das Christian auf seinen Schultern trägt.

Ein anderer solcher Moment, einer andere solchen Rose dürfen wir beim Entspringen zusehen, als Christian der Süßwaren-Marion auf der Weihnachtsfeier anvertraut, mit welchen Worten ihn sein ehemaliger Chef beschimpft hat, als er auf seiner vorherigen Hilfsarbeiter-Stelle auf dem Bau gefeuert wurde. Manchmal ist das Vertrauen so groß, dass wir sogar die Momente tiefster Beschämung mit anderen teilen. 

Und deshalb möchte ich (3) dazu einladen, diesen Film zu sehen als eine Art Parabel auf das Leben insgesamt. Und den Großmarkt als eine Art Mikrokosmos, der für´s Ganze und Große steht. Eine Art Gefängnis und Zuhause zugleich, eine Art "Jammertal" und "Freudensaal" in einem (um noch einmal das Weihnachtslied zu zitieren):

Es gibt das Mitfiebern der Kollegen und deren Applaus nach gerade eben bestandener Gabelstaplerfahrer-, Flurförderfahrzeugprüfung. Wer unter uns lebt nicht von der Resonanz des Umfelds? Weiter gibt es gibt eine Art "Ährenraufen am Sabbat" (Lk 6,45 parr.), wenn Bruno und sein Kollege sich verbotenerweise wie Säue über den Trog über die weggeworfenen Lebensmittel hermachen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Ich zikere Jesus etwas frei: "Die Regeln sind um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um der Regeln willen."

Und schließlich gibt es Menschen, zu deren Vermächtnis es gehört, zu sagen: "Der Christian, der ist in Ordnung." Manchmal stellt sich so etwas erst im Nachhinein heraus. (Die Theologie der Reformationszeit nennt so etwas Rechtfertigung).

Zwischen diesen paar Regalen, In den Gängen, spielt sich das Leben ab und es gibt dort alles, was es auch sonst gibt: Sibirien werden wir kennenlernen und Das Meer. Sogar das Paradies bekommt regelmäßig Besuch; ein Paradies mit Palme und Sandstrand und allem Drum und Dran, vor allem aber einem Kaffeeautomaten. Der ist ja bekanntlich so etwas wie der moderne Baum des Lebens.

Und nun wünsche ich Ihnen gute Entdeckungen bei allem, was Ihnen auffallen wird In den Gängen und freue mich auf unser Film-Nachgespräch.

Stadtpastor Johannes Ahrens