Einzug beim Kreiserntedank vorne John Gosch und Kea Lausen von der Landjugend Foto Pfaff
Einzug beim Kreiserntedank. Vorne John Gosch und Kea Lausen von der Landjugend (Foto: Pfaff)

Kreiserntedank: Landwirte, Verbraucher*innen und Kirche im Dialog

07.10.2019

„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land …“: Dieses traditionelle Lied haben Menschen gestern (So., 6.10.2019) in zahlreichen Gottesdiensten in ganz Schleswig-Flensburg gesungen – so auch im Kreiserntedankgottesdienst in der voll besetzten St. Marien-Kirche in Grundhof, die von den Landfrauen Streichmühle prächtig geschmückt war.

Die meisten anderen Gottesdienst-Elemente beim Kreiserntedank waren dagegen wenig traditionell. Statt einer Predigt erlebten die Besucher*innen ein moderiertes Gespräch zum Thema „Wir ernten, was wir säen“. Und: Alle Gäste waren eingeladen, sich per schriftlichem Statement zu beteiligen. Besonders auch: Neben den Einladenden – den Kreisbauernverbänden, den KreisLandfrauen, der Landjugend und der Evangelischen Kirche – saßen bzw. standen ein Unternehmer aus dem biologischen Pflanzenschutz und eine Verbraucherin auf dem Podium, das lebendig und verbindlich von Pastorin Simone Liepolt moderiert wurde. Außerdem führte sie kurzweilig durch den gesamten Gottesdienst, der musikalisch vom Grundhofer Männerchor ausgestaltet war. Im Eingangsgebet dankte Liepolt Gott für alle Gaben und Talente und bat darum, dass alle guten Absichten in kraftvolle Taten verwandelt werden.

Im Podiumsgespräch bezeichnete sich die Verbraucherin Christina Micheel selbst als typische Durchschnittsverbraucherin, die den Einkauf von Lebensmitteln heute nicht nur als Frage des Geldes beschrieb, sondern auch als Frage des Gewissens, der Ethik, der Moral und der Politik. Regional, Bio und fair könne sie sich als Durchschnittsverbraucherin oft nur schwer leisten und Menschen mit wenig Geld seien gezwungen, ihre Moral an der Supermarktkasse abzugeben.

Dass es oft auch für die Landwirte schwer sei, ihr Auskommen zu haben, erläuterte die Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Flensburg, Karen Franzen. Sie sagte: „Ein Landwirt versorgt heute 150 Mitbürger. Sie produzieren das, was nachgefragt wird. Und sie sind anpassungsfähig.“ Es gelte, Verständnis zu säen, einfache Schlagworte zu hinterfragen und in Zusammenhängen zu denken.

Um gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung bat der Jüngste in der Runde, Arne Sierk (25), der für die Landjugend sprach. Er beschrieb, dass er als Direktvermarkter von Milch und Fleisch im engen Austausch mit vielen Verbraucher*innen sei. Er sagte: „Vertrauen, Ehrlichkeit und ein gutes Miteinander sind das A und O. Die Verbraucher*innen kaufen schließlich nicht nur das Produkt, sondern das, was dahintersteht.“ Susanne Andresen, die im ökologischen Landbau und im Vorstand des LandFrauen-Kreisverbandes arbeitet, hob hervor, dass es nicht nur um die Wertschätzung der Menschen, sondern auch der Nahrungsmittel selbst geht. „Etwas selbst gezogen zu haben, was prachtvoll gewachsen ist, und es dann zu ernten, ist immer wieder ein Glücksgefühl.“

Um den konstruktiven Dialog ging es auch Propst Helgo Jacobs in seinem Beitrag, der „eine Atmosphäre von Anspannung und Kritik“ beschrieb. Es gelte, wertschätzend und anerkennend zu sein und sowohl den Menschen mit Sorgen als auch denen mit neuen Ideen Aufmerksamkeit zu schenken. Die Kirche sei dafür ein Resonanzraum. Für ein faires Miteinander brauche es Prosperität, also Brot und Auskommen, Partizipation, also Teilhabe an Arbeit und Brot und Demokratie, also eine faire Verständigung über die Rahmenbedingungen des Lebens. Als weiterer Überlebensfaktor des Systems käme die Ökologie dazu. „Wenn ein Faktor fehlt, droht der Kollaps.“ sagte er.

Um den ökologischen Kollaps zu vermeiden, warb Unternehmer Tillmann Frank für den Einsatz von biologischem Pflanzenschutz. Nur wenige Entwicklungen hätten derzeit den Weg in die Praxis gefunden, beschrieb Frank. Als Grund dafür sah er im Wesentlichen die Politik, auch die deutsche Agrarpolitik. Er sagte: „Wenn wir lernen, mehr mit natürlichen Ressourcen zu arbeiten, können wir auch in Zukunft sicher und ausreichend ernten, da bin ich mir sicher.“

Auch weltweit Schritte aufeinander zuzugehen, mahnte Kreispräsident Ulrich Brüggemeier in seinem Grußwort des Kreises an. Er sagte: "Erntedank sollte darüber hinaus immer jene in Solidarität einschließen, denen keine so reiche Ernte beschieden ist. Für uns muss es selbstverständlich sein, an der Bewältigung dieses Problems an anderen Punkten der Erde mit unserem Wissen und mit allem Nachdruck mitzuarbeiten."

Wie kontrovers das Thema Landwirtschaft ist, zeigte sich in den Beiträgen aus dem Publikum. Sie reichten von der Frage, wie ein konventioneller Landwirt heute gut schlafen kann, bis zur Aussage, dass die generelle Bauernschelte unerträglich sei. Als prominenter Gast dankte Dr. Sabine Sütterlin-Waack, Ministerin für Justiz, Europa, Verbraucherschutz und Gleichstellung in Schleswig-Holstein, nach dem Gottesdienst der Evangelischen Kirche, dass sie die kontroverse Diskussion um die Landwirtschaft aufgenommen hat. Sie sagte: „Alle Seiten müssten aufeinander zugehen. Mich treibt derzeit besonders das Nitrit in unserem Grundwasser um, da haben wir von der EU eine rote Karte bekommen und müssen als Politik dringend etwas tun.“