Der Arbeitskreis vor seinem Tagungsort Domhalle
Der Arbeitskreis 27. Januar vor seinem Schleswiger Tagungsort, der Domhalle: Vlnr: Pastorin Birgit Johannson, Pröpstin Johanna Lenz-Aude, Pastor em. Ulrich George, Inke Asmussen, Pastor em. Joachim Liß-Walther, Irmgard Bonstedt-Wilke, Dorothee Tams. Auf dem Foto fehlt Erika Erichsen.

Schleswiger Arbeitskreis 27. Januar: Erinnern als Brücke in die Zukunft

27.01.2021

"Das Gedenken darf nicht aufhören. Aus der Vergangenheit lernen wir für die Gegenwart und für die Zukunft," sagt Pastorin Birgit Johannson von der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schleswig. Sie ist Mitglied im Schleswiger "Arbeitskreis 27. Januar".

Am 27. Januar 1945, also vor 76 Jahren, haben Truppen der Roten Armee Fraktion das Konzentrationslager Ausschwitz befreit. Es war das größte Vernichtungslager der Nazis. Vor 25 Jahren hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ ausgerufen.

Im Schleswiger Arbeitskreis 27. Januar treffen sich Vertreter*innen der Kirche, der Schleswiger Ratsfraktion, des Kreistags, des Helios-Klinikums und Interessierte. Ihr Ziel: Sich gegen das Vergessen zu stellen, sich für Demokratie einzusetzen und für eine Kultur des respektvollen Umgangs mit allen Menschen - unabhängig von Religion, Hautfarbe und Herkunft sowie Kultur.

Um mit Schüler*innen, Konfirmand*innen und anderen Gruppen ins Gespräch zu kommen, erzählen die Mitglieder auch von der braunen Vergangenheit vor Ort: Zum Beispiel, dass in Schleswig über 90% der Bevölkerung für die Nationalsozialisten stimmten, dass 1933 die größte Bücherverbrennung von ganz Schleswig-Holstein mit 5.000 Teilnehmer*innen in Schleswig stattfand oder dass im Jahr 1944 mehr als 700 Patient*innen der Schleswiger Fachklinik deportiert und ermordet wurden.

Inke Asmussen, die für das Helios-Klinikum im Arbeitskreis mitarbeitet, schreitet beispielsweise mit Schüler*innen den Weg ab, der die Deportierten damals vom Gallberg zum Kreisbahnhof und damit auf ihren Todesweg geführt hat. Sie sagt: „Bei diesem Gang spreche ich über die Geschichte, weil viele Schüler*innen heute kaum etwas darüber wissen. Und ich diskutiere mit ihnen, was das für uns heute und hier bedeutet. Viele Themen kommen dabei zur Sprache – vom Umgang mit Mobbing in der Klasse bis hin zur Frage, wie ich persönlich mit Menschen umgehe, die anders sind.“ Auch fordere sie immer wieder dazu auf, genau hinzusehen und - wenn nötig - Zivilcourage zu zeigen, sich einzusetzen, berichtet Asmussen.

„Gemeinsam wollen wir dazu beitragen, jeder Gefahr einer Wiederholung entgegenzuwirken“, so Pastor em. Ulrich George. Er sagt: “Gerade in Krisenzeiten, wie wir sie derzeit erleben, zeigt sich, dass die Demokratie fragil und gefährdet ist.“ In Krisen sei die Gefahr besonders groß, sich vereinfachenden Weltbildern und schnellen Lösungen anzuschließen, so George. Es gelte, wachsam zu sein, was die aktuelle politische Situation angeht, ergänzt Pastor em. Joachim Liß-Walther, der Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein ist. Antisemitismus ziehe sich durch die 2.000-jährige Geschichte des Christentums, so dass immer wieder gegen Klischees anzuarbeiten sei, so Liß-Walther.

Pröpstin Johanna Lenz-Aude formuliert als Ziel, den Bildungsauftrag auf das Hier und Heute zu beziehen und ein Menschenbild und eine Haltung zu vermitteln. Deshalb ist es ihr wichtig, die Menschen auch für den Umgang mit Sprache und Symbolen zu sensibilisieren. Sie sagt: „Begriffe und Symbole werden zum Teil leichtfertig aus der NS-Vergangenheit ins Heute übertragen und das ist eine große Gefahr. Der 27. Januar ist nicht nur ein Tag gegen das Vergessen, sondern auch gegen die Gedankenlosigkeit.“

Für seine Bildungsarbeit hat sich der Arbeitskreis gut aufgestellt: Neben Pröpstin Johanna Lenz-Aude, Pastorin Birgit Johannsen und den Pastoren im Ruhestand Joachim Liß-Walther und Ulrich George wirken Inke Asmussen als Vertreterin der Fachklinik und des Kreistags sowie Dorothee Tams von der Ratsfraktion der Grünen mit, außerdem die frühere Lehrerin des BBZ Erika Erichsen und Irmgard Bonstedt-Wilke.

Entstanden ist der Arbeitskreis 2009 aus einer kirchlichen Initiative um Pröpstin Lenz Aude und die damalige Schleswiger Pastorin Antje Hanselmann, die sich der gottesdienstlichen Gestaltung dieses Gedenktages annahmen. Seither ist der Kreis gewachsen und gibt sich seit 2018 den Namen "Arbeitskreis 27. Januar".

Neben der alljährlichen inhaltlichen Gestaltung des 27. Januar kümmert sich der Arbeitskreis auch um die Gestaltung des 9. November, dem Gedenken an die Pogromnacht von 1938. Seit 2009 lädt der Arbeitskreis zu einer Gedenkveranstaltung mit Gottesdienst, Lesung oder Vortrag und Musik ein.

In diesem Jahr muss diese Veranstaltung pandemiebedingt leider erstmals ausfallen. Interessierte Bürger*innen, besonders jüngere, sind herzlich zur Mitarbeit im Arbeitskreis eingeladen.
Kontakt: Büro von Pröpstin Johanna Lenz-Aude, Tel. 04621 9630-722