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Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Jahreslosung 2021 Lukas 6,36; 12.01.2021

Andacht zur Jahreslosung 2021 von Pastor Stefan Henrich, St. Jürgen in Flensburg

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Lukas 6,36

Irgendwo in Deutschland, eine Kleinstadt, mittendrin ein schönes Ensemble von Kirche, Kneipe und Pastorat. Es ist Herbst. Ein Garagentor steht offen, ein Rasenmäher an der Wand. Blätter des Jahres sind herein geweht. Die Nächte werden kühler, der Tag ist feucht und grau.
Der Rasenmäher friert nicht. Eine buntwollene Decke ist über ihn gebreitet, so als sei er zu Bett und zur Ruhe gebracht. Der Stecker ist gezogen, im neuen Jahr geht‘s weiter, nicht so laut wegen dem Elektromotor.

Mich hat die Garagenszene fasziniert und irritiert. Und sie hat mir ein Lächeln entlockt über die, wie ich fand, fast absurde Fürsorge dem Gerät gegenüber. Hatte der Küster oder die Pastorin, der Pastor oder die Küsterin die Decke geholt und den Rasenmäher eingemummelt oder war es jemand von der Gastwirtschaft gewesen? Die Ästhetik des Unerwarteten ließ meine Gedanken rotieren. Zum Glück war mein Smartphone geladen und ich konnte ein Photo machen. Mein zufällig Bild des Jahres.  Alleine die Farben.  Das Gelb der Decke scheint wie die Sonne, formschön wird es gesteigert durch den Strahlenkranz der Räder und den Grasfangkorb. Sein dunkles Gitternetz kehrt wieder in den gerasterten Rhomben der Decke. Ein bisschen Hoffnungsgrün lugt unter der Wolldecke hervor, blau ist der Himmel darüber und rot die Farbe der Liebe. Wollstrümpfe kratzen oftmals, diese Decke wärmt. Nimmt sie vielleicht jemand mit, der sie braucht in kalter Nacht oder wird ihm die Garage zum Stall, der schützt vor Regen und Frost?

 Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!


Wer immer mit hebräischen Sprachkenntnissen diesen Satz Jesu hörte, ist vermutlich auch ein wenig irritiert und fasziniert gewesen. Warum? Barmherzigkeit ist im Althebräischen sprachlich eng verwandt mit dem Mutterschoß. Das ist eine sprachlich gelungen kühne Übertragung, die Fähigkeit zum Erbarmen dem himmlischen Vater zu zuschreiben. Gott birgt uns erbarmend wie eine Mutter, die junges verletzlich Leben in ihrem Leib trägt und zur Welt bringt in die Freiheit der Gotteskindschaft.

Jesus sagt, dass wir selber auch barmherzig sein sollen. Das heißt ja, dass wir es von Natur aus nicht sind.  In einem Wörterbuch der DDR, so hörte ich früher, war das Wort Barmherzigkeit in späteren Auflagen gestrichen. In welchen Nachschlagewerken heute ist es noch zu finden?  Der altmodsch daherkommende Begriff muss mit Leben gefüllt sein und mit Geschichten. Am besten mit Lebensgeschichten.
Jesus erzählt davon viele, vor allem auch die eigene. Und die von den verlorenen Kindern, die wissen, dass sie sich zurückflüchten dürfen in Mutters oder Vaters Schoß und wenn die eigenen Eltern nicht mehr sind oder da sein können für die Kinder, haben wir mit ihnen den mütterlichen Vater im Himmel, der uns hilft zu leben auch vorher schon. Oder Jesus erzählt vom barmherzigen Samariter, der dem unter die Räuber gefallenen ins Hospital half.

In einem Hebräisch Wörterbuch lese ich, dass die allgemeine Bedeutung von „sich erbarmen“ die einer sich zumeist vom Höheren zum Niederen erstreckenden Liebe ist; namentlich im Aramäischen wird die Bedeutung zu „lieben“ überhaupt erweitert. (Jenni/Westermann, Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testamet Bd II., München 1976,  S.762)

Aramäisch war die Sprache Jesu. Wie passt es schön, dass die Philosophin Käte Hamburger vor 35 Jahren Barmherzigkeit als tätige Nächstenliebe definierte. Viele Jahrhunderte früher schrieb der Theologe Thomas von Aquin:
„An sich ist die Barmherzigkeit die größte der Tugenden. Denn es gehört zum Erbarmen, dass es sich auf die anderen ergießt und – was mehr ist – der Schwäche der anderen aufhilft; und das gerade ist Sache des Höherstehenden. Deshalb wird das Erbarmen gerade Gott als Wesensmerkmal zuerkannt; und es heißt, dass darin am meisten seine Allmacht offenbar wird“ (Summa Theologiae II-II, q. 30, a. 4)  ( vgl. de.wikipedia.org/wiki/Barmherzigkeit ).

Diese theologischen Gedanken in gesellschaftliches Handeln umzumünzen ist Aufgabe eines jeden Einzelnen. Wobei auch gesagt sein soll, dass Jesus gerade nicht der Höherstehende war, der sich huldvoll den Niedrigen zuwandte. Vielmehr war Jesus der in der Tiefe geborene Sohn Gottes, der aus der Tiefe seiner Gottesbeziehung anderen half und uns hilft, heilsame Gottes- und Nächstenliebe zu erfahren.  Ohne eigenen Dünkel und ohne öffentliche Zurschaustellung der Schwäche der anderen aufhelfen, damit sie selber gehen können, dass wäre ein schöner Vorsatz für 2021, der sich konkret äußern könnte z. B. so: Dem Kind helfen bei der Schule zuhause, wenn die eigenen Eltern das nicht können. Was spenden für „Brot für die  Welt“, wenn das eigenen Portemonnaie nicht zu schmal ist. Dem trauernden Nachbarn Trostworte bringen und einen Kuchen. Dem zugezogenen Flüchtling bei Behördengängen helfen. Den Politikern sagen, dass mit dem Schutz der Außengrenzen nicht die Menschenwürde in den Dreck getreten und vor die Ratten geworfen werden darf. Dem Obdachlosen Schlafsack und wärmende Jacke geben, wenn er weiterziehen möchte durch den Winter. Jesus bringt das alles auf den Punkt in dem Gleichnis vom großen Weltgericht, in dem er Werke der Barmherzigkeit skizziert und sagt: Was ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Geschwister, habt ihr mir getan.“ (vgl. Matthäus 25, 40)

Zurück zur Decke und zum Rasenmäher: Die Garage, in der er stand, war wenige Meter von der Kirche entfernt. An der Kirche war eine Rasenfläche, auf der standen Stühle und Tische wie in einem Biergarten. Dass hier wieder Leben tobt und sich Jung und Alt treffen und die einen nehmen auf der Decke Platz und andere oder nachher dieselben gehen in die Kirche zur Andacht und zum Gottesdienst, und ausgeschenkt wird an den Tischen draußen und drinnen und alle verstehen sich trotz Mundschutz und Abstand, das wäre mein Wunschbild für 2021. Die Decke läge vorne und hinten zöge der Rasenmäher seine Kreise. Wer ihn wohl schiebt?
Amen

(Photo und Andacht: Pastor Stefan Henrich)