Wort zum Sonntag 30 November 2019
Foto: Bente Stadtland

Wort zur Woche: "Abwarten und Kaffee trinken"

30.11.2019

Wort zur Woche von Pastorin Anja Stadtland, Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Petri, Flensburg

Ein neuer Duft zu Weihnachten – das wäre doch was! Der alte ist fast verbraucht. Eigentlich mag ich ihn auch nicht mehr. Etwas Frisches vielleicht, nicht zu schwer, aber auch nicht zu jugendlich. Ich betrete das Paradies der Düfte, schnuppere hier, rieche dort. Menschen drängen sich, suchen nur das Beste zum Feste.

Noch 24 Tage, man will ja gut vorbereitet sein. Mein Geruchssinn ist im Ausnahmezustand. Mir wird übel. Ein Glas mit Kaffeebohnen wird mir gereicht. „Das neutralisiert!“ Die Suche geht weiter. Das Paradies ist die Hölle. Nach einer Ewigkeit und einer Überdosis Koffein stolpere ich hinaus – schwitzend, stinkend.

„Lisbeth, was machst Du denn hier?“ Meine Freundin Marie steht vor mir. Sie nimmt mich in den Arm: „Du kannst ja kaum noch gerade stehen!“ Recht hat sie, mein Bauch wölbt sich mittlerweile gefährlich weit nach vorn. „Sag bloß, Du warst da drin? Also, ich kann seit meiner Schwangerschaft gar nichts mehr riechen.“ Marie hält sich ihren eigenen Bauch: „Kein Punsch, kein Stollen, geh mir weg mit all diesen Gerüchen! Der kleine Alien da drin verdirbt mir die ganze schöne Adventsstimmung. Das ist doch kein Zustand. Oh Du Fröhliche, haha! Sag' mal, bleibt das so bis zur Geburt?“ Ich hake sie unter: „Ja, ja, mir ist auch noch manchmal schlecht. Aber komm, wir gehen einen Kaffee trinken, das neutralisiert. Oder geht Kaffee auch nicht?“ Marie will sich nicht beruhigen. „Vielleicht ist das ja auch mal ganz gut. Alle futtern und trinken, und ich faste. Aber wer weiß, wofür das gut ist.Viel Zeit zum Nachdenken, Lesen, Musik hören. Wenn ich nur nichts riechen muss. Ist auf jeden Fall intensiv. Ich will vorbereitet sein für das, was da auf mich zukommt.“

Auf einmal stöhnt sie auf: „Scheiße, tut das weh! Ich glaub, es geht los. Will der Knabe schon raus? Viel zu früh!“ Ruhig bleiben, denke ich. Vom Paradies zu den Sanis ist es nicht weit. Der Rettungswagen steht am Rande des Treibens, für den Ernstfall bereit. Marie atmet, stöhnt, atmet. „Fährst Du mit? Ich möchte nicht allein...“ Ohne zu zögern steige ich ein. Auf der Fahrt halte ich Marie die Hand, alles andere bleibt zurück. Der Stern scheint durch's Fenster. Fehlalarm. Nichts passiert in dieser Nacht. Eine kleine Weile Geduld müssen wir schon noch haben!