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Foto: Johannes Ahrens

Wort zur Woche: "Dankbarkeit bewahrt vor Gier"

02.10.2020

Wort zur Woche von Johannes Ahrens, Stadtpastor in Flensburg

„Protect me from what I want“ - wie ein Stoßgebet liest sich, was schon vor bald 40 Jahren in riesiger Leuchtschrift über dem Times Square in New York zu lesen war. Eine Installation der amerikanischen Objektkünstlerin Jenny Holzer mitten im Auge des Konsumorkans.

Was auf Anhieb klar scheint, ist gar nicht so einfach übersetzen. Schütze mich vor dem, was ich haben möchte? Was ich erreichen oder besitzen möchte? Wer ich sein möchte? Schütze mich - insgesamt - vor meinem Begehren? Vielleicht von allem ein bißchen? Ach, sagen wir am besten gleich: Gott, bewahre mich - vor mir selbst.

An diesem Sonntag feiern Kirchengemeinden Erntedank. Die Erinnerung daran, dass wir unser Leben anderen Instanzen als uns selbst verdanken: der Schöpfung Gottes, der Arbeit unserer Mitmenschen, der Liebe unserer Nächsten. Denn „selfmade“ ist niemand von uns; wir leben stets vom Vorfindlichen; von Luft, Wasser, Sonne und Liebe, die uns umgeben. Von dem, was andere vor uns und neben uns errungen, erstritten, bewahrt und erduldet haben. Mit solcher Grundeinstellung - nennen wir sie Dankbarkeit - fällt Abgeben leichter; das Teilen mit anderen gehört daher zu Erntedank wie das Amen in der Kirche. Ebenso wie der Respekt vor allen nicht erneuerbaren Ressourcen. „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“, sagt Jesus. Eine Bibelpassage, die zu Erntedank in allen Kirchen gelesen wird. Glaubten wir ihm, hätte das weitreichende Folgen.

Es fiele etwa ein Licht auf den anderen Festtag dieses Wochenendes: auf 30 Jahre Deutsche Einheit. Eine andere Art Ernte, die noch immer nicht vollends eingebracht ist. Und bei der ebenfalls Habgier und Glücksrittertum, Selbstbereicherung und Korruption die Früchte der mutigen Montagsdemonstrationen gefährden.

Es fiele weiter ein Licht auf alle Tendenzen, sich Ein-Igeln zu wollen, sozusagen im dauernden Selbstgespräch mit nur der eigenen Seele zu bleiben. Das Cocooning des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union kostet Menschenleben. Tag für Tag.

Erntedank hingegen feiert die Bewahrung der Schöpfung durch Bewahrung vor uns selbst, und zwar durch gegenseitige Teilhabe: an den Gütern der Schöpfung, der Partizipation an Bildung und Demokratie, an medizinischer Versorgung, freiem Zugang zu sauberem Trinkwasser und sichere Zufluchtsorte für geflüchtete Nächste.

Davon leben Du und ich und jeder Mensch. Gott sei Dank.