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Foto: Johannes Ahrens

Wort zur Woche: "Mittagsstunde"

12.01.2019

Wort zur Woche von Pastorin Kerstin Popp, Kirchengemeinde Schuby

„Mittagsstunde“ heißt das Buch. 70er Jahre auf dem Land. Als man jeden Tag seine „Mittagsstunde“ hielt. Heilige Zeit! Wehe, man war zu laut oder wagte es gar, zu telefonieren. Wie mir das bekannt vorkommt. Genau so war es!

Das Lebensgefühl, das in den 70ern in den Dörfern herrschte, ist längst nicht mehr da. Weg, wie die Bauernhöfe und wie die Kultur, für die sie standen. Ich bin auch noch in die Dorfschule gekommen. Ein Lehrer und eine Lehrerin für alle Klassen von eins bis neun. Die meisten Jugendlichen machten nach dem Ende der Schulzeit eine Lehre.

Aber es gab auch damals schon die „Flüchtlinge“. Wenige nur. Die, die gut lernen konnten, wie es hieß. Die in die Stadt mussten auf das Gymnasium und später dann zur Uni. Die nicht wieder kamen in das Dorf.

So einen „Migranten“ beschreibt auch Dörte Hansen in ihrem Roman. Er ist schon Ende Vierzig und weiß immer noch nicht, wer er ist und wohin er gehört. „Schnack doch mal Platt. Das ist so niedlich, so urig. Das hört sich so lustig an“ – Ingwer Feddersen kann es nicht mehr hören. Er fühlt sich zerrissen zwischen seinem Leben als Professor in Kiel, dem Arte-Gucker und Lyrikleser und seiner Herkunft als Bauernsohn und „Plattschnacker“, der eigentlich den Dorfgasthof übernehmen sollte und mit seinem Weggang zu den „Studierern“ die Zukunftsträume seines Vaters platzen ließ.

Ich kann mich in dieser Figur ein bisschen wieder finden. In einer Zeit, in der von jedem erwartet wird, dass er oder sie „flexibel“ sei und überall zu leben bereit ist, regt sich die Sehnsucht nach dem Beständigen, nach dem „einen Ort, wo man hingehört“.  Und je älter man wird, nimmt wohl auch diese Sehnsucht wieder zu. Diese Zeitreise in meine Kindheit und Jugend war schön und schmerzlich zugleich, wie Erinnerungen halt sind.