Foto Moin geht immer
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Wort zur Woche: "Moin geht immer, oder?"

15.02.2020

Wort zur Woche von Pastorin Anja Stadtland, Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Petri, Flensburg

Die Sonne grüßt. Ich ziehe meine Laufschuhe an und wähle die Schön-Wetter-Runde. Der erste Spaziergänger kommt mir nach wenigen Metern entgegen. Nicht zu übersehen. Mich übersieht er, oder sieht an mir vorbei. Ok, denke ich, nicht jeder ist glücklich, nur weil die Sonne scheint. Hinter der Kurve eine junge Frau. Sie läuft direkt auf mich zu. Hand am Handy, Augen nach unten. Ich weiche ihr aus. Keine Chance, ihrem Blick zu begegnen. So geht es weiter. Ein Hund will mich freundlich begrüßen. Das Paar zerrt ihn zurück. Wortlos lassen sie mich vorbei. Dann eben nicht, denke ich irritiert. Muss ja auch nicht. Wirklich nicht?

Von meinen Eltern habe ich gelernt, einem Menschen, dem ich begegne, zu signalisieren, dass ich ihn wahrnehme. „Guten Tag!“ Muss gar nicht überschwänglich sein. Ein Moment geteilter Präsenz. Das ist mehr als gelernte Höflichkeit, es fühlt sich gut an. Vor allem, wenn der Gruß erwidert wird. „Moin!“ geht doch immer, oder?

Meine Erfahrung zeigt mir etwas anderes – nicht nur sonntags im Wald – auch auf der Treppe im Bürgerbüro, im Wartezimmer beim Arzt: Mitmenschen verzichten auf diese kurze Kontaktaufnahme, auf das: „Hallo!“, auf das „Moin!“. Zumindest im analogen Raum ist das so. Bei Facebook hingegen gibt es „X winkt dir zu!“. Und überall im Netz kann ich mit Menschen, die ich gar nicht kenne, denen ich noch nie persönlich „Hallo!“ gesagt habe, intimste Dinge teilen.

Mir reicht das nicht. Ich wünsche mir Kontakt. Ein „Guten Tag!“ und damit eine Wahr-Nehmung des Moments, in dem zwei den eigenen Körper-Raum überwinden. Je nach Stimmung ist das manchmal tatsächlich eine Überwindung.

Im Süden Deutschlands gibt es einen Trick: Begegnen sich zwei, kommt ein Dritter hinzu: „Grüß' Gott!“ Ein Gruß unter Menschen, die Gott mit ins Boot nehmen: Ich sehe Dich und Gott sieht Dich auch. „God bless you!“ heißt es im englischsprachigen Raum. Das setzt noch einen drauf: Ein Segen im Vorbeigehen. Bei uns gibt es einen Segen „to go“ manchmal bei Veranstaltungen im kirchlichen Kontext. Dann ist die Schlange lang wie beim Waffelstand: Segens-Sehnsucht unter Menschen! Ich möchte nicht verzichten auf diesen Kontakt, auf ein ausgedrücktes „Ich sehe Dich!“ zwischen Menschen und – wenn's passt – zwischen Gott und Mensch. Neu ist das nicht: „Moin!“ geht immer!