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Wort zur Woche: "Wiedergewonnenes sichten"

31.07.2020

Wort zur Woche von Johannes Ahrens, Stadtpastor Flensburg

Worpswede statt Lombardei. Wittmoldt statt Kanada. Flensburg statt Antalya. Haben auch Sie Ihren Urlaub regionalisiert? Sich erholen: das geht auch vor Ort. Und zwar gut: „Schön ist das!“ Und dann wird die Fahrradtauglichkeit des Umlandes von Bremen gelobt, der Sonnenuntergang an der Flensburger Förde gepriesen oder vom Baden in der Schwentine geschwärmt.

Im Erstaunen über unerwartete Entdeckungen in nächster Nähe schwingt womöglich zugleich ein klein wenig Verblüffung über sich selbst mit. Über das Verantwortungsbewusstsein, zu dem wir auf einmal fähig sind. Jedenfalls überwiegend. Über Augenmaß und Verhältnismäßigkeit.

All dies sind uralte Tugenden, die nicht bloß „nice to have“ sind, sondern systemrelevant, weil überlebenswichtig. Gerade wegen der Existenzsorgen derer, die noch anderes auf dem Zettel haben als die Frage, welches wohl das nächste Urlaubsziel sein könnte. Vielleicht eine der Entdeckungen des Jahres.

Erstaunlich finde ich ferner die Bereitschaft bei vielen, sich neu einzulassen auf vermeintlich alt Bekanntes. Die Freude, Neues im Alten zu entdecken, Unbekanntes im Bekannten. Sowas ging bisher auf der Jagd nach dem Immermehr ansonsten leicht verschütt.

Insofern gibt es derzeit nicht nur Verluste zu beklagen. Sondern es wäre auch Wiedergewonnenes zu sichten. Was Du schon immer zu kennen glaubtest: Deinen Partner, deinen Heimatort, deine Kirche. Schau es noch einmal an. Dreh es um. Nähere Dich von einer anderen Seite. Lass Dir, lass ihr, lasst euch Zeit. Du bist noch lange nicht fertig. Und bei allem ist es nicht ausgeschlossen, dass sich Schönheit zeigen wird. Gesegnete Sommertage!