3. n. Trinitatis

25.06.2021

Verloren und gefunden- Der Altar in St. Jürgen. Eine kleine predigtmäßige Kirchenführung von Pastor Stefan Henrich

Lukasevangelium 15, 2-10

Jesus sagte zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?
Und wenn er’s gefunden hat,  so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir;
denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

 

Liebe Gemeinde,
wer immer in unsere Kirche hineinkommt, ist überwältigt von der Ausstattungpracht und Schönheit des Raumes.
Tagsüber kann man richtig Glück haben, wenn das Sonnenlicht durch das farbige Glas der Fenster fällt. Bunte Lichttupfen malen schönste Muster und Ornamente auf den Altar frühmorgens oder auf den Fußboden am Nachmittag.
Dieses Lichterspiel gab es ursprünglich nicht in unserer Kirche. Viel zurückhaltender in schlichtem Grau mit feiner Jugendstilornamentik waren die Fenster gehalten, gaben so dem Altar alle Macht der Farben und stellten ihn so noch deutlicher ins Zentrum.
Nach dem Krieg aber im Juni 1945 war unten am Hafen ein Lager mit eingesammelter Kriegsmunition explodiert. Da waren die ursprünglichen Fenster zerstört worden, über 60 Tote waren zu beklagen, ein großes Unglück hatte die Stadt getroffen, nachdem der Krieg doch beendet war.
1959/60 konnten die Fenster mit neuer Farbgestaltung ersetzt werden. Seitdem geht es vom eher dunklen Eingang hin zum vielfachen Lichterspiel des Altarraumes.
Mittendrin prangt der Altar mit ganz eigener Aussage und Kraft.
Dreimal verloren und doch wieder gefunden, dreifache Freude und einfache Erinnerung an den Ursprung der St. Jürgen Kirche enthält er als Botschaft.

St. Jürgen war im Mittelalter die draußen vor der Stadt liegende Hospizstelle für Lepra- und Pestkranke. Hier war eine kleine Landwirtschaft, mit Hilfe derer die Kranken versorgt wurden, hier war eine kleine Kapelle, in der Trost und Beistand Christi zugesprochen wurden.
„Fürwahr er trug unsere Krankheit“, so ist ein Jesajazitat zu lesen auf unserem Altar, als Erinnerung an diesen Liebesdienst Gottes und der Menschen hier vor Ort.
Und dann ganz anders dazu die Worte aus dem vorhin gehörten Evangelium von dem verloren Groschen und dem verlorenen Schaf:  „Freude wird sein bei den Engeln Gottes über einen Sünder der Buße tut“, wer verloren ist, wird gefunden, wer Reue empfindet über ungerechte Taten  empfängt Seligkeit
Verlorenes Schaf, verlorenen Groschen , diese Geschichten sind zu sehen rechts und links auf den Wangen des Altars in Holz geschnitzt. Man muss nah ran gehen um das Verlorene zu sehen, zu finden.
Die Frau in der Geschichte vom verlorenen Silbergroschen zündet ein Licht an.
Ist es Nacht oder war es so dunkel in den Häusern zur Zeit Jesu? Ich neige eher zur Nacht, mir scheint die Frau eine Nachtmütze zu tragen, ein aus der Mode gekommenes Kleidungsstück.
Im Lichterschein aber glänzt es hell, der Groschen ist gefunden, welch Freude. Das Überraschende: die Frau könnte jetzt ja ins Bett gehen und schlafen , wenn es denn schön spät geworden ist oder sie könnte die Freude für sich behalten. Tut sie aber nicht. So wie der Hirte seine Freude teilt, muss sie ihren Nachbarinnen und Freundinnen davon erzählen und von ihrer Freude weitergeben.
Das ist ganz wichtig in beiden Geschichten. Freude wird nochmals so schön, wenn ich sie teilen kann.

Wahrscheinlich gibt es Kaffee und Kuchen oder Schnittchen und Prosecco und viel Gespräch über das Verlorene und die Suche und wie glücklich man nun sei..

Jesus sagt: Soviel Freude ist im Himmel und bei den Engeln, wenn einer umkehrt zu Gott, das heißt  ja, dass er Gott neu sucht im Leben.
In den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und Groschen  aber ist von solch einer Umkehr gar nicht die Rede
Dort ist die Such- und Umkehrrichtung eine andere. Das Schaf in der Geschichte  kehrt nicht um zum Hirten und der Groschen hat auch nicht geklimpert und  ist auf die Frau zugerollt.
Wenn der Hirte und die Frau Bilder für Gott sind, dann entnehme ich dieses Gleichnissen auch dieses eine: Ich kann gar nicht so weit verloren gehen, dass Gott mich nicht sucht und findet.
In einem Liebeslied  heißt es in einer Zeile:
„Ich werd dich finden, wenn du mich suchst“ (TON STEINE SCHERBEN:" Laß uns ein Wunder sein", 1983, LP "Scherben").
Ich finde, das ist unnachahmlich schön gesagt und ich lese und höre es auch auf Gott hin.

Um Verloren gehen und Liebe finden geht es auch in dem zentralen großen Bild unseres Altars
Es ist das einzige religiöse Bild des Nordfriesischen Malers Hans Peter Feddersen. 1907 hat es es für die neugebaute Kirche gemalt.
Das Bild wurde von einen Kirchenvorsteher gestiftet  Der Kirchenvorsteher verfügte, Feddersen soll es malen, Feddersen sagte zu aber sagte auch: Ich male für die Kirche, was ich will, und für mich steckt die Summe des Evangeliums in der Geschichte von der Heimkehr des verlorenen Sohnes.
Diese Geschichte steht auch bei Lukas im 15. Kapitel seines Evangeliums. Deshalb sage ich manchmal bei Kirchenführungen, wir haben einen Lukasfünfzehnaltar.
Im Vordergrunde des Gemäldes liegt eine blumige Wiese mit Löwenzahn, Hahnenfuß und Mohn.
Der Sohn, der das Erbe des Vaters verprasst hatte, wird hier vom Vater nicht vom Hof gejagt, sondern in Liebe empfangen.
Der Vater beugt sich hernieder zu dem auf die Knie gesunkenen Sohn, der sein Glück noch gar nicht fassen kann. Die Spuren seines Lebensumweges sind zu sehen:
Er kommt mittellos und fast nackt zuhause an; um seine Glieder hängen Lumpen, die schmutzigen Fußsohlen deuten sein Geschick an und erwecken im Beschauer dieses Erbarmen, ja reizen ihn zur Selbstbesinnung über seinen eigenen Zustand. (so in der Beschreibung des Bildes im Jahr 1917 in der Zeitschrift „Die Heimat“)

Im Hintergrund ist der Bruder zu sehen zusammen mit seiner Mutter neben einem Rosenstock. Die Mutter hat Feddersen in die Geschichte hineingenommen, was für eine Einfühlung in den biblisch patriachal gefärbten Text hinein. Und Mutter und Bruder stehen vor dem Flensburger Nordertor. Eine klare schöne Botschaft wird hierdurch gesetzt: Gottes Gnade ereignet sich hier und heute mitten unter uns in Flensburg, da wo wir wohnen.  

Liebe Gemeinde, Kirchen sind Räume, in denen die Selbstbesinnung über den eigenen Zustand in schöner und in tiefer Form erfolgen kann.
Ruhe finden, zu sich kommen und zu Gott, Gemeinschaft erleben und Vergebung für eigene Fehler zugesprochen bekommen, Worte der Verheißung empfangen und gesegnet gehen, das ist das, was wir im besten Falle geschenkt bekommen in unseren Kirchen, weniger sollten wir eigentlich nicht erwarten, als dass diese Gnadengaben Gottes hier anschaulich werden in Lichtern Bildern und Worten.

Dazu passt, dass Letztendlich und uranfänglich die St. Jürgen Kirche in der Ausstattung und Ausmalung um die alte Kanzel herum gestaltet worden ist. Die Kanzel stand seit dem 16. Jahrhundert in der Heilig Geist Kirche unten in der Großen Straße, der kirche der dänischen Gemeinde. Dort hatte sich die St. Jürgen Gemeinde nach ihrer Gründung im Jahr 1895 zu ihren Gottesdiensten versammelt, solange die Jürgen-Kirche noch nicht gebaut war.
Die Kanzel wurde unter vielen Verwundungen der dänischen  Gemeinde für einen Spottpreis abgekauft und kam mit der Errichtung der Kirche nach oben. Sie wurde hier restauriert und  gab den Maßstab vor für alle weitere Ausschmückung.
Die Engelsköpfe vom unteren Band etwa können sie in der ganzen Kirche wieder entdecken, am Altar etwa oder am Taufbecken, oder an der Empore, wenn sie unter dem Bild des St. Jürgen hinausgehen.
Die Kanzelfelder selber erzählen die Geschichte von Jesu Geburt bis zum Tod und dann von seiner Auferstehung und Himmelfahrt, Das ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens, diese Worte zu bewahren sind wir beauftragt, davon zu erzählen ist unsere Aufgabe. Deshalb auch steht auf dem Schalldeckel unter anderem folgender Satz hingewendet zum Altar, sodass der Pastor, die Pastorin sie vor Augen hat:     
„Die Lippen des Preesters sollen bewaren die Lehre.“ Maleachi 2,7

Zur Gemeinde aber hin heißt es als Anfang und Grund des gemeinsamen Glaubens:

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ Psalm 119,105

Das Licht leuchtet schön: auf dem Leuchter der Frau mit dem verlorenen Silbergroschen, bei Sonnenschein durch die Fenster und uns im Herzen durch Gottes Wort
Amen   
 

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