Worte zum Tag

29.04.2021

Bis zum 1. Mai haben wir "Worte zum Tage" aus alter oder neuer Literatur und christlicher Überlieferung ausgewählt. Zum Nachlesen gibt es alle Texte hier. Wir wünschen entdeckungsreiche Freude!

 

Sonnabend, den 01. Mai 2021

 

Und so ziehen wir den Schluß: Ein Christ lebt nicht in
sich selbst, sondern in Christus und in seinem Näch-
sten, oder er ist kein Christ. In Christus lebt er durch den
Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben
wird er aufwärts und über sich geführt zu Gott, durch die
Liebe wiederum sinkt er herab unter sich zum Nächsten
und bleibt doch immer in Gott und in seiner Liebe...

Martin Luther, Traktat von der christlichen Freiheit 1520 ~ WA 7, 69

 

Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!

Psalm 118, 27

 

Freitag, den 30. April 2021

 

IM NORDEN

Dir bleiben ja die großen Himmel über Deichen.
Die Wolkenwerke. Weißes Licht. Erhabnes Blau.
DIe Sehnsucht, weit hinaufzureichen
zu einem Blick aus jener Vogelschau

aus der die Erde fremd wirkt: Nur ein Hügel
in fahlen Farben und wie unbelebt.
Und du erinnerst dich der eigenen Flügel
in einem Traum, der selber längst verschwebt.

Günter Kunert (1929-2019)

 

Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.

Psalm 139,9-10

 

Donnerstag, den 29. April 2021

 

UTOPIA

Der Tag steigt auf mit großer Kraft
schlägt durch die Wolken seine Klauen
Der Milchmann trommelt auf seinen Kannen
Sonaten: himmelan steigen die Bräutigame
auf Rolltreppen: wild mit großer Kraft
werden schwarze und weiße Hüte geschwenkt.
Die Bienen streiken. Durch die Wolken
radschlagen die Prokuristen,
aus den Dachluken zwitschern Päpste.
Ergriffenheit herrscht und Spott
und Jubel. Segelschiffe
werden aus Bilanzen gefaltet.
Der Kanzler schussert mit einem Strolch
um den Geheimfonds. Die Liebe
wird polizeilich gestattet,
ausgerufen wird eine Amnestie
für die Sager der Wahrheit.
Die Bäcker schenken Semmeln
den Musikanten. Die Schmiede
beschlagen mit Eisernen Krenzen
die Esel. Wie eine Meuterei
bricht das Glück, wie ein Löwe aus.
Die Wucherer, mit Apfelblüten
und mit Radieschen beworfen,
versteinern. Zu Kies geschlagen,
zieren sie Wasserspiele und Gärten.
Uberall steigen Ballone auf,
die Lustflotte steht unter Dampf:
Steigt ein, ihr Milchmänner,
Bräutigame und Strolche!
Macht los! mit großer Kraft
steigt auf

der Tag.

Hans Magnus Enzensberger

 

Und es wird ein einziger Tag sein
– er ist dem Herrn bekannt! –,
es wird nicht Tag und Nacht sein,
und auch um den Abend wird es licht sein.

Sacharja 14,7

 

Mittwoch, den 28. April 2021
 

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

Ernst Jandl (1925-2000)

 

Gott sprach zu Jona:
Sollte mich nicht jammern Ninive, eine so große Stadt
in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind,
die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?

Jona 4,11

 

Dienstag, den 27. April 2021

 

Wenn das Meer all seine Kräfte anstrengt,
so kann es das Bild des Himmels gerade nicht spiegeln;
auch nur die mindeste Bewegung,
so spiegelt es den Himmel nicht rein;
doch wenn es still wird und tief,
senkt sich das Bild des Himmels
in sein Nichts.

Søren Kierkegaard (1813-1855)

 

Und Jesus stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer:
Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.

Markus 4,39

 

Montag, den 26. April 2021
 

Ich werde da sein,
wenn Du mich rufst,
ich werd dich finden,
wenn du mich suchst.

TON STEINE SCHERBEN, aus: "Laß uns ein Wunder sein", LP "Scherben" 1983


Ich ließ mich suchen von denen, die nicht nach mir fragten,
ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten.
Zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief, sagte ich:
Hier bin ich, hier bin ich!

Jesaja 65,1

 

Sonntag, den 25. April 2021


Sieben Leben

Sieben Leben möcht ich haben:
Eins dem Geiste ganz ergeben,
So dem Zeichen, so der Schrift.
Eins den Wäldern, den Gestirnen
Angelobt, dem großen Schweigen.
Nackt am Meer zu liegen eines,
Jetzt im weißen Schaum der Wellen,
Jetzt im Sand, im Dünengrase.
Eins für Mozart. Für die milden,
Für die wilden Spiele eines.
Und für alles Erdenherzleid
Eines ganz. Und ich, ich habe –
Sieben Leben möcht ich haben! –
Hab ein einzig Leben nur.

Albrecht Goes (1908-2000)
 

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur;
das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5,17

 

 

Samstag, den 24.April 2021

So mancher hat sich wohl die Welt
bedeutend besser vorgestellt-
Getrost! Gewiss hat sich auch oft
die Welt viel mehr von ihm erhofft.

Eugen Roth

Wer kann merken, wie oft er fehlet?
Verzeihe mir die verborgenen Sünden.

Psalm 19,13
 

 

Freitag, den 23. April 2021
 

Verschiedenes Bedürfen

Man erzählt, ein Hund und ein Pferd waren befreundet. Der Hund sparte dem Pferd die besten Knochen auf, und das Pferd legte dem Hund die duftigsten Heubündel vor, und so wollte jeder dem anderen das liebste tun, und so wurde keiner von beiden satt.
Ernst Bloch (1853-1926), aus:  112 einseitige Geschichten, Hg. Franz Hohler, 2007 Luchterhand Literaturverlag München, S. 54


Jesus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.
Johannes 10,10


Donnerstag, den 22. April 2021

Lichtkraft

Aus dem Himmel
eine Erde machen
aus der Erde
einen Himmel

wo jeder
aus seiner Lichtkraft
einen Stern ziehen kann


Rose Ausländer (1901-1988)


Mache dich auf, werde licht;
denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des Herrn
geht auf über dir!

Jesaja 60,1

 

Mittwoch, den 21. April 2021

Laß die Moleküle rasen
was sie auch zusammenknobeln!
Laß das Tüfteln, laß das Hobeln,
heilig halte die Ekstasen!

Christian Morgenstern (1871-1914)

 

Laß den Satan wittern,
laß den Feind erzittern,
mir steht Jesus bei!
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt,
ob gleich Sünd und Hölle schrecken;
Jesus will mich decken.

Johann Franck 1653, Jesu, meine Freude (Evang Gesangbuch 396, Str. 2)

 

Dienstag, den 20.April 2021


"Leben allein genügt nicht", sagte der Schmetterling, "Sonnenschein, Freiheit
und eine kleine Blume muss man haben."

Hans Christian Andersen

Wo der Geist des Herrn wirkt, da herrscht Freiheit.
2.Kor 3,17

 

Montag, den 19. April 2021


Die Insel

Auch in diesem Winter
Bin ich nicht verrückt geworden.
Der Eisbrecher kommt
Wie das Amen noch in der Kirche
Und plötzlich
Hüpfen die Lämmer.

Es gibt Übleres als diese
Zersplitternden Bäume
Und die Einsamkeit
Erfreut mich schon lange.
Das Gewese der Menschen
Ist mir zuwider.

Das Meer schlägt an die
Standhaften Deiche.
Wenn ich einen
Wunsch sagen darf
So hätte ich gern
Noch einen Schafstall.

Sarah Kirsch, aus: Schneewärme. Gedichte.- Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989


Er erquicket meine Seele.
Psalm 23,3

 

Sonntag, den 18. April 2021

Ich bin vergnügt- erlöst- befreit
Gott nahm in seine Hände meine Zeit
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen.
Mein Triumphieren und Verzagen-
das Elend und die Zärtlichkeit.
Was macht, dass ich so fröhlich bin-
in meinem kleinen Reich?
Ich sing` und tanze her und hin-
vom Kindbett bis zur Leich`
Was macht, dass ich so furchtlos bin-
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn-
will mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwert-
und mich kein Trübsinn hält,
weil mich mein Gott das Lachen lehrt-
wohl über alle Welt. 
Hans Dieter Hüsch

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Psalm 23,1

Sonnabend, den 17. April 2021

Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht zu den vielen Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen.

Immanuel Kant (1724–1804), deutscher Philosoph, verkürzt zitiert nach »Kritik der Urteilskraft« (1790)
 

Dann werden die Mädchen vor Freude tanzen, Jung und Alt werden miteinander lachen. Ich werde ihre Trauer in Freude verwandeln. Ich werde sie trösten und sie von ihrem Kummer befreien.

Jeremia 31,13 (BasisBibel)

 

Freitag, den 16.April 2021

Die Tulpe

Dunkel war alles und Nacht.
In der Erde tief
die Zwiebel schlief,
die braune.

Was ist das für ein Gemunkel,
was ist das für ein Geraune,
dachte die Zwiebel,
plötzlich erwacht.
Was singen die Vögel da droben
und jauchzen und toben ?
Von Neugier gepackt,
hat die Zwiebel einen langen Hals gemacht
und um sich geblickt
mit einem hübschen Tulpengesicht.

Da hat ihr der Frühling entgegengelacht.
Josef Guggenmos
 

Jetzt könnte man natürlich fragen: »Wie werden die Toten auferweckt? Mit was für einem Körper werden sie wiederkommen?« 36 Was für eine dumme Frage! Das, was du säst, kann nur lebendig werden, wenn es zuvor gestorben ist.
Und was du säst, ist ja nicht die ausgewachsene Pflanze.
Du säst nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel vom Weizen oder von irgendeiner anderen Pflanze.
Aber Gott gibt ihm die Gestalt, die er vorgesehen hat. Und zwar jeder Samenart ihre eigene. 
So ist es auch mit der Auferstehung der Toten. 
1.Korinther 15,35-38.42
 

 

Donnerstag, den 15. April 2021

 

Eine Altersfrage

Die alte Dame mit dem Krückstock,
was hat sie alles über sich ergehen lassen!
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen,
Brandbomben, Rentenformeln,
„Unterwerfung unter die Zwangsvollstreckung“
(hört sich schlimmer an, als es ist,
hat der Notar gesagt,
als er den Zwicker abnahm),
und noch dazu die vielen Kindstaufen,
Rohrbrüche und Beerdigungen.
Wie sie uns zuzwinkert
aus ihren kornblumenblauen Augen!
Ihr entzückendes Lächeln,
wo es nur herkommt!


Hans Magnus Enzensberger, aus: Ich bin so  knallvergnügt - Gedichte, die fröhlich machen, hg. von Clara Paul, Insel Verlag Berlin 2015, S.92


Der Herr hatte sie fröhlich gemacht.
Esra 6,22

 

 

Mittwoch, den 14.April 2021

 

Lieber Apostel Paulus
wenn ich mal so sagen darf
nicht wahr, du hast doch
ich meine, was Jesus angeht
genauer seine Auferstehung
das nicht so wörtlich gemeint
eins Korinther fünfzehn
du weißt schon
nur
in dem Sinne wohl
daß er sozusagen geistig
sinnbildlich gemeint
in uns allen weiterlebt
daß wir neuen Mut fassen
den Blick erheben wie
die Natur erneut aufblüht
so ähnlich eben
es geht schon, die Sache
geht schon weiter, man muß
sie vorantreiben, die gute Sache
an die wir doch alle irgendwie
glauben, den Fortschritt, mein’ ich
Mitmenschlichkeit und so
Friede, nicht wahr
das wolltest du doch sagen –  Nein?  
       Lothar Zenetti 

Mit Christus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Kol 2,12

 

Dienstag, den 13. April 2021

 

DEM GRUND ZU

Warum nicht einander Abgrund sein
und einer des anderen Glück?

Warum nicht gegen- und beieinander
sich finden in bergender Kammer?

Warum nicht eins im andern bange sein
auf geraden Weges absehbarem Stück?

Warum nicht einander Abgrund sein
und einer des anderen Glück?

Uwe Kolbe, Psalmen, S. Fischer Verlag Frankfurt, 2017, S.40

 

Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1. Korinther 3,11

 

Montag, den 12.April 2021
 

In Erinnerung an Dr. Hans Küng (1928-2021)

Auferweckung meint keine Rückkehr ins raumzeitliche Leben, auch keine Fortsetzung des raumzeitlichen Lebens, sondern die Aufnahme in jene umfassende und erste Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

 

Der Glaube an Gott ist wie das Wagnis des Schwimmens: Man muss sich dem Element anvertrauen und sehen, ob es trägt.

 

Sonntag Quasimodogeniti (Wie die neugeborenen Kinder), den 11. April 2021

 

Selig, die etwas anfängt und nie zu Ende bringt,
die das Rad nicht kennt und keine Schrift,

die nichts vom aufrechten Gang weiß und mit vier
freien Händen nach dem Mond greift. Selig

die Wissende, die das Wasser vom Festland
nicht unterscheidet, die nichts erinnert als die Dauer

eines ruhigen Pulses, die Unaufhörlichkeit von Tag
und Nacht, die sie in meinen Augen sieht und

leichtsinnig glaubt. Selig, die ein Brummen beruhigt
in der Dunkelheit über dem hallenden Schmerz

im Leib. Selig, die von der Stimme, in er sie
wochenlang schwamm, das Heimweh der Laute lernte.

 

gewidmet „Estella in ihrem ersten halben Jahr“ -
Christian Lehnert, Auf Moränen. Gedichte, Suhrkamp Berlin 2008, S.114

 

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat
zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1.Petrus 1,3

 

Samstag, dem 10.April 2021

Dass ER durch Mauern
drang
und verriegelte Tür -,
unglaublich, legendär?
War wohl ein Armenhaus,
lehmig, porös
für Wunschträume.
Durch unseren Beton,
sachlich und kühl,
wär ER schon nicht gekommen.
Kam aber,
unvermutet wie einst
durch mehr als Granit und Stein,
durch mein Verschlossensein.
Kam aber,
mit diesem Friedensgruss.

        Manfred Haustein
 

Freitag, den 09. April 2021

 

Im weiteren Fortgang
 

Durch Türen doch

hinter keiner das erbangte Daheim

endlich Geborgenheit

dauerhaftes Ausruhen

Freunde

nichts

dahinter als die alten Versprechen:

neue Türen.

Günter Kunert, Das kleine Aber, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1975,  S. 61

 

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

Johannes 20,26

 

Donnerstag, den 08.April 2021

Manchmal stehen wir auf
stehen wir zur Auferstehung auf
mitten am Tage
mit unserem lebendigem Haar
mit unserer atmenden Haut

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
und dennoch unverwundbar
geordnet in geheimnisvolle Ordnung
vorweggenommen in ein Haus aus Licht 

Marie Luise Kaschnitz

Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
Psalm 118,24
 

 

Mittwoch, den 07. April 2021

 

Das Licht aus fremden Augen

Das Licht in ihren Augen kommt von einem Andern,
der sie mit seinen Augen lange angeschaut.
Es ist geborgtes Licht, das sich getraut
unruhig mit den Blicken hin und her zu wandern.

Das macht sie schön und leicht. Mit ihren feuchten
Blicken, die auf den Gegenständen sehnsüchtig ruhn,
weckt sie bei andern Sehnsucht, und es tun
sich fremde Räume auf bei diesem Leuchten.

Es ist die andre Welt, die ungeborgte,
die man ihr glaubt, wenn sie sich so versorgte
mit Glanz, der aus den fremden Augen kam.

Der offne Raum: man sieht sein Ende nicht.
Man sieht nur dieses offene Gesicht,
das Licht, das kommt und bleibt, ganz ohne Scham.

Karl Krolow (1915-1999)

 

Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.
Lukas 24,31

 

Dienstag, den 06.April
 

Auf die Frage des Spiegel
von Emnid ermittelt
ob es ein Leben nach dem Tod gibt
sind von hundert Befragten
achtundvierzig dafür und
achtundvierzig dagegen.
Und wer entscheidet?   
     Lothar Zenetti    


Feiert mit mir das Fest aller Feste.
Schmückt trauernde Häuser.
Kehrt den Schmutz von den Strassen.
Kommt aus den Kellern der Angst.
Öffnet verriegelte Türen.
Reisst dumpfe Fenster auf.
Springt in die Freiheit.
Lacht mit mir voll der Freude aller Freuden.
Das Grab der Gräber wurde gesprengt.
Der Stein der Verzweiflung ist weggerollt.
Die neue Welt hat ihren ersten Tag.
Singt vom Sieg aller Siege.
Fegt die Angst aus den Herzen.
Lacht dunklen Mächten ins Gesicht.
Widersteht den Herren von gestern.
Wagt schon heute das Leben von morgen.

Nachdichtung von Psalm 118 - Autor  unbekannt
 

Ostermontag, den 05. April 2021

 

Weg nach Emmaus

Wir wussten es nicht, es war der Ostertag.
Wir waren unterwegs bei schrägem Sonnenlicht,
da uns der Tempelberg schon längst im Rücken lag
und noch von Emmaus kein Dach in Sicht.


Sahn das Land an uns vorübergleiten,
während wir hindurchgewandert sind:
Menschen, Orte, viele Jahreszeiten,
Vogelflug in unerreichten Weiten,
hin und wieder schon der Abendwind.

Neben unsern Schritten – seine Schritte,
da er sich plötzlich zu uns gesellt.
Im finstern Tal ging er in unsrer Mitte.
In unserm Zwiegespräch war er der Dritte,
und er erklärte durch sein Wort die Welt.


Er zog mit uns in wechselnden Gestalten,
uns sehr vertraut, uns völlig unbekannt.
Zuweilen konnten wir sein Bild behalten.
Im Neugewordnen sahen wir den Alten.
Und seltsam hat in uns das Herz gebrannt.

Nun, da der Tag sich neigt und wir die Tür aufklinken,
brennt schon die Lampe, ist der Tisch gedeckt.
Und Brot zu essen, Wein ist da zu trinken
Es ist wie Aufgang mitten im Versinken,
und nun am Abend werden wir geweckt.


Der dort am Tische sitzt und uns das Brot gebrochen
und der, der mit uns im Wechselwort gesprochen,
der Herr, mit dem wir redeten und handelten -


der dort am Tische sitzt und uns den Kelch gesegnet
und der so vielgestaltig uns begegnet
er blieb sich immer gleich, doch wir sind die Verwandelten.

Noch am Abend brechen wir auf.

Klaus-Peter Hertzsch (1930-2015)

 

Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Lukas 24,29

 

Ostersonntag, den 04.April 2021

Entwurf für ein Osterlied

Die Erde ist schön, und es lebt sich 
leicht im Tal der Hoffnung. 
Gebete werden erhört. Gott wohnt
nah hinterm Zaun. 

Die Zeitung weiß keine Zeile vom 
Turmbau. Das Messer 
findet den Mörder nicht. Er
lacht mit Abel. 

Das Gras ist unverwelklicher 
grün als der Lorbeer. Im
Rohr der Rakete 
nisten die Tauben. 

Nicht irr surrt die Fliege an 
tödlicher Scheibe. Alle 
Wege sind offen. Im Atlas 
fehlen die Grenzen. 

Das Wort ist verstehbar. Wer 
Ja sagt, meint Ja, und 
Ich liebe bedeutet: jetzt und 
für ewig. 

Der Zorn brennt langsam. Die 
Hand des Armen ist nie ohne 
Brot. Geschosse werden im Flug gestoppt. 

Der Engel steht abends am Tor. Er 
hat gebräuchliche Namen und 
sagt, wenn ich sterbe: 
Steh auf.

Rudolf Otto Wiemer
 

 

Sonnabend, den 03. April

 

alles schmerzt sich einmal durch
bis auf den eignen grund
und die angst vergeht
schön die scheune
die nach längst vergangnen ernten
leer am Wegrand steht


Jan Skácel (1922-1989)


Werden denn deine Wunder in der Finsternis erkannt
oder deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?

Psalm 88,13

 

Freitag, den 02.April 2021

Karfreitag


Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und schlimmen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der guten.    Martin Luther King
 

Pilatus über Jesus: „Siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient."   Lukas 23,15

 

Donnerstag, den 01. April 2021

Gründonnerstag

Ja, den andern mal so richtig
zeigen, wer der Boß ist!
Aber der Dumme sein, der ihnen den Dreck wegmacht?

Ja, den andern mal so richtig
begreiflich machen, was ein Hammer ist!
Aber der sein, auf den man einschlägt?

Ja, den andern mal so richtig
klarmachen, wer an allem schuld ist!
Aber ohne schuld zu sein die Schuld auf sich zu nehmen?

Ja, den andern mal so richtig die Wahrheit sagen!
Aber selbst Wahrheit sein?

Ja, den andern mal so richtig den Kopf waschen!
Aber die Füße?

Lothar Zenetti, aus: Sieben Farben hat das Licht, 2. Aufl. 1987

 

Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging – da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. Johannes 13,3f.

 

Mittwoch, den 31. März 2021

Hätte Jesus vor einem modernen Gericht gestanden, so wäre er von zwei Ärzten untersucht worden; man hätte entdeckt, dass er an einer Zwangsvorstellung leide, er wäre für unzurechnungsfähig erklärt und in eine Anstalt geschickt worden; das ist der ganze Unterschied.
George Bernard Shaw (1856-1950)


Pilatus: Was hast du getan?
Jesus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Johannes 18,35f.

 

Dienstag, den 30.März 2021

„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt uns dies gleichsam entgegen.
Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen. Wir erleben sie nicht durch bis zu dem Punkt, an dem sie aus Gott hervorströmen. Das gilt für das Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, liebende Antwort. Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen bzw. werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“

Pater Alfred Delp SJ am 17. November 1944 aus seiner Zelle in Berlin Tegel, Zweineinhalb Monate später wurde er wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus hingerichtet. 

Wenn schon die Illusion im Leben der Menschen eine so große Macht hat, dass sie das Leben in Gang hält, wie groß ist dann erst die Macht, die eine absolut begründete Hoffnung für das Leben hat, und wie unbesiegbar ist so ein Leben.
Dietrich Bonhoeffer
 

Montag, den 29. März 2021
 

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden

Dietrich Bonhoeffer, Juli 1944, aus: Widerstand und Ergebung

 

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog, von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.

Christian Fürchtegott Gellert, 1757, Evang. Gesangbuch 91, Strophe 1

 

Sonntag, den 28.März 2021

O mächtiger Herrscher ohne Heere
Gewaltiger Kämpfer ohne Speere,
o Friedensfürst von großer Macht!
Es wollen dir der Erde Herren
Den Weg zu deinem Thron versperren,
doch du gewinnst ihn ohne Macht

Friedrich Rückert, 1834

Er war von göttlicher Gestalt.
Aber er hielt nicht daran fest,
Gott gleich zu sein –
so wie ein Dieb an seiner Beute.
Er legte die göttliche Gestalt ab
und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich.
In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.
Er erniedrigte sich selbst
und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.

Phil 2,6-8
 

 

Sonnabend, den 27. März 2021


Jenseits der Ironie

Steigendes Sonnenlicht und fallende Geräusche,
gegen Nachmittag eine dumpfere Welt, wie im Schlaf.

Wenn sich weit von hier ein Fenster öffnet
schwankt ein schwindelerregendes Licht durchs Zimmer

und berührt seine Wände, eine um die andere.

An Tagen, an denen ich nicht hier bin, geschieht das gleiche
jedoch unbewacht: die ganze Welt ist unbewacht.

Das Licht schleicht listig durchs Astwerk,
und der Vogel singt sein kleines Lied ungesehen von mir,

er fliegt auf, wann er will, und verschwindet.
Es ist unruhig hier, aber nicht verzweifelt.

Lars Gustafsson, Gedichte, Carl Hanser Verlag München Wien 1999, S.44


Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir
Augustinus (354-430)


Freitag, den 26.März 2021

Herr,
unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall.
An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen,
dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden,
nicht von Hunger und Furcht gequält,
nicht zerrissen in sinnlose Trennungen nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.
Gibt uns Mut und die Voraussicht,
schon heute mit diesem Werk zu beginnen,
damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz
den Namen Mensch tragen. 

Auszug aus dem „Gebet der Vereinten Nationen“ von Stephen Vincent Benet

Wir wollen uns für das einsetzen, was dem Frieden und dem Aufbau unserer Gemeinschaft dient. 
Römer 14,19

 

Donnerstag, den 25. März 2021

 

Verantwortung

Nichts
ist gleichgültig.
Nichts
geht verloren.
Alles,
was wir tun
oder nicht tun,
kann unendliche
Perspektiven haben.
Keine Flucht
kann
auf die Dauer
gelingen.
Es kommt
alles
noch einmal
zur Sprache.

Helmut Gollwitzer (1908-1993)

Jesus spricht: Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
Lukas 6,31

 

Mittwoch, den 24.März 2021

„Das ist vielleicht die weitreichendste Lektion, die wir von unseren Patienten lernen: Lebe so, dass du nicht zurücksehen und sagen musst: „Gott, wie habe ich mein Leben vertan.“
Elisabeth Kübler- Ross

Es gibt nur zwei Arten, sein Leben zu leben: Entweder so, als gäbe es keine Wunder. oder so, als wäre alles ein Wunder. 
Albert Einstein
 

 

Dienstag, den 23. März 2021


Selbstbildnis

Zwischen Computer, Bleistift und Schreibmaschine
vergeht mir ein halber Tag. Irgendwann wird daraus ein halbes Jahrhundert.
Ich wohne in fremden Städten und unterhalte mich manchmal
mit fremden Menschen über Dinge, die mir fremd sind.
Oft höre ich Musik: Bach, Mahler, Chopin, Schostakowitsch.
In der Musik finde ich Kraft, Schwäche und Schmerz, die drei Elemente.
Das vierte hat keinen Namen.
Ich lese Dichter, die lebenden und die toten, lerne von ihnen
die Ausdauer, den Glauben und den Stolz. Ich versuche die großen
Philosophen zu begreifen – meist gelingt es mir, nur die Fetzen
ihrer kostbaren Gedanken zu fassen.
Ich mag lange Spaziergange durch die Straßen von Paris,
meine Nächsten zu sehen, die Eifersucht,
Gier oder Zorn beleben; die silberne Münze zu beobachten,
die von Hand zu Hand wechselt und langsam ihre Rundung
verliert (das Profil des Kaisers verwischt sich).
Gleich nebenan wachsen Bäume, ohne etwas auszudrücken,
sieht man von der grünen, gleichgültigen Vollkommenheit ab.
Über die Felder schreiten schwarze Vögel,
die dauernd auf etwas warten, geduldig wie spanische Witwen.
Ich bin nicht mehr jung, aber immer noch gibt’s ältere als mich.
Ich mag den tiefen Schlaf, wenn ich abwesend bin,
und die schnelle Fahrt auf dem Fahrrad die Dorfstraße entlang,
   wenn Pappeln und Häuser
wie Kumuli am heiteren Himmel verschwimmen.
Manchmal sprechen mich Bilder in den Museen an,
und plötzlich verschwindet die Ironie.
Ich mag das Gesicht meiner Frau bewundernd zu betrachten.
Wöchentlich, am Sonntag, rufe ich meinen Vater an.
Alle zwei Wochen treffe ich mich mit den Freunden,
auf diese Weise halten wir uns die Treue.
Mein Land hat sich von einem Übel befreit. Ich wollte,
dem würde noch eine Befreiung folgen.
Ob ich nützlich sein könnte dabei? Ich weiß nicht.
Ich bin zwar kein Kind des Meeres,
wie Antonio Machado von sich geschrieben hat,
aber ein Kind der Luft, der Minze und des Cellos
und nicht alle Wege der hohen Welt
kreuzen sich mit den Pfaden des Lebens, das, vorerst,
mir gehört.

Adam Zagajewski, geboren am  21. Juni 1945,  gestorben am 21. März 2021
Quelle: https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/adam-zagajewski/selbstvorstellung

 

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
Johannes 1,1-3 (Tageslosung vom 21. März)

 

Montag, den 22.März 2021

Jesus sagte zu ihnen: "Ihr wisst: Diejenigen, die als Herrscher der Völker gelten,unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und ihre Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. 
Markus 10,42-43

Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder -traditionen zu machen. Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die Vorbereitung eines neuen Krieges missbraucht werden.  
Albert Einstein

 

 

Sonntag, den 21. März 2021
 

Fühle mit allem Leid der Welt, aber richte deine Kräfte nicht dorthin, wo du machtlos bist, sondern zum Nächsten, dem du helfen, den du lieben und erfreuen kannst.
Hermann Hesse (1877-1962)

So steh nun auf! Denn an dir ist’s zu handeln, und wir wollen mit dir sein. Sei getrost und tu es!
Esra 10,4

 

Samstag, den 20.März 2021

Die täglichen Menschenerlebnisse sind die tiefsten
wenn man sie von der Gewohnheit befreit.

Robert Musil

Nur von Verwandelten können Wandlungen ausgehen.
Sören Kierkegaard

Freitag, den 19. März 2021


Frieden ist ein Tätigkeitswort - im Alltag des Lebens

Frieden,
das ist das Säugen des Kindes,
das Backen des Brotes,
das Forschen an einer Umwelttechnologie,
das Streicheln einer Katze,
das Schreiben eines Gedichts,
das Spazieren an der Elbe,
das Versunkensein im Gebet,
das Singen eines Liedes,
das Lenken eines Fuhrwerks,
das Blühen des Apfelbaumes,
das Schlichten eines Streits,
das Dach über dem Kopf,
das Blinzeln in die Sonne,
das Summen der Bienen,
das Sausen des Windes,
das Schwimmen im Fluss,
das Gewinnen einer Erkenntnis,
das Finden eines Impfstoffs,
das Zapfen eines Bieres,
das Retten einer Allee,
das Erreichen eines Kompromisses,
das Stillewerden bei Arvo Pärt,
das Keltern des Weins,
das Blühen des Schlehenstrauches
das Flügelschlagen der Schwanformation,
hoch oben am Himmel über den Elbauen.
das Abendläuten am Sonnabend,
das Hingehen in Frieden.

Friedrich Schorlemmer, aus: ders., Das soll dir bleiben, Radius  Verlag Stuttgart 2012, S. 581
 

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Matthäus 5,9

 

Donnerstag, den 18. März 2021

 

Am Ende der Suche und der Frage
nach Gott steht keine Antwort
sondern eine Umarmung.

Fulbert Steffensky

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Psalm 139,5

 

Mittwoch, den 17. März 2021

 

wellentreue

sorgeneis
zerbricht am märzlicht

winterfrühlingsluft
stürmt durch mark und bein
strömt die köpfe leer
öffnet die gemüter

verlockende wellen
neben dritter welle
im selben meer

vieles geht unter
viel schönes
doch das gute bleibt

gleiche welle gleiche stelle
hoffnungswellen
immerdar

MB (12.3.21)

 

Lass mich am Morgen hören deine Gnade;
denn ich hoffe auf dich.

Psalm 143,8

 

Dienstag, den 16. März 2021


Vergnügungen


Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein

Bertolt Brecht (1954)

 

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
Psalm 107,1

 

Montag, den 15. März 2021

 

ZUFLUCHT NOCH HINTER DER ZUFLUCHT
(für Peter Huchel)

Hier tritt ungebeten nur der wind durchs tor

Hier
ruft nur gott an

Unzählige leitungen läßt er legen
vom himmel zur erde

Vom dach des leeren kuhstalls
aufs dach des leeren schafstalls
schrillt aus hölzerner rinne
der regenstrahl

Was machst du, fragt gott

Herr, sag ich, es
regnet, was
soll man tun

Und seine Antwort wächst
grün durch alle fenster.

aus: reiner kunze, zimmerlautstärke, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1977, S. 62

 

Lass mich deine Herrlichkeit sehen!
2. Mose 33,18

 

INFORMATION: Aufgrund von Wartungsarbeiten konnten wir vom 5. bis zum 15. März keine Texte einstellen

 

Freitag, den 05. März 2021

Für Einen

Die Andern sind das weite Meer,
Du aber bist der Hafen;
so glaube mir: kannst ruhig schlafen,
ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen,

Du bist der Leuchtturm, letztes Ziel.
Kannst Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern, das ist Wellenspiel,
Du aber bist der Hafen.

aus: Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek. 1956

 

Gott gebe uns ein fröhlich‘ Herz
erfrische Geist und Sinn
und werf‘ all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz
ins Meeres Tiefe hin.

Paul Gerhardt 1647, Nun danket all und bringet Ehr, Evang. Gesangbuch 322 Strophe 5

 

Donnerstag, den 04.März 2021

Der wahre Charakter eines Menschen bemisst sich danach, was er tun würde, wenn er wüsste, dass man ihm nie auf die Schliche kommt.   
Thomas Macauly, britischer Dichter, Historiker und Politiker (1800-1859)

 

Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an. 1.Sam 16,7

 

Mittwoch, den 03. März 2021

Früher einmal begegnete der Mensch den Widrigkeiten des Lebens mit Mut oder Demut - heute genügt es, wenn er "Zumutung" schreit
Thea Dorn in: 95 Anschläge, Thesen für die Zukunft, hg. von Friederike v. Bühnau, Hauke Hückstadt, Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2017, S. 18


Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Gebet nach Reinhold Niebuhr (1992-1971)

 

Dienstag, den 2.März 2021

Der Kompass

Der Seemann wäre verloren, wenn er sich nicht auf den Kompass verlassen könnte. Ich habe nie aufgehört, wie alt ich auch geworden bin, die Kraft des Kompasses mit einer gewissen Scheu zu verehren. Wie ich denn auch, lieber Sohn, immer die geheimnisvolle Macht geehrt habe, die im Gewoge der Welt barmherzig die gleiche ist, gestern, heute und in Ewigkeit. Du weißt, wen ich meine. Ihm sollst du anbefohlen sein.   Manfred Hausmann

Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Klagelieder 3,22-23

Montag, den 01. März 2021

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiss der Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.


Ludwig Uhland (1787-1862)
 

Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin; die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Lande.

Hohelied 2,11f.

 

Sonntag, den 28.Februar 2021

Hoffen heißt, an das Abenteuer der Liebe glauben und Vertrauen zu den Menschen haben. 

Dom Helder Camara (1909- 1999)

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.

1. Kor 13,13

 

Sonnabend, den 27. Februar 2021

Einfache Sterne

Vergeblich schön der
Februarsonnenuntergang am
Ausgefransten Sumpfrand.
Das Herz hat einen Riß
Weiß nicht ob es
März sieht die
Veilchenaugen

aus: Sarah Kirsch, Bodenlos : Gedichte, DVA Stuttgart, 1996, S.9
 

Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!
Psalm 25,6


Freitag, den 26.Februar 2021

„Es trifft gewiss zu, dass die Hoffnung eine Gnade darstellt. Aber fraglos ist sie eine schwierige Gnade. Man hat sich ihrer oft zu versichern, denn sie ist nicht dazu angetan, sonnigen Erbauungsfrieden zu stiften, sondern weit eher, uns gefasst zu machen. Wer sich ihr anheimgibt, ist keineswegs gegen alles gefeit. Die Hoffnung schützt vor keinem Pantherbiss. Aber sie lässt erkennen, wessen wir bedürfen, um bestehen zu können. Vielleicht ist die Hoffnung die letzte Weisheit der Narren.“

Siegfried Lenz- Gefunden in der Denkschrift der EKD zu Reminiscere 2021 

Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man sieht? So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld.

Röm 8,24-25
 

Donnerstag, den 25. Februar 2021

HAARPLUNDER, m.:
erstlich waren meine haare in dritthalb jahren weder auf griechisch, teutsch noch französisch abgeschnitten, gekampelt noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer natürlichen verwirrung, noch mit mehr als jährigem staub an statt des haarplunders, puders oder pulvers (wie man das narren- oder närrinwerk nennt) durchstreut. (...)

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1868), Bd. IV,II (1877), Sp. 34, Z. 27., digitalisiert <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB>


Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.
Martin Luther zugeschrieben

 

Mittwoch, den 24.Februar 2021

Nicht müde werden

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

 

Stärkt die müden Füße und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen.

Hebräer 12,12-13 

Dienstag, den 23. Februar 2021
 

Der alte Professor

(...)

Ich fragte ihn, ob er immer noch ganz genau wisse,
was für die Menschheit gut und was schlecht ist.

Das ist die tödlichste aller Illusionen,
sagte er.

(...)
aus dem Gedicht "Der alte Professor" von Wisława Szymborska (1923-2012), in "Glückliche Liebe und andere Gedichte", Suhrkamp Verlag Berlin 2012, S. 18
 

Eine offene Gesellschaft, die direkt neben der eigenen Position das Unheil wittert, steht in der Gefahr , nicht so offen zu sein, wie sie behauptet.
Ulrich Khuon,  in "DIE ZEIT" No. 10, 28. Februar 2019, S. 38, "Wer nicht für uns ist, kann nur verdächtig sein"

 

 

Montag, den 22.Februar 2021

„Versuchungen sind Vagabunden: Wenn man sie freundlich behandelt, kommen sie wieder und bringen andere mit.“ Mark Twain

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. 
Mt 6,13
 

Sonntag, den 21. Februar 2021

Ein Großvater sagte einst zu seinem Enkel: «In mir findet ein Kampf statt, ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Einer ist schlecht, böse, habgierig, eifersüchtig, arrogant und feige. Der andere ist gut – er ist ruhig, liebevoll, bescheiden, großzügig, ehrlich und vertrauenswürdig. Diese Wölfe kämpfen auch in dir und in jeder anderen Person.»
Der Junge dachte einen Moment nach und fragte dann: «Welcher Wolf wird gewinnen?»
Der alte Mann lächelte.«Der Wolf, den du fütterst.»

aus: Rutger Bregmann, Im Grunde gut, Rowohlt Verlag Hamburg 2020, S. 28

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannes 3,8b
 

Samstag, den 20.Februar 2021

Über die Gleichgültigkeit

Der Gegensatz von Liebe ist nicht Hass, der Gegensatz von Hoffnung ist nicht Verzweiflung. Der Gegensatz von geistiger Gesundheit und gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn, und der Gegensatz von Erinnern heißt nicht vergessen, sondern es ist nichts anderes als jedes Mal die Gleichgültigkeit.    Elie Wiesel 

 

Hört das Wort aber nicht nur, sondern setzt es auch in die Tat um- sonst betrügt ihr euch selbst

Jakobus 1,22

Freitag, den 19.Februar 2021

Gesunder Menschenverstand

Albert Einstein hält einen anspruchsvollen Vortrag über das Verhältnis von Raum und Zeit. Als er fertig ist, steht ein Zuhörer auf und widerspricht: „Was Sie hier ausgeführt haben, ist mir viel zu spekulativ. Wir sind doch nicht in der Kirche. Nach meinem gesunden Menschenverstand kann es nur das geben, was man sehen und überprüfen kann.“
Einstein lächelt und antwortet: „Dann kommen Sie doch bitte nach vorne und legen Ihren gesunden Menschenverstand hier auf den Tisch."

 

Wir dürfen unseren Blick allerdings nicht nur auf das Sichtbare richten, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare dagegen ist unvergänglich.

2.Kor 4,18

 

Donnerstag, den 18.Februar 2021

bürger und bürgerinnen
schließt  Frieden mit euren träumen
setzt eure namenszüge darunter
seid gut zu ihnen
dann sind sie auch gut zu euch
und machen euch besser

Kurt Marti

Gott spricht: Es kommt die Zeit, da werde ich alle Menschen mit meinem Geist erfüllen. Alle Männer und Frauen in Israel werde ich zu Propheten machen. Alte wie Junge werden Träume und Visionen haben. Joel 3,1

 

 

 

Mittwoch, den 17.Februar 2021

Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.

Ödon von Horvath- Motto der Aktion "7 Wochen anders leben"

Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue.  Röm 7,15

 

 

Dienstag, den 16.Februar 2021

Wenn jeder eine Blume pflanzte, 
jeder Mensch auf dieser Welt,
und, anstatt zu schießen, tanzte
und mit Lächeln zahlte, statt mit Geld-
wenn ein jeder einen anderen wärmte,
keiner mehr von seiner Stärke schwärmte,
keiner mehr den andern schlüge,
keiner sich verstrickte in der Lüge,
wenn die Alten wie die Kinder würden,
sie sich teilten in die Bürden-
wenn dies Wenn sich leben ließ,
wärs noch lang kein Paradies-
bloß die Menschenzeit hätt angefangen,
die in Streit und Krieg uns beinah ist vergangen.

Peter Härtling

 

Montag, den 15.Februar 2021

Als Kinder hatten wir einen Kranich mit einem lahmen Flügel. Er war freundlich zu uns und trug uns keinen Spaß nach und stolzierte hinter uns drein, schreiend, dass wir nicht zu schnell für ihn liefen. Aber im Herbst und im Frühjahr, wenn die großen Schwäne über das Dorf zogen, wurde er sehr unruhig, und ich verstand ihn gut.  Bertold Brecht

Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.  Röm 12,15

 

Sonntag, den 14.Februar 2021, Gedenktag für Valentin von Terni

Ich setz auf die Liebe!
Ich setze auf die Liebe
das ist das Thema
den Hass aus der Welt zu entfernen
bis wir bereit sind zu lernen
dass Macht, Gewalt, Rache und Sieg
nicht anderes bedeuten als ewiger Krieg
auf Erden und dann auf den Sternen.

Ich setze auf die Liebe
wenn Sturm mich in die Knie zwingt
und Angst in meinen Schläfen buchstabiert
ein dunkler Abend mir die Sinne trübt
ein Freund im anderen Lager singt
ein junger Mensch den Kopf verliert
ein alter Mensch den Abschied übt.

Ich setze auf die Liebe
das ist das Thema
den Hass aus der Welt zu vertreiben
ihn immer neu zu beschreiben.
Die einen sagen es läge am Geld
die anderen sagen es wäre die Welt
sie läg' in den falschen Händen
Jeder weiß besser woran es liegt
doch es hat noch niemand den Hass besiegt
ohne ihn selbst zu beenden.
Es kann mir sagen was es will
es kann mir singen wie er's meint
und mir erklären was er muss
und mir begründen wie er's braucht
Ich setzte auf die Liebe! Schluss!

Hanns Dieter Hüsch (1925-2005)

 

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.

1.Kor 13,13

 

Samstag, den 13.Februar 2021

Wer angesichts ungerechter Zustände neutral bleibt, hat die Seite der Unterdrücker gewählt. Hat ein Elefant seinen Fuß auf dem Schwanz einer Maus, wird die Maus seine Neutralität nicht schätzen.

Desmond Tutu, südafrikanischer anglikanischer Bischof 

Lebt mit allen Menschen in Frieden- soweit es möglich ist und es an euch liegt.  Röm 12,18

Freitag, den 12.Februar 2021

Mit freundlichen Grüßen

Der berühmte Clown Grock erhält eines Tages einen Brief, der voll von falschen Behauptungen und schlimmen Beschuldigungen ist. Seine Freunde raten ihm, den Absender des Briefes zu verklagen. Aber Grock winkt ab. Stattdessen schickt er den Brief zurück an den Absender und schreibt dazu: "Diesen unverschämten Brief habe ich bekommen. Ich schicke ihn nun an Sie, damit Sie wissen, dass irgendjemand in Ihrem Namen beleidigende Briefe verschickt.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr Clown Grock" 

 

Lebt  mit allen Menschen in Frieden- soweit es möglich ist und es an euch liegt.

Röm 12,18

Donnerstag, den 11. Februar 2021

Hinter dem Himmel schlafen die Märchen
Wer weiß den Weg
Wer hat den Schlüssel
Wer weckt sie

Wir Kinder warten

Rose Ausländer (1901-1988)
 

Der goldene Schlüssel
Ein Märchen der Brüder Grimm

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, mußte ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bißchen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloß dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. "Wenn der Schlüssel nur paßt!" dachte er, "es sind gewiß kostbare Sachen in dem Kästchen." Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, daß man es kaum sehen konnte. Er probierte und der Schlüssel paßte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.

 

 

Mittwoch, den 10.Februar 2021
 

Wie mit den Lebenszeiten

so ist es auch mit den Tagen.

Keiner ist ganz schön,

und jeder hat,

wo nicht seine Plage,

so doch seine Unvollkommenheit.

Aber rechne sie zusammen,

so kommt eine Summe

Freude und Leben heraus

Friedrich Hölderlin

Ein fröhliches Herz ist das Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben. Ermuntere dich und tröste dein Herz, und vertreibe die Traurigkeit von dir.

Jesus Sirach 30,23.24

 

Dienstag, den 09. Februar 2021

Nachts

Die Nacht,
In der
Das Fürchten
Wohnt,

Hat auch
Die Sterne
Und den
Mond.

Mascha Kaleko (1907-1975)
 

...wenn die Nacht keine Türen hätte,
woher käme der Tag,
und zuletzt,
wohin ginge er,
wenn die Nacht keine Türen hätte...

Fundstück an einer Gebetswand einer alten Kirche
 

Montag, den 08.Februar 2021

Bei den Olympischen Sommerspielen in Helsinki stürzte auf der Zielgeraden des 5000 Meter Laufes der Engländer Christopher Chatawey, der bis dahin in Führung gelegen hatte. Er blieb nicht frustriert liegen, ging nicht weinend von der Bahn. Er stand wieder auf und lief- ein Lächeln im Gesicht- als fünfter durchs Ziel. Am nächsten Tag schrieb eine finnische Zeitung: „Der eigentliche Sieger war Chataway. Er hat in seiner Niederlage über sich selbst gesiegt.“
 

Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen.     

Stanislaw Jerzy Lec, polnischer Dichter (1909-1966)
 

Sonntag, den 07. Februar 2021

Es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift, braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quäkt, ächzt, singt, rappelt, prasselt, knallt, rasselt, knistert, klappert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, röcheln, klingelt, bläset, schnarcht, klatscht, lispeln, keuchen, es kocht, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stottern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern, schnarren, scharren, sprudeln. Diese Wörter und noch andere, welche Töne ausdrücken, sind nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift für das Ohr.
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Sudelbücher, Heft A, 134
 

Wer Ohren hat zu hören, der höre! Lukas 8,8b
 

Samstag, den 06. Februar 2021

Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen. Rainer Maria Rilke

Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 1.Mose 2,2
 

Freitag, den 05. Februar 2021

Gott,
du nimmst den Zeichenstift - und die Linien tanzen.
Du spielst die Flöte - und die Töne schimmern.
Du bewegst den Pinsel - und die Farben singen.

So wird alles sinnvoll und schön
jenseits der Zeit,
in dem Raum, der du bist.

Wie könnte ich etwas zurückhalten von dir?

Dag Hammarskjöld (1905-1961)

 

Der Künstler spielt mit den letzten Dingen eine unwissend Spiel. Und erreicht sie doch.

Paul Klee (1879-1940)

 

 

Donnerstag, den 04.Februar 2021

Was nah ist und was ferne,

von Gott kommt alles her,

der Strohhalm und die Sterne,

der Sperling und das Meer.

Von ihm sind Büsch und Blätter

und Korn und Obst von ihm,

das schöne Frühlingswetter

und Schnee und Ungestüm.

Matthias Claudius EG 508

Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Psalm 104,24
 

Mittwoch, den 03. Februar 2021
 

Freiheit ist, wenn man sich morgens fragt, was man wohl tun wird. Zwang ist, wenn man es weiß.
Harry Rowohlt (1945-2015)
 

Wer hat dem Wildesel die Freiheit geschenkt?
Wer hat ihm von Anfang an die Fesseln gelöst?
Ich habe die Wüste zu seiner Heimat bestimmt.
Das dürre Land gab ich ihm zum Wohnen.
Ja, er lacht über den Lärm in der Stadt.
Die Schreie des Eseltreibers kennt er nicht.
Er durchstreift Berge, als wären sie seine Weide.
Wo immer etwas Grünes wächst, spürt er es auf.

Hiob 39,5-8

 

Dienstag, den 02.Februar 2021

„Manchmal, in seltenen Stunden, spürst du auf einmal nahe dem Herzen, am Schulterblatt schmerzlich die Stelle, an der uns, wie man erzählt, vor Zeiten ein Flügel bestimmt war, den wir verloren. Manchmal regt sich dann etwas in dir, ein Verlangen, wie soll ich’s erklären, ein unwiderstehliches Streben, leichter und freier zu leben und dich zu erheben und hoch über allem zu schweben. Manchmal, nur einen Augenblick lang – dann ist es vorbei – erkennst du dein wahres Gesicht, du ahnst, wer du sein könntest und solltest. Dann ist es vorbei. Und du bist, wie du bist. Du tust, was zu tun ist. Und du vergisst.“         Lothar Zenetti (1926-2019)

Der Engel, nach dem ihr ausschaut, ist schon unterwegs.       Maleachi 3,1

 

Montag, den 01. Februar 2021

Die Bäume
Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.

aus:  Franz Kafka, Betrachtung, Leipzig 1912

Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!
Lukas 10,20, Monatsspruch Februar 2021

 

Sonntag, den 31. Januar 2021

…denn das Evangelium ist ßo eyn lieplich predigt von gottis gnaden unnd sussigkeyt, das es den heyligen geyst mit sich bringt ym horen und predigen gleich wie der sonnen glantz naturlich die hitze mit sich bringt.
Aus: Martin Luther „Weihnachtspostille“ 1522, WA 10 I 1, 101


Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Wochenspruch Jesaja 60, 2b
 

Samstag, den 30.Januar 2021

Da steht man und zittert und verstummt und das Herz fängt einem an zu schlagen und die Wangen glühen und man weiß nicht wie und warum. Und gerade da, wo die Philosophie scheitert und die Vernunft sich hinter dem Ohr kratzen muss, wo man ein Sausen hört, aber nicht weiß, woher es kommt und wohin es führet, gerade da vermute ich Gottes Finger,“   Matthias Claudius über die Liebe

Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen.

Hohelied der Liebe 2,2

Freitag, den 29. Januar 2021

Spender des Lebens,
gib mir Kraft,
dass ich meine Arbeit
mit Überlegung tue,
getreu dem Ziel,
das Leben jener zu hüten,
die meiner Umsorgung anvertraut sind.
Halte rein meine Lippen
von verletzenden Worten,
gib mir klare Augen,
das Gute der Anderen zu sehen,
gib mir sanfte Hände,
ein gütiges Herz
und eine geduldige Seele,
dass durch deine Gnade
Schmerzen gelindert werden,
kranke Körper heilen,
Gemüter gestärkt werden,
der Lebenswille wieder wachse.
Hilf, dass ich niemandem
durch Unwissenheit und Nachlässigkeit schade.
Für jene, die gebeugt sind
von Kummer und Weh,
von Angst und Schmerz,
gib Kraft zum Durchhalten. –
Schenk mir, o Gott,
deinen Segen zu meiner Aufgabe.


Florence Nightingale (1820-1910)

 

Und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Lukas 10,34

 

Donnerstag, den 28.Januar

„Ich denk', man soll lieber in sich fröhlich als brummsch sein und bin sehr dafür, daß man in allen Stücken seine Freude daheim habe und nicht auswärts suche.“
Matthias Claudius

 

Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl;
aber ein betrübtes Gemüt lässt das Gebein verdorren.

Sprüche 17:22

 

Mittwoch, den 27. Januar 2021

Sammeln

Den Tag mit Sammeln beginnen.
Wind in die Windmühle, Regen in die Regentonne,
Sonne in die Solarzellen.
Weitersammeln.
Sammeln, was man mit den Augen sammelt.
Rosen, Tulpen, Nelken,
Kirchtürme, Kumuluswolken, Kondensstreifen,
Kindergesichter.
Immer weitersammeln.
Sammeln, was man mit den Ohren sammelt.
Amsel, Drossel, Fink und Star,
Nachbars neuen Rasenmäher.
Nicht aufhören mit Sammeln.
Sammeln, was man mit der Nase sammelt.
Jasmin , Jelängerjelieber, Johanniskraut,
Winzige Welpen, wunderbare.
Alles sammeln, sammeln.

Jochen Missfeldt, Mein Meeresgrund -Gedichte; Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München, 2010, S.64


Nun sammle meine Tränen in deinem Krug!
Ist nicht alles in deinem Buch festgehalten?

Psalm 56,9 (BasisBibel)

 

Dienstag, den 26.Januar 2021

Manchmal

spricht ein Baum

durch das Fenster

mir Mut zu

Manchmal 

leuchtet ein Buch

als Stern

auf meinem Himmel

Manchmal 

ein Mensch

den ich nicht kenne

der meine Worte

erkennt

Rose Ausländer

 

Montag, den 25. Januar 2021

Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.
Ernst Bloch (1885-1977), aus: Tübinger Einleitung in die Philosophie

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Offenbarung des Johannes 1,4

 

Sonntag, den 24. Januar

Ich möchte Leuchtturm sein

in Nacht und Wind –

für Dorsch und Stint,

für jedes Boot –

und ich bin doch selbst

ein Schiff in Not!             Aus: Wolfgang Borchert "Laterne. Nacht, Sterne"

 

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Gnade währet ewiglich.

So sollen sagen, die er aus der Not erlöst hat.

Die mit Schiffen auf dem Meer fuhren und trieben Handel auf großen Wassern, die des Herrn Werke erfahren haben und seine Wunder auf dem Meer, 

wenn er sprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob, und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken, dass ihre Seele vor Angst verzagte.

Und die dann zum Herrn schrien in ihrer Not

und er führte sie aus ihren Ängsten und stillte das Ungewitter, dass die Wellen sich legten und sie froh wurden, dass es still geworden war und er sie zum erwünschten Lande brachte.  Psalm 107 i.A

 

Sonnabend, den 23. Januar 2021

Unbefriedigt durch den kalten, glaubenslosen, materialistischen Geist der Zeit, sehnte ich mich nach einem Glauben, der das Herz erwärmt, aber zugleich auch den Verstand befriedigt.

aus: Harmoniumklänge über dem Exerzierplatz, Kieler Kultur vor 1900 nach den Erinnerungen von Johannes Möller, Hg. Reinhart Staats, Wachholtz Verlag Neumünster

Glauben ist wie stehen auf uraltem Fels und ein Blick in weite Ferne.
Jörg Zink (1922-2016)
 

Freitag, den 22.Januar 2021

Ohne mein Zutun

Bevor ich aufwache,

ist der neue Tag erschienen

ohne mein Zutun.

Die Erde hat sich weitergedreht, wie im Schlaf,

von unsichtbarer Hand bewegt,

fast unmerklich, unhörbar, ohne anzuhalten.

Das Licht des Tages umfasst mich,

löst mich aus der Starre der Nacht.

Stimmen, Geräusche höre ich,

sie wecken mich aus der Einsamkeit der Nacht.

Nachrichten um sieben bringen 

das Wichtigste schon zum Frühstück,

als würde die Geschichte keine Ruhe wollen.

Ich steige in den Tag

Wie in einen brodelnden Fluß,

der mich mitnimmt 

in der ewigen Strömung der Zeit.

Herr, ich bitte dich um Kraft, 

diesen Tag zu bestehen

Martin Affolderbach

 

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen

Psalm 18,30b

 

Donnerstag, den 21. Januar 2021

Johannes schreibt an Gaius: Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.  3. Johannes V.2 (heutige Tageslosung)

 

Martin Luther über die Pest, die in Wittenberg wütete, in der Schrift:
Ob man vor dem Sterben fliehen solle, 1527:
Es gibt Leute, die verachten es Arznei einzunehmen und meiden nicht Orte oder Menschen, die die Krankheit gehabt haben und davongekommen sind, sondern zechen und spielen mit ihnen, wollen damit ihren Leichtsinn beweisen und erklären, es sei schließlich Gottes Strafe. Wolle er sie behüten, so werde er es sicher tun, ohne alle Arznei und unsere Bemühungen. Das heißt aber nicht Gott zu vertrauen, sondern Gott herauszufordern. Denn Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, um sich um Leib und Leben zu kümmern und sorgsam damit umzugehen, damit der Mensch gesund bleibt und leben kann. (...)
Sieh es so: Na gut, der Feind hat uns durch Gottes Geschick Gift und tödliche Krankheit geschickt - darum will ich zu Gott beten, dass er uns gnädig sei und [dieses Geschick] abwehre. Danach will ich auch ausräuchern, die Luft reinigen helfen, Arznei geben und nehmen, Städte und Menschen meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich mich nicht selbst schädige und darüber hinaus vielleicht andere vergiften und infizieren könnte, so dass ich durch meine Nachlässigkeit für sie Grund ihres Todes würde. Will mich mein Gott in diesem Zustand zu sich rufen, dann wird er mich bereit finden - ich habe ja getan, was er mir zu tun aufgegeben hat, und bin weder an meinem eigenen Tod noch an dem anderer Menschen schuld. Wenn aber mein Nächster mich braucht, dann werde ich weder Städte noch Menschen meiden, sondern frei zu ihm hingehen und ihm helfen, wie ich oben gesagt habe. Siehe, das ist ein rechter gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn oder frech ist und auch Gott nicht herausfordert.

 

Mittwoch, den 20.Januar 2021

Amselsturm 

Angenehme Vorstellungen von Dingen, die noch nicht sind, aber sein werden, zum Beispiel im März, wenn wieder einmal keine einzige Knospe zu sehen, kein Frühlingslufthauch zu spüren ist, während doch gegen Abend der Amselsturm sich erhebt. Blüten aus Terzen, Blätter aus Quinten, Sonne aus Trillern, ganze Landschaften aus Tönen aufgebaut. Frühlingslandschaften, rosaweiße Apfelbäume vor blauen Gewitterwolken, Sumpfdotterbäche talabwärts, rötlicher Schleier über den Buchenwäldern, Sonne auf den Lidern, Sonne auf der ausgestreckten Hand. Lauter Erfreuliches, was doch auch in anderer Beziehung, zum Beispiel in der Beziehung der Menschen zueinander eintreten könnte, Freude, Erkennen. Hinz liebt Kunz, Kunz umarmt Hinz, Hinz und Kunz lachen einander an. Amselsturm hinter den Regenschleiern und wer sagt, daß in dem undurchsichtigen Sack Zukunft nicht auch ein Entzücken steckt. 

Marie Luise Kaschnitz

 

Dienstag, den 19. Januar 2021

Goethe an Charlotte v. Stein:
Heut Mittag bin ich zur Herzoginn geladen, und heut Abend nach der Comödie will ich das zugedachte Stück Braten bey Ihnen verzehren. Dancke liebste dass Sie nach meinen Verworrenheiten fragen. Gott hat den Menschen einfach gemacht, aber wie er gewickelt wird und sich verwickelt ist schwer zu sagen.
Weimar, d. 11 Dez. 1778


In den letzten Tagen war ich durcheinander. Meine Begierden sind verkümmert. Meine Konzentration ist futsch. Große Dinge nehme ich nicht wahr, kleine Dinge erscheinen mir riesengroß. Ich haste hierhin, ich haste dorthin, und doch habe ich das Gefühl, nirgendwo anzukommen. Auf dem Weg zur Schul * fahre ich auf den Wagen vor mir auf. In der Schul bin ich ausgesprochen gereizt. Wir sollen dem Herrn dienen mit unserem ganzen Herzen und unserer ganzen Seele und mit all unserer Kraft, mit allem, was wir haben. Ich diene dem Herrn mit all meinen Nerven.
Leon Wieseltier, Kaddisch, Hanser Verlag München Wien 2000, S. 270
* = Synagoge

Montag, den 18.Januar

Ist es nicht so, dass alles, was der Mensch in Jahrhunderten an Schönem und Großen geschaffen hat, aus seiner Sehnsucht geboren wurde?

Helmut Gollwitzer

Und wir sahen diese neue Welt, die so anders war, wie ein Traum und doch Wirklichkeit

Wir lachten und weinten vor Freude, waren außer uns über dies Veränderung, denn nie hatten wir soviel Schönheit geahnt. nach Psalm 126,1.2

 

Sonntag, den 17. Januar 2021
 

Sensible Wege

Sensibel
ist die erde über den quellen: kein baum darf
gefällt, keine wurzel
gerodet werden

Die quellen könnten
versiegen

Wie viele bäume werden
gefällt, wie viele wurzeln
gerodet

in uns


In: Reiner Kunze, Sensible Wege. 48 Gedichte und ein Zyklus, Reinbek bei Hamburg 1969, S. 51


Die elementare, uns in jedem Augenblick unseres Daseins zum Bewußtsein kommende Tatsache ist: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. Das Geheimnisvolle meines Willens zum Leben ist, daß ich mich genötigt fühle, mich gegen allen Willen zum Leben, der neben dem meinen im Dasein ist, teilnahmsvoll zu verhalten. Das Wesen des Guten ist: Leben erhalten,
Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Das Wesen des Bösen ist: Leben vernichten, Leben schädigen, Leben in seiner Entwicklung hemmen.
Das Grundprinzip der Ethik ist also Ehrfurcht vor dem Leben. Alles, was ich einem Lebewesen Gutes erweise, ist im letzten Grunde Hilfe, die ich ihm zur Erhaltung und Förderung seines Daseins zu-
teil werden lasse.

aus: Albert Schweitzer (1875-1965), Die Ehrfurcht vor dem Leben

 

Samstag, den 16. Januar

Wie man das macht, jemand zu sein, der sich freut, das scheint eine schwere Kunst geworden zu sein. Aber warum schwere Kunst? Es braucht manchmal nur wenig: Genau hinschauen, genau hinhören und die Kleinigkeiten in Begegnungen und Widerfahrnissen dieses Tages auswickeln. Denn so ist es oft: Gott hat uns etwas eingewickelt in dem, was uns begegnet. Wir sollen daran erkennen: Dieser ganze Tag kann etwas davon hergeben, von der Nähe und Güte Gottes, die uns sagt: Du darfst dich freuen. Mensch, du bist zur Freude befreit.

Johannes Kuhn

Die Seele nährt sich von dem, an dem sie sich freut.

Augustin

 

Freitag, den 15. Januar 2021

Ich habe Lust zu lobpreisen. Gelobt sei das Buch, die Seite, der Vers, das Wort, der Buchstabe. Gelobt seien die großen Namen und die ungroßen Namen. Gelobt seien der Samt, der die Farbe von Wein hat, und der Wein. Gelobt seien das Teilchen im Licht und das Licht. Gelobt sei die Schulter, und gelobt sei die Last. Gelobt sei der Kalender. Gelobt sei die Uhr.
Leon Wieseltier, Kaddisch, Hanser Verlag München Wien 2000,  S.546
 

Viele sagen: "Wer wird uns Gutes sehen lassen?"
Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!

Psalm 4,7 (Monatsspruch Januar 2021)

 

Donnerstag, den 14.Januar 2021

Gott hüllte Jakob ein, gab auf ihn acht und hütete ihn wie seinen Augenstern, wie der Adler, der sein Nest beschützt und über seinen Jungen schwebt, der seine Flügel ausbreitet, ein Junges ergreift und es flügelschlagend davonträgt.  5.Mose, 32,10.11

Auch wenn die Brücke bricht, bestehen die Ufer weiter.  Stanislaw Jerzy Lec

 

Mittwoch, den 13. Januar 2021

Doch was ist aus der Kunst der Diskretion geworden, die einst die Individuen untereinander vor den gröbsten Unverschämtheiten der Selbstentblößung bewahrte? Diskretion wäre heute das zentrale Widerwort zu allem, was da läuft, sich äußert und outet.
aus: Botho Strauß, Die Expedition zu den Wächtern u. Sprengmeistern: Kritische Prosa, Hamburg 2020, S.268

Und Jesus gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Markus 7,36

 

Dienstag, den 12. Januar 2021

Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.    Franz Kafka, in: Das Schloss, entstanden 1922, veröffentlicht 1926 (posthum) 

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. 

1. Kor 13,12

 

Montag, den 11. Januar 2021
 

„Wir brauchen auch weiterhin weltliche Regierungen. Soll man denn zulassen, dass nur Rüpel und Flegel regieren, obwohl man es wohl bessern kann? Das wäre Ja ein wildes, unvernünftiges Ansinnen. So lasse man eben immer mehr Säue und Wölfe zu Herren machen und über die setzen, die nicht daran denken wollen, wie sie von Menschen regiert werden. Ebenso ist es auch eine unmenschliche Bosheit, wenn man nicht weiter denkt als so: Wir wollen jetzt regieren; was geht es uns an, wie es denen gehen wird, die nach uns kommen? Nicht über Menschen, sondern über Säue und Hunde sollten solche Leute regieren, die im Regiment nicht mehr als ihren Nutzen oder Ehre suchen.“

Martin Luther, An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christlichen Schulen aufrichten und halten sollen (1524), in: Luther lesen, Die zentralen Texte, Hg. vom Amt der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kiche Deutschlands VELKD, Göttingen 2016, S.81

 

Charakter ist das Talent eines Menschen abzüglich seiner Eitelkeit.

Otto von Bismarck (1805-1898) zugeschrieben

 

Sonntag, den 10. Januar 2021

Die meisten Menschen sind nicht darauf bedacht, sich zu ändern, sondern nur zu beweisen, dass sie sich nicht zu ändern brauchen. Ändern sollen sich nur die anderen. 

Erich Fromm

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder

Römer 8,14

 

Sonnabend, den 09. Januar 2021


Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
3. Mose 19,18

Die Selbstliebe muss, damit sie nicht der Gefahr des Narzissmus, des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein.

Navid Kermani, zitiert nach "DIE ZEIT" Nr. 43 vom 19. Okt.2017, S.62
 

Freitag, den 08.Januar 2021

In einem Kinderkrankenhaus in Providence, der Hauptstadt des US- Bundesstaates Rhode Island, gibt es ein besonderes Ritual: Im Hasbro Children`s Hospital versammeln sich jeden Abend um Punkt halb neun sämtliche kleinen Patienten hinter der großen Fensterfront des Krankenhauses und warten auf… die Gute- Nacht- Lichter ihrer Stadt. Kein Abend vergeht, an dem die Kinder nicht dieses Lichtspektakel erleben. Restaurants, Hotels und die nahe gelegene Universität lassen um 20.30 Uhr Ortszeit eine Minute lang ihre Lichter aufleuchten. An-aus-an-aus. Auch die Feuerwehr und Polizei … machen mit, außerdem alle, die um diese Uhrzeit mit Autos, Fahrrädern oder Taschenlampen unterwegs sind und den Kindern einen Gruß in die Nacht schicken wollen. Eine kleine Geste, die zeigen soll: Wir denken an euch. Werdet schnell wieder gesund. Das Leben, eure Stadt, wir alle warten auf euch…..Die Kinder antworten auf die Lichter. Mit Taschenlampen. Sie grüßen zurück. Jeden Abend, bevor sie zu Bett gehen. 
Hanna Buiting


Du Morgenstern, du Licht vom Licht,

das durch die Finsternisse bricht,

du gingst vor aller Zeiten Lauf

in unerschaffner Klarheit auf

Ev. Gesangbuch 74,1

 

Donnerstag, den 07. Januar 2021
 

Es leuchtet der Stern. Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg. Und viel geht dir unterwegs verloren. Lass es fahren. Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir. Gott wird es annehmen.
Karl Rahner (1904-1984)
 

Nicht darauf gefasst

Nicht damit gerechnet
meine Augen
aufheben zu müssen
zu den Bergen
ich glaubte
meine Hilfe komme
anderswo her

nicht vorbereitet auf
diese Niederkunft
in der kleinsten
unter den Städten
im jüdischen Land
auf den Salto mortale
Gottes ins Fleisch

Und schon gar nicht
darauf gefasst
dass Könige
sich verneigen
und die Welt
alle Jahre wieder
den Atem anhält

Eva Zeller (*1923)
 

Mittwoch, den 06. Januar

1. Wir kommen daher aus dem Morgenland,

wir kommen geführt von Gottes Hand.

Wir wünschen euch ein fröhliches Jahr:

Kaspar, Melchior und Balthasar.

2. Es führt uns der Stern zur Krippe hin,

wir grüßen dich Jesus mit frommem Sinn.

Wir bringen dir unsre Gaben dar:

Weihrauch, Myrrhe und Gold fürwahr.

3. Wir bitten dich segne nun dieses Haus,

und alle die gehen da ein und aus.

Verleihe ihnen zu dieser Zeit:

Frohsinn, Friede und Einigkeit.             Sternsingerlied

 

Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:  Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Mt 2,1.2
 

Dienstag, den 05. Januar 2021

Lys over Landet

Lys over Landet -
Det er det, vi vil.

Jens Peter Jacobsen (1847-1885)


Licht überm Land

Licht überm Land -
Nur das wollen wir.

Jens Peter Jacobsen, Übersetzung Peter Urban-Halle
aus: Licht überm Land, Dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute
Hg: Peter Urban-Halle und Henning Vangsgaard
Carl Hanser Verlag München 2020, S.108

 

Ein Stern strahlte auf am Himmel,
heller als alle anderen,
unbeschreiblich hell leuchtete er,
ein fremder, neuer Stern.
Alle anderen Gestirne,
auch Sonne und Mond,
standen ringsherum.
Er aber strahlte heller als alle anderen.
Alle fragten verwundert:
Woher kommt dieser neue, unvergleichliche Stern?
Das war das Ende aller Sterndeuterei.
Alle Fesseln der Bosheit wurden gesprengt.
Wer nichts über Gott wußte, wurde belehrt,
das alte Reich des Bösen wurde zerstört.
Denn Gott war als Mensch erschienen,
Leben für immer neu zu machen.
Gott setzte seinen Plan in die Tat um.
Weil es dem Tod an den Kragen ging,
geriet alles in Bewegung.

Brief des Ignatius an die Epheser 19,2f.
in: Das neue Testament und frühchristliche Schriften, Übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Insel Verlag Frankfurt/Main,  5.Aufl 2001, S.785

 

Montag, den 04.Januar 2021 


Aufbruch

Es wird kommen der Tag,

da verlasse ich,

zaghaft zuerst,

dann beherzt

meine einsame Insel.

Wage mich endlich hervor

aus dem bewährten Versteck

und der sicheren Deckung,

fast ohne Angst und ohne

noch einmal mich umzusehen.

Meine Rüstung tue ich

ab und alle die Waffen,

das Wenn und das Aber

und steige ins Boot.

Wehrlos werde ich sein

und verwundbar, ich weiß,

auf dem offenen Meer

und einzig beschützt

von der Liebe.

Lothar Zenetti
 

Nun aber bleibt Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei,  aber die Liebe ist die größte unter ihnen

1.Korinther 13,13

 

Sonntag, den 03 Januar 2021

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht,
Die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht,
Die etwa möchten kommen;

Der Augenblick ist mein,
Und nehm ich den in acht
So ist der mein,
Der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Andreas Gryphius (1616-1664)

Wollen wir uns über die Zeiten beklagen? Nicht die Zeiten sind gut oder schlecht. Wie wir sind, so sind auch die Zeiten. Jeder schafft sich selber seine Zeit! Lebt er gut, so ist auch die Zeit gut, die ihn umgibt! Ringen wir mit der Zeit, gestalten wir sie! Und aus allen Zeiten werden heilige Zeiten.

Aurelius Augustinus (354-430)

 

Samstag, den 02.Januar 2021

Ich sagte zu dem Engel, der an der Schwelle des neuen Jahres stand: "Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann."

Aber er antwortete: "Geh nur hin in die Dunkelheit, und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg."     Mündliche Überlieferung

Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen  Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Psalm 91,11.12

 

Freitag, den 01. Januar 2021

Rezept für das neue Jahr

Man nehme 12 Monate,
putze sie ganz sauber von Bitterkeit, Geiz,
Pedanterie und Angst,
zerlege jeden Monat in 30 oder 31 Teile,
so dass der Vorrat genau für ein Jahr reicht.
Es wird jeden Tag einzeln angerichtet
aus einem Teil Arbeit
und zwei Teilen Frohsinn und Humor.
Man füge drei gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu,
einen Teelöffel Toleranz, ein Körnchen Ironie
und eine Prise Takt.
Dann wird die Masse reichlich mit Liebe übergossen.
Das fertige Gericht schmücke man mit Sträußchen
kleiner Aufmerksamkeiten und
serviere es täglich mit Heiterkeit.

Katharina Elisabeth Goethe (1731-1808),

 

Der du allein der Ewige heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unserer Zeiten:
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten!

Jochen Klepper, Neujahrslied 1938,  EG 64, Str. 6 

 

 

Donnerstag, den 31. Dezember 2020, Silvester

"Zukunft, das Bevorstehende, ist nur selten die Erfüllung dessen, was scheinbar sich seit langem anbahnt."
aus: Botho Strauß, Die Expedition zu den Wächtern u. Sprengmeistern: Kritische Prosa, Hamburg 2020, S. 303

 

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Jeremia 29,11

 

Mittwoch, den 30.Dezember

“Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben, würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin, ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde nicht so gesund leben, würde mehr riskieren. Ich würde mehr reisen, mehr Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen. Ich würde an mehr Orte gehen, wo ich vorher noch nie war. Ich würde mehr Eis essen and weniger dicke Bohnen. Ich würde mehr echte Probleme als eingebildete haben. Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten. Freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen nur mehr gute Augenblicke zu haben. Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben, nur aus Augenblicken. Vergiß nicht das Jetzt! 

Jorge Luis Borges zugeschrieben

 

Alles wandelt sich

Alles wandelt sich. Neu beginnen

Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser

Das du in den Wein gossest, kannst du

Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen ist, ist geschehen. Das Wasser

Das du in den Wein gossest, kannst du

Nicht mehr herausschütten, aber

Alles wandelt sich. Neu beginnen

Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Bertolt Brecht

 

 

Dienstag, den 29. Dezember 2020

 

die Möglichkeit die Gott verwarf

das alles hätte natürlich auch
in Dänemark geschehen können
nein nicht in Kopenhagen
in den Dünen bei Hvide Sande
und es wären keine Hirten gekommen
sondern Fischer
im Ölzeug noch
breite Leute mit schweren Schritten
die hatten des Nachts
im Sturmgeheul hoch auf See
was gehört
von einem angespülten Kind
et i land skyllet barn
und wollten nun sehen ob es wahr war
und es ist wahr
und das Kind liegt da auf Heidekraut
und lebt
aber er entschied sich gegen Jütland
für Judäa
auch gut


Peter Jepsen, 2020


Der kom et skib fuldlastet,
Guds Søn var selv om bord;
som gaver var indkastet
Guds nåde og Guds ord.

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewig Wort.


Salmer på dansk og tysk
Deutsch - Dänisches Kirchengesangbuch, 2005, nr.1008

 

Montag, den 28.Dezember 2020

 

Die Nacht wird nicht ewig dauern.

Es wird nicht finster bleiben.

Die Tage, von denen wir sagen,

sie gefallen uns nicht,

werden nicht die letzten Tage sein.

Wir schauen durch sie hindurch 

Vorwärts auf ein Licht,

zu dem wir schon jetzt gehören

und das uns nicht loslassen wird.

Helmut Gollwitzer

 

Als die Welt verloren,

Christus ward geboren;

In das nächt`ge Dunkeln

Fällt ein strahlend Funkeln.

Und die Engel freudig singen

Untern Himmel hörts man`s klingen;

Gloria, Gloria in Excelsis Deo

Ev. Gesangbuch 53,1

 

Sonntag, 27. Dezember 2020

 

Ungeheuerlich
war das,
als sich die Erde
verfinsterte.
Die Korona
der Sonne aber,
ihr Lichtring
um die Schwärze
des Monds,
ging unvergleichlich
und für uns
unwiederholbar
für wenige Augenblicke
über uns
auf.
Selbst die Korona
des Herzens
zitterte
mit.
Wie aber ist es,
wie wird es
sein,
wenn die Korona
der Sonne
in der Korona
des Herzens
aufgeht
mit
ihren Strahlen?

aus: Wolfgang Dietrich, "Marburger Psalter: Lebensgesänge dieser Zeit", Münster 2004, S.259

 

Brich an, du schönes Morgenlicht,
und lass den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
weil dir die Engel sagen,
dass dieses schwache Knäbelein
soll unser Trost und Freude sein,
dazu den Satan zwingen
und letztlich Frieden bringen.

Johann Rist 1641

 

2. Weihnachtstag, Samstag, den 26.Dezember

Seit 1700 Jahren feiern die Christen das Weihnachtsfest. Immer denken sie dabei an die Weihnachtsgeschichte, .."Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging.."

Augustus war Kaiser der Römer vor 2000 Jahren. Er war mächtig. Sein Reich war das römische Weltreích, das Reich rings um das Mittelmeer, ein Reich mit vielen Ländern.

Überall waren die Truppen des Kaisers, die Legionen Roms. Auf allen Straßen marschierten sie. Sie fuhren übers Meer. Sie schützten die Grenzen. Es war für die Römer eine Zeit des Friedens. Friedenskaiser hieß Augustus, Heiland, Retter der Welt.

Die Menschen sehnten sich nach Frieden. Sie glaubten an Augustus. Sie bauten ihm Tempel und Altäre. Sie brachten Opfer für ihn, Opfer von Tieren und andere Opfer, dem DIVO AUGUSTUS, dem Göttlichen.

Die Römer meißelten es in Stein. "Der Kaiser ist unser Gott. Er ist Herr über alle Menschen. Endlich ist er gekommen. Es ist Advent. Zeit der Ankunft. Er bringt uns die frohe Botschaft. Die Römer erzählten es hin und her auf den Inseln und Kontinenten: Ein Tag hat uns allen Heil gebracht- der Tag seiner Geburt.

Zur gleichen Zeit, als die Römer dies überall verkündeten in ihrem Weltreich, als sie es in Stein meißelten- der Geburtstag des Kaisers, Anfang der Welt- zur gleichen Zeit geschah eine andere Geburt, eine Geburt am Ende des Weltreichs, in einer kleinen Provinz, im Lande der Juden, in Palästina, eine Geburt in Armut, die Geburt von Jesus. Niemand schrieb etwas über diese Geburt. Niemand meißelte etwas in Stein. Niemand weiß mehr das genaue Datum. Niemand fragte danach. Damals noch nicht.

Niemand  wusste, was aus diesem Kind einmal werden sollte. Damals noch nicht.Aber diese Geburt hat Glanz gebracht über die Welt. Sie strahlt bis heute. Ein großes Licht. Die Geburt des Kaisers ist vergessen.

Dietrich Steinwede

 

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.

"Macht hoch die Tür" Ev. Gesangbuch, 1,3

 

 

1. Weihnachtstag;  Freitag, den 25. Dezember

Gelobet seist du, Jesu Christ,
daß du Mensch geboren bist...

Evang. Gesangbuch 23,1

 

Weihnachten - wie es wirklich war


War es so?
Maria kam gelaufen
Josef kam geritten
Das Jesukindlein war glücklich
Der Ochse erglänzte
Der Esel jubelte
Der Stern schnaufte
Die himmlischen Heerscharen lagen in der Krippe
Die Hirten wackelten mit den Ohren
Die Heiligen Drei Könige beteten
Alle standen daneben


Oder so?
Maria lag in der Krippe
Josef erglänzte
Das Jesukindlein kam gelaufen
Der Ochse war glücklich
Der Esel stand daneben
Der Stern jubelte
Die himmlischen Heerscharen kamen geritten
Die Hirten schnauften
Die Heiligen Drei Könige wackelten mit den Ohren
Alle beteten


Oder so?
Maria schnaufte
Josef betete
Das Jesukindlein stand daneben
Der Ochse kam gelaufen
Der Esel kam geritten
Der Stern lag in der Krippe
Die himmlischen Heerscharen wackelten mit den Ohren
Die Hirten erglänzten
Die Heiligen Drei Könige waren glücklich
Alle jubelten


Oder so?
Maria jubelte
Josef war glücklich
Das Jesukindlein wackelte mit den Ohren
Der Ochse lag in der Krippe
Der Esel erglänzte
Der Stern betete
Die himmlischen Heerscharen standen daneben
Die Hirten kamen geritten
Die Heiligen Drei Könige kamen gelaufen
Alle schnauften


Oder etwa so?
Maria betete
Josef stand daneben
Das Jesukindlein lag in der Krippe
Der Ochse schnaufte
Der Esel wackelte mit den Ohren
Der Stern erglänzte
Die himmlischen Heerscharen jubelten
Die Hirten kamen gelaufen
Die Heiligen Drei Könige kamen geritten
Alle waren glücklich


Ja, so!



(Franz Hohler)

 

Heilig Abend; Donnerstag, den 24. Dezember 2020


Mit fester Freude

lauf ich durch die Gegend

Mal durch die Stadt

Mal meinen Fluß entlang

Jesus kommt

Der Freund der Kinder und der Tiere

Ich grüße freundlich

Möchte alle Welt berühren

Mach dich fein

Schmück dein Haus und deinen Garten

Mein Herz schlägt ungemein

Macht Sprünge

Mein Auge lacht und färbt sich voll

Mein Glück

Jesus kommt

Alles wird gut

Hanns Dieter Hüsch

 

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Lukas 2,10-11

 

Mittwoch, den 23. Dezember 2020
 

Es begab sich aber zu der Zeit...

Lukas 2,1


Eine Geschichte- einfach und streng

Ja, ich kann meine Erfahrungen mit dieser herrlichen und zugleich unsäglichen Geschichte schon mitzuteilen versuchen.
Zuerst: ich habe sie als Kind auswendig lernen müssen. Unter dem brennenden Weihnachtsbaum war sie aufzusagen mit allen schwierigen Worten: »Quirinius – schwanger«. Der Gabentisch war noch mit einem Tuche zugedeckt. Ich blieb oft stecken, weil ich versuchte herauszubekommen, was unter der Decke lag. Ich mußte die ganze Geschichte aufsagen bis zur Rückkehr der Hirten zu ihren Herden. Ich war ein Einzelkind. Meine Kinder hatten es besser. Es waren drei, so hatte jedes nur ein Drittel der Mühe.
Aber es war schon gut, den Text gleichsam mit der Muttermilch aufzunehmen. Er hielt nun ein Leben lang. Er gehört für mich zu den sieben oder acht Abschnitten der Bibel, die gewissermaßen abrufbar sind, unverlierbar, unvergeßlich, unbeirrbar. Das ist sehr merkwürdig. Diese einfache Geschichte. Dieser zur Legende gestempelte Versuch, das Unbeschreibliche zu beschreiben, Dieser Traum vom Frieden, dem völligen, unteilbaren Frieden.
Ich habe wohl zwei Dutzend Mal über den Text zu predigen versucht. Dabei kann man gar nicht ernsthaft »über ihn« predigen. Meine einfache Bauerngemeinde in Oberschlesien hat das wohl geahnt. Sie ließ am Heiligen Abend ihren Pastor nur die Geschichte vorlesen, langsam und auch in drei Abschnitten, kein Wort darüber hinaus; natürlich auch, weil die Kirche kalt und dunkel war und das Vieh auf die Fütterung wartete.
Man kann die Geschichte nur nacherzählen – oder man kann über die eine oder andere Gestalt, über diese oder jene Szene nachdenken und sie in die Welt stellen, in der wir leben! Wer noch von Augustus und Quirinius redet? Was sie wohl in dieser Nacht geträumt haben mögen? Von den Eltern kann man reden, von den Hirten, von den Tieren. Von den Engeln schon gar nicht mehr. Nur von dem, was sie sangen.
Ja, und von dem Kinde. Von dem Kinde immerzu. Daß Gott ein Kind wurde und ein Kind Gottes Sohn. Und was dies wohl mit unsern Kindern und Enkeln zu tun haben könnte, die wir nun mit immer schrecklicheren Waffen dem Untergang weihen. Und was und wer aus dem Kind wurde, welcher Mensch, welcher einmalige Mensch, und wie er starb. Und wer ihn umbrachte – und warum.
Man hat also ein Leben lang zu tun, um über die Geschichte nachzudenken. Sie wechselt ihre Farben und ihr Gesicht und bleibt doch immer die gleiche. Das letzte Mal mit seiner Mutter sie zu hören, das erste Mal mit seiner Frau, das erste Mal mit einem eigenen lebenden Kind, das erste Mal im Krieg. Und dann 1945, als alles vorüber war und ich mit Hunderten von Flüchtlingen in einer fremden Kirche, in einer fremden Stadt die Geschichte hörte, dieselbe Geschichte wie zu Hause, das es nun nicht mehr gab. Sentimentalitäten? Nun, warum nicht?
Dabei ist es ja eine unglaubliche, eine strenge Geschichte. Nicht der Kaiser, sondern dies Kind, kein königlicher Palast, sondern der Stall. Nicht die Würdenträger des Landes, sondern die Hirten. Nicht die Macht der Menschen, sondern Gottes Macht. Nicht Gewalt, sondern Friede. Nichts Riesiges, sondern ein Winzling – mein Herr und mein Gott.
Die Welt wird auf den Kopf gestellt. Alle Maße werden verändert, radikal verändert. Du brauchst nur zu rühren an diese Geschichte, und du berührst den starken Strom der Freiheit der Kinder Gottes. Nichts von Idylle. Genaugenommen Revolution.
Und das mit diesen Bildern: Maria mit dem Kinde, die erschrockenen Männer auf dem Felde, das Blöken der Schafe – und ein ferner Kaiser, der schläft und nicht weiß, daß dieses Kind sein Kaiserreich zerbrechen wird.
Und Licht, viel Licht, unbeschreibliches Licht. Das sind meine Erfahrungen mit dieser Geschichte. Ich möchte sie mir vorlesen lassen, wenn ich sterbe, sie und den Bericht von Jesu Tod.

Heinrich Albertz (1915-1993)

 

Dienstag, den 22. Dezember 2020

Wenn ein Vater mit seinem Kind spielt oder wenn er es tröstet, bleibt er nicht in seiner vollen Größe vor dem Kind stehen. Er geht in die Knie, macht sich klein, begibt sich in die Lage des Kindes, ist Auge in Auge mit ihm und nimmt seinen Horizont an. Er vergisst seine Sprache und spricht die Worte, die das Kind schon versteht.
Gott geht in die Knie, er lebt das Leben aus unserer Perspektive, spricht die Sprache unseres Stammelns... Es ist ein fremder und zärtlicher Gedanke, dass unser Leben und dass die Welt nicht gerettet werden durch die Macht des Mächtigen. Die Liebe, die sich gleichmacht mit dem Geliebten, ist die erlösende Kraft.

Fulbert Steffensky

Seid unter euch so gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

Phil 2,5ff
 

Montag, den 21. Dezember 2020


Berlin d. 21. Dzb. (18)59.


Meine liebe, gute Mama.
Der Ceremonienmeister des diesmaligen Weihnachtsfestes hat angeordnet: >die Herrn erscheinen mit leeren Händen; die Damen schließen sich den Herren an<. So stehn die Sachen; aber wenigstens mit leerem Herzen wollen wir nicht kommen und so nimm wenigstens unsre herzlichsten Glückwünsche entgegen. Wir werden den Heilig-Abend natürlich >im engsten Zirkel< zubringen und die Heiterkeit der Kinder wird ersetzen müssen, was sonst wohl fehlt.
Glücklicherweise sind wir beide nicht so geartet, daß die Abwesenheit von Sammt und Seide uns besonders bedrückt. (…) Emilie ist pumplich, hält aber den Kopf oben und steigert nicht nutzlos das Päckchen Sorgen das ich ohnehin zu tragen habe. Die Kinder sind wohl und recht nett, natürlich der Große mit dem üblichen Beisatz von Waschlappig-, der Kleine von Rüplichkeit. George brachte heut eine recht gute Censur; an Lerneifer fehlt es ihm nicht.
Mich beschäftigen jetzt zumeist meine Vorlesungen, die am 11. Ianuar beginnen sollen. Ich verspreche mir nicht viel davon, denn ganz andre Dinge haben ja auch zu nichts geführt, aber ich fühle die Nothwendigkeit 'mal wieder vor dem Publikum zu erscheinen und diesen und jenen wissen zu lassen, daß ich noch da bin.
Zum neuen Iahre schreib ich noch 'mal. (...) Dir
und Lisen den herzlichsten Kuß und nochmals den
Wunsch; >frohe Feiertage!<
Leb wohl, wie immer
Dein
Theodor
.

Theodor Fontane an seine Mutter Emilie Fontane

 

Freuet euch in dem Herrn allewege...

Philipper 4,4

 

Sonntag, den 20.Dezember 2020

Am Meer

Wie ist dir nun,                                                                                                                                  meine Seele?                                                                                                                                         Von allen Märkten                                                                                                                                  des Lebens fern,                                                                                                                                darfst du nun ganz                                                                                                                               dein selbst genießen.

Keine Frage                                                                                                                                            von Menschenlippen                                                                                                                        fordert Antwort.                                                                                                                                  Keine Rede                                                                                                                                           noch Gegenrede                                                                                                                               macht dich gemein.                                                                                                                              Nur mit Himmel und Erde                                                                                                                  hältst du Zwiesprach.                                                                                                                           Und am liebsten                                                                                                                             befreist du                                                                                                                                           dein stilles Glück,                                                                                                                                dein stilles Weh                                                                                                                                        in wortlosen Liedern.

Wie ist dir nun,                                                                                                                                  meine Seele?                                                                                                                                         Von allen Märkten                                                                                                                                 des Lebens fern                                                                                                                                darfst du  nun ganz                                                                                                                              dein selbst genießen.

Christian Morgenstern

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes,

Lk 1,46-47

Sonnabend, den 19. Dezember

 

Die Zeit ist endgültig da, in die Stille zu gehen, dem Chaos die Sammlung entgegenzusetzen, der hektischen Aktivität zu begegnen mit dem Gebet, dem Eigenlob, der Ruhmsucht mit der Buße, dem Schein mit dem Gehalt, der unerträglichen Erregung mit der Geduld. Die Zeit ist da.

Jochen Klepper, Tagebucheintrag vom 16. September 1937

 

Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Römerbrief 13,11–12

 

 

Freitag, den 18.Dezember 2020

 Wer hofft                                                                                                                                                   ist jung

 Wer könnte atmen                                                                                                                                       ohne Hoffnung                                                                                                                                       daß auch in Zukunft                                                                                                                           Rosen sich öffnen

 Ein Liebeswort                                                                                                                                         die Angst überlebt

 Rose Ausländer

 Es ist ein Ros entsprungen                                                                                                                   aus einer Wurzel zart,                                                                                                                           wie uns die Alten sungen,                                                                                                                     von Jesse kam die Art                                                                                                                                 und hat ein Blümlein bracht                                                                                                               mitten im kalten Winter                                                                                                                             wohl zu der halben Nacht

Evangelisches Gesangbuch Nr.30

Donnerstag, den 17. Dezember

Rätsel

"Da ist ein Baum,
ist immer grün,
wächst nicht in der Savanne.
Wächst da, wo Deutschlands Blumen blühn,
und winters auf ihm Kerzen glühn -
wie heißt der Baum?

"Marianne?"

Robert Gernhardt (1937-2006)

 

Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich,
das Meer brause und was darinnen ist;
das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist;
jauchzen sollen alle Bäume im Walde
vor dem Herrn; denn er kommt,
denn er kommt, zu richten das Erdreich.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit
und die Völker mit seiner Wahrheit.

Psalm 96, 11-13

 

 

Mittwoch, den 16.Dezember

Unterwegs

Der Tourist macht Station in einem Kloster. Er wird freundlich aufgenommen, und man bietet ihm eine Mönchszelle als Schlafquartier an. Darin stehen nur ein Bett und ein Tisch mit Stuhl. In der  Tür fragt der Tourist erstaunt: "Und wo sind Ihre Möbel?" "Wo sind denn Ihre?", erwidert der Mönch. Verwirrt antwortet der Tourist: "Ich bin ja nur auf der Durchreise." Der Bruder lächelt. "Wir auch."

 

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige Suchen wir.

Hebräer 13,14

 

Dienstag, den 15. Dezember

Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeugen für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern.

Offenbarung des Johannes 22,16

Was war das für ein Fest?

Der kleine Junge hockte auf dem Fußboden und kramte in einer alten Schachtel, aus der er einiges zutage förderte, ein paar Röllchen schmutzige Nähseide, ein verbogenes Wägelchen und einen silbernen Stern.

Was ist das? fragte er und hielt den Stern hoch in die Luft.

Die Küchenmaschinen surrten, der Fernsehapparat gab Männergeschrei und Schüsse von sich, vor dem großen Fenster bewegten sich die kleinen Stadthubschrauber vorsichtig auf und ab. Der Junge stand auf und ging unter die Neonröhre, um den Stern, der aus einer Art von Glaswolle bestand, genau zu betrachten.

Was ist das? Fragte er noch einmal. Entschuldige, sagte die Mutter am Telefon, das Kind plagt mich, ich rufe dich später noch einmal an. Damit legte sie den Hörer hin, schaute herüber und sagte: Das ist ein Stern. Sterne sind rund, sagte der kleine Junge.

Zeig mal, sagte die Mutter und nahm dem Jungen den Stern aus der Hand. Es ist ein Weihnachtsstern, sagte sie. Ein was? Fragte das Kind.
Jetzt hab' ich es satt, schrie der Mann auf der Fernsehscheibe und warf seinen Revolver in den Spiegel, was beträchtlichen Lärm verursachte. Die Mutter drückte auf eine Taste, der Lärm hörte auf, und das Bild erlosch.

Etwas von früher, sagte sie in die Stille hinein. Von einem Fest. Was war das für ein Fest? Fragte der kleine Junge. Ein langweiliges, sagte die Mutter schnell. Die ganze Familie stand in der Wohnstube um einen Baum herum und sang Lieder, oder die Lieder kamen aus dem Fernsehen, und die ganze Familie hörte zu.

Wieso um einen Baum? sagte der kleine Junge, der wächst doch nicht im Zimmer. Doch, sagte die Mutter, das tat er, an einem bestimmten Tag im Jahr. Es war eine Tanne, die man mit brennenden Lichtern oder mit kleinen bunten Glühbirnen besteckte und an deren Zweige man bunte Kugeln und glitzernde Ketten hängte.

Das kann doch nicht wahr sein, sagte das Kind. Doch, sagte die Mutter, und an der Spitze des Baumes befestigte man den Stern. Er sollte an den Stern erinnern, dem die Hirten nachgingen, bis sie den kleinen Jesus in seiner Krippe fanden. Den kleinen Jesus, sagte das Kind aufgebracht, was soll denn das nun wieder sein?

Das erzähle ich dir ein andermal, sagte die Mutter, die sich an die alte Geschichte erinnerte, aber nicht genau. Der Junge wollte aber von den Hirten und der Krippe gar nichts hören. Er interessierte sich nur für den Baum, der im Zimmer wuchs und den man verrückterweise mit brennenden Lichtern oder mit kleinen Glühbirnen besteckt hatte. Das muß doch ein schönes Fest gewesen sein, sagte er nach einer Weile.

Nein, sagte die Mutter heftig. Es war langweilig. Alle hatten Angst davor und waren froh, wenn es vorüber war. Sie konnten den Tag nicht abwarten, an dem sie dem Weihnachtsbaum seinen Schmuck wieder abnehmen und ihn vor die Tür stellen konnten, dürr und nackt. Und damit streckte sie ihre Hand nach den Tasten des Fernsehapparates aus.

Jetzt kommen die Marspiloten, sagte sie. Ich will aber die Marspiloten nicht sehen, sagte der Junge. Ich will einen Baum, und ich will wissen, was mit dem kleinen Sowieso war. Es war, sagte die Mutter ganz unwillkürlich, zur Zeit des Kaisers Augustus, als alle Welt geschätzt wurde.

Aber dann erschrak sie und war wieder still. Sollte das alles noch einmal von vorne anfangen, zuerst die Hoffnung und die Liebe und dann die Gleichgültigkeit und die Angst? Zuerst die Freude und dann die Unfähigkeit, sich zu freuen, und das Sichloskaufen von der Schuld? Nein, dachte sie, ach nein.

Und damit öffnete sie den Deckel des Müllschluckers und gab ihrem Sohn den Stern in die Hand. Sieh einmal, sagte sie, wie alt er schon ist, wie unansehnlich und vergilbt. Du darfst ihn hinunterwerfen und aufpassen, wie lange du ihn noch siehst. Das Kind gab sich dem neuen Spiel mit Eifer hin.

Es warf den Stern in die Röhre und lachte, als er verschwand. Aber als es draußen an der Wohnungstür geklingelt hatte und die Mutter hinausgegangen war und wiederkam, stand das Kind wie vorher über den Müllschlucker gebeugt. Ich sehe ihn immer noch, flüsterte es, er glitzert, er ist immer noch da.


Marie Luise Kaschnitz (1901 - 1974)

 

Montag, den 14.Dezember

"Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?" fragte die Tannenmeise die Wildtaube. "Nicht mehr als nichts", gab sie zur Antwort.

"Dann muss ich dir eine wunderbare Geschichte erzählen", sagte die Meise." Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig im Sturmgebraus, nein, wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da nichts Besseres zu tun war, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und die Nadeln des Astes fielen und darauf hängenblieben. Genau dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertzweiund-fünfzig waren es. Als die dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertdreiund-fünfzigste fiel- nicht mehr als nichts- brach der Ast ab".

Damit flog die Meise davon. Die Taube, seit Noahs Zeiten eine Spezialistin in dieser Frage sagte zu sich nach kurzem Nachdenken: "Vielleicht fehlt nur eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden der Welt.

Verfasser unbekannt

Aus dem Kleinsten sollen tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtiges Volk. Ich, der Herr, will es zu seiner Zeit eilends ausrichten.

Jesaja 60,22

 

3. Advent - Sonntag, den 13 Dezember 

Bereitet dem Herrn den Weg;
denn siehe, der Herr kommt gewaltig.

Jesaja 40,3.10

Ich möchte dir einen Schneestern bringen -
mit leeren Händen werde ich vor dir stehen.

Günter Bruno Fuchs (1928-1977)

Samstag, den 12. Dezember

Perspektivwechsel
 

Advent heißt Warten

Nein, die Wahrheit ist

Dass der Advent nur laut und schrill ist

Ich glaube nicht

Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann

Dass ich den Weg nach innen finde

Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt

Es ist doch so

Dass die Zeit rast

Ich weigere mich zu glauben

Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint

Dass ich mit anderen Augen sehen kann

Es ist doch ganz klar

Dass Gott fehlt

Ich kann unmöglich glauben

Nichts wird sich verändern

Es wäre gelogen würde ich sagen:

Gott kommt auf die Erde

 

und nun lesen Sie den Text von unten nach oben!

Iris Macke

 

Freitag, den 11. Dezember

Einmal

Wie Schmetterlingsflügel
zittern die Augenlider
wenn ungeschützt du
ins Licht schaust
Nicht lange hältst du ihm stand.

In den Dunkelkammern
des Lebens
übt unser Auge
sich ein für die Schau
einer anderen Sonne

Einmal
am finstersten Ort
unseres Lebens
so hoffe ich
geht uns bleibend
Dein Licht auf

Theresia Hauser (1921-2016)
 

Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht’,
wie schön sind deine Strahlen!

Paul Gerhardt 1653, Ich steh an deiner Krippen hier (Str. 3)

 

Donnerstag, den 10.Dezember

Ent-täuschung

Noch immer erwarten

die Priester den Priester

den großen Gelehrten

die Krieger den Krieger

den mächtigen Herrscher

die Fans ihren Star

die Reichen Profit

aber Gott wird Mensch

Siegfried Macht
 

Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf

Joh1,11

 

Mittwoch, den 9. Dezember

Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn...
Jesaja 1,3

Eine Fabel:
Die Tiere diskutierten einmal über Weihnachten. Sie stritten, was wohl die Hauptsache an Weihnachten sei.
„Na klar, Gänsebraten“. Sagte der Fuchs, „was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten!“
„Schnee,“ sagte der Eisbär, „viel Schnee!“ Und er schwärmte verzückt: “Weiße Weihnachten!“
Das Reh sagte: „Ich brauch aber einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern.“
„Aber nicht so viele Kerzen“, heulte die Eule, „schön schummrig und gemütlich muss es sein, Stimmung ist die Hauptsache.“
„Aber mein neues Kleid muss man sehen“, sagt der Pfau, „wenn ich kein neues Kleid kriege, ist für mich kein Weihnachten.“
„Und Schmuck!“, krächzte die Elster, „jedes Weihnachtsfest kriege ich was: einen Ring, ein Armband, eine Brosche oder eine Kette, das ist für mich das Allerschönste an Weihnachten.“
„Na, aber bitte den Stollen nicht vergessen“, brummte der Bär, „das ist doch die Hauptsache. Wenn es den nicht gibt und all die süßen Sachen, verzichte ich auf Weihnachten.“
„Mach´s wie ich“, sagte der Dachs, „pennen, pennen, das ist das Wahre. Weihnachten heißt für mich: mal richtig pennen !“
„Und saufen“, ergänzte tierisch der Ochse, „mal richtig einen saufen und dann pennen – „, aber dann schrie er „Aua“, denn der Esel hatte ihm einen gewaltigen Tritt versetzt: „Du Ochse, denkst du denn nicht an das Kind?“
Da senkte der Ochse beschämt den Kopf und sagte: „Das Kind, ja, das Kind, das ist doch die Hauptsache.“ – „Übrigens“, fragte er dann den Esel: „Wissen das die Menschen eigentlich?“

 

Dienstag, den 8. Dezember

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, dass er aus dem hause und Geschlechte Davids wa, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ; die war schwanger

Lukas 2,4-5

Schrittweise

Nein, nein: meine Krippe bereits in den Adventstagen aufzubauen, wäre mir zu früh! Was sollen Maria und Josef schon jetzt im Stall? Hirte und Könige weit vor der nächtlichen Geburt? Auch ich selbst bin längst nicht so weit, bin innerlich noch auf der Wanderung.                                                  Weit ist der Weg besonders für die drei Sterndeuter. Darum könnte ich wenigstens einen von ihnen schon mal auspacken, mit seinem Kamel. Ihn im Schlafzimmer aufstellen oder im Arbeitszimmer. Nächste Woche steht er dann schon auf dem Fenster des Wohnzimmers, auf der Kommode wandern auch Josef und Maria, deren Schwangerschaft man nicht sieht. Dann nehme ich mir Zeit für einen Waldspaziergang, sammle Zweige, Moos und Gräser für das Stallgebäude. Ich komme der Heiligen Nacht näher, Schritt für Schritt, und irgendwann bin ich hoffentlich da.

Hinrich C.G. Westphal

Montag, den 7. Dezember


So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Brief des Jakobus 5,7f. (Predigttext vom 2. Advent 2020)

 

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 

Sonntag, den 6. Dezember

Nachfolger gesucht

Eines Tages bemerkte der König, dass er alt geworden war. Er rief seine Söhne in die große Halle. "Bis zum Abend habt ihr Zeit", sagte er, "diesen Saal zu füllen.". Er gab ihnen einen Silberling. Das war nicht viel. "Wer es schafft, soll mein Nachfolger werden." Die beiden zogen los. Der Ältere kam an ein Feld, auf dem die Leute gerade Weizen droschen. "Ich gebe euch einen Silberling für die Spreu!" Die Bauern waren froh, die Spreu los zu sein und brachten sie sogar ins Schloss. "Du kannst mich zum König machen", rief der Ältere seinem Vater zu, "ich habe den Saal gefüllt."
Aber der Vater wollte noch warten. Als es dämmerte, kam schließlich der Jüngere. "Räumt dieses nutzlose Zeug hier raus", sagte er. Dann stellte er eine Kerze in die Mitte des Saales. Er zündete sie an. Warmes Licht füllte den ganzen Raum und ließ die Gesichter des Königs und der Söhne, der Diener und der Mägde leuchten.  Der alte König lächelte: "Du wirst mein Nachfolger."

 

Und das Licht scheint in die Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen. 

Johannes 1,5

 

Sonnabend, den 05 Dezember 2020

 

Weihnachtlichen Boden unter den Füßen

schwindlig gelebt
außer atem geraten
die spielregeln nicht mehr durchschaut
im dickkicht der wahrheiten verheddert
den horizont verloren
schwarzweiß statt farben
am ende
den roten faden gefunden

ja ja nein nein nicht
nur stimmengewirr
und nebeldunst
zukunft lichtverhangen
am ende
der symphonie des lebens gelauscht

wenig vorsprung gewonnen
viel im kreis gelaufen
den ort nicht gefunden
fast die mitte verfehlt
am ende
den blick nach oben geweitet

das panorama entdeckt
entfaltung gefeiert
dem himmel vertraut
ihn auf erden verankert

am ende
wieder einmal
dem stern gefolgt
davongekommen

von neuem
anfang


(Traugott Schächtele, geb. 1957)
 

O komm, o komm, du Morgenstern,/
lass uns dich schauen, unsern Herrn./
Vertreib das Dunkel unsrer Nacht/
durch deines klaren Lichtes Pracht./
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah./
Freut euch und singt Halleluja
.
Evang. Gesangbuch 19,1

 

Freitag, den 04.Dezember 2020

Gehe in den Garten am Barbaratag.

Gehe zum kahlen Kirschbaum und sag:

Kurz ist der Tag, grau ist die Zeit.

Der Winter beginnt, der Frühling ist weit.

Doch in drei Wochen, da wird es geschehen:

Wir feiern ein Fest, wie der Frühling so schön.

Baum, einen Zweig gib du mir von dir.

Ist er auch kahl, ich nehm ihn mit mir.

Und er wird blühen in leuchtender Pracht

mitten im Winter in der Heiligen Nacht.

Josef Guggenmoos

Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes,  der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn

Jesaja 11,1-2

 

Donnerstag, den 03. Dezember 2020

 Die Sterne leuchteten, groß wie Engel, über der schneeweißen Kuppel der Kirche, die Milchstraße ergoss sich von einem Ende des Himmels zum andern, ein grüner Stern funkelte wie ein Smaragd über uns.
»Glaubst du«, sagte Sorbas, »dass Gott Mensch wurde und in einem Stall zur Welt kam?«
»Darauf kann man schwer etwas antworten, Sorbas. Ich glaube es und glaube es auch nicht. Und du?«
»Was soll ich dir sagen! Wie soll sich da einer auskennen? Als ich noch ein kleiner Bengel war und meine Großmutter mir Märchen erzählte, hielt ich alles für Unsinn. Und doch zitterte ich und lachte und weinte, als ob ich es glaubte. Als mir dann der Bart wuchs, warf ich alle diese Märchen zum alten Eisen und machte mich sogar lustig darüber. Aber jetzt, auf meine alten Tage, bin ich wie ein Kind geworden und glaube wieder daran... Was für ein komisches Geschöpf ist doch der Mensch!«

aus: "Alexis Sorbas" von Nikos Katzantakis

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Psalm 8,4f.

 

Mittwoch, den 2. Dezember 2020
 

"Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott."
Jesaja 40,3
 

In der Wüste

Wir können einander in der Wüste aus der Phantasie der Hoffnung heraus ermutigen. Wir haben gesehen, dass Tagträume in der Wüste gefährlich sind. Aber wir haben auch festgestellt, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Illusion und Hoffnung gibt. In der Illusion träumen wir uns aus der Wirklichkeit fort. In der Hoffnung bringen wir die Phantasie auf, innerhalb dieser Wirklichkeit zu glauben, dass es auch anders gehen könnte, als es momentan geht. Hoffnung durchbricht unseren Fatalismus, unseren Defätismus, unsere Untergangsstimmung. Hoffnung ist etwas, was man miteinander wachsen lassen sollte. Wenn wir das tun, werden unsere Augen geöffnet für alle Zeichen von Hoffnung, von denen es zu jeder Zeit mehr gibt, als wir wahrnehmen.

Benard Rootmensen in: Vierzig Worte in der Wüste. 

 

Dienstag, 01. Dezember 2020
 

Meine Seele wartet auf den Herrn,
mehr als die Wächter auf den Morgen!

Psalm 130,6
 

Adventrede

Und die Bewegtheit des Herrn ist ohne Groll und von großer Dauer.
Und seine Gerechtigkeit hört nicht auf, und seine Güte bleibt ewig.
Und darum entfernen wir gern die Bitterkeit, wie ein enges Gewand.
Und die Trauer legen wir ab, wie einen Mantel im Frühling.

Und mit viel Sorgfalt nehmen wir die Einsamkeit von unserer Stirn.
Und wir weisen unsere Aufmerksamkeit hin zu den einfachen Dingen.
Und wir verlassen uns auf das Dach, das keinen Regen durchläßt.
Und wir vertrauen dem Stuhl, der fest steht, und der uns trägt.

Und es kommen wieder zu uns die täglichen Wiesen und die Sonntage.
Und die Salamander mit den seidenen Strümpfen und goldenen Hemden.
Und auch die Lämmer und die Zicklein… meine gnädigen Freunde.

Und die Lieder der Hirten… und die Gebete der erwachenden Frauen.
Und es brechen die Tore auf… und es treten hervor die Erkennbaren.
Und sie stehen makellos da… und sie breiten ihre Flügel aus.

Jesse Thoor (1905-1952)

 

 

 

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Während des Lock-Downs in der Corona Zeit im Frühjahr 2020 haben wir täglich Worte zum Tage auf unsere Homepage gesetzt. Jeden Morgen ein neues oder ein traditionsreich altes Wort, - damit versuchten wir einen Gedankenanstoß für einen guten Tag zu geben in der Zeit, in der persönliche Begegnung und Ansprache aus gutem Grund so nicht möglich waren, wie wir das kennen und wünschen. Die Worte aus dieser Zeit gibt es hier zum nachlesen.

 

Samstag, 09. Mai 2020

Segen für Versöhnung

Im übrigen meine ich, dass Gott uns alle schützen möge auf unserem langern Weg zur Versöhnung mit allen Menschen und mit allen Völkern.

Er möge uns bewahren und pflegen mit seiner allumfassenden Güte. Er möge uns heilen und alle Krankheit von uns nehmen. All unsere Wunden an Leib und Seele, die wir uns ständig antun, möge er mit seiner einzigartigen Kraft in Zeichen der Reife und Weisheit verwandeln.

Er möge von seiner Heiterkeit ein Quentchen in uns hineinpflanzen, auf dass sie bei uns wachse, blühe und gedeihe, und dass wir unseren Alltag leichter bestehen. Dass er uns bewahre vor jedem Hochmut und jeder Bitterkeit, und dass er uns fähig mache, weiterhin zu glauben an seine Welt, die nicht von unserer Welt ist, und dass wir nicht ersticken an allem Tand und eitlem Tun, darum bitten wir ihn von ganzen Herzen.

Er möge uns behüten vor aller Besserwisserei und uns beflügeln, Freiheit und Phantasie zu nutzen, um Feinde in Freunde zu verwandeln. Er lösche langsam in uns jedes Vorurteil, langsam, denn wir stecken bis über beide Ohren voll davon. Er schenke uns von seiner Vielfalt ein Stückchen Großmut.

Und wir bitten ihn, weiterhin unser Freund zu sein, der immer uns übrig bleibt, in aller Finsternis und Unvernunft, wenn wir schier an allem und an uns verzweifeln. Er sei mit uns, wenn wir unter den Verlierern sind, und gebe uns die Kraft zur Demut, die Kraft, am Ende aufzustehen für einen neuen Anfang.

Wer anders könnte uns zu neuem Lachen führen, zu neuer Hoffnung und Freude, immer wieder, nach tausenden von Jahren, als Gott der Herr, vor dessen Plan unsere Ideen kleine flüchtige Eintagsskizzen bleiben, vor dessen Zeit unser Leben ein winziger Atemhauch ist, vor dessen Musik unsere Melodien und Akkorde bloßes Geklingel und Getue sind, vor dessen Sprache unsere Worte jeweils nur Versuche von Anfängen sein können.

Darum bitten wir ihn um seinen Trost, um seine Hilfe, um seinen Verstand und um seine Gnade und um seinen Willen, dass alle sich mit allen versöhnen. Dass der Hass die Welt verlasse und die Liebe in allen wohne, um uns von Gottes Zukunft zu erzählen.

Hanns Dieter Hüsch

 

Es waren mal zwei Menschen.

Als sie zwei Jahre alt waren, da schlugen sie sich mit den Händen.

Als sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen sich mit Steinen.

Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren nach einander.

Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie mit Bomben.

Als sie mit zweiundsechzig waren, nahmen sie Bakterien.

Als sie zweiundachtzig waren, da starben sie.

Sie wurden nebeneinander begraben.

Als sich nach hundert Jahren ein Regenwurm durch ihre beiden Gräber fraß,

merkte er gar nicht, dass hier zwei verschiedene Menschen begraben waren.

Es war dieselbe Erde.

Alles dieselbe Erde.

Wolfgang Borchert (geb. 20.Mai 1921, gest. 20.November 1947)

 

Glückselig sind die, die Frieden stiften. Denn sie werden Kinder Gottes heißen.

Mt 8,9 (Basisbibel)

 

 

Freitag, 08.Mai 2020

Tat einer Amsel

Ich war vierzehn, da sah ich: im Holunder aß eine Amsel von den Beeren der Dolde.

Gesättigt, flog sie zur Mauer und strich sich an dem Gestein einen Samen vom Schnabel.

Ich war vierzig, da sah ich: auf der geborstenen Betonschicht wuchs ein Holunder.

Die Wurzeln hatten die Mauer gesprengt: ein Riss klaffte in ihr, bequem zu durchschreiten.

Mit splitterndem Mörtel schrieb ich daneben: "Tat einer Amsel."

Wolfdietrich Schnurre

 

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.   1. Mose 8,22

 

Donnerstag, 07.Mai 2020

Die linden Lüfte sind erwacht,

sie säuseln und weben Tag und Nacht,

sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,

man weiß nicht, was noch werden mag,

das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefe Tal:

Nun, armes Herz, vergiss die Qual!

Nun muss sich alles wenden.

Ludwig Uhland

 

Die Hoffnung, die das Risiko scheut,

ist keine Hoffnung...

Hoffen heißt,

an das Abenteuer der Liebe glauben,

Vertrauen zu den Menschen haben,

den Sprung ins Ungewisse tun

und sich ganz Gott überlassen.

Dom Helder Camara

 

Mittwoch, 06.Mai 2020

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Kor.5,17

"Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten:

"Sie haben sich gar nicht verändert."

"Oh!" sagte Herr K. und erbleichte.

Bertold Brecht

 

Dienstag, 05.Mai 2020

Ich kann nicht dichten wie Goethe

ich kann nicht komponieren wie Mozart

ich kann nicht logisch denken wie Max  Planck

ich kann nicht singen wie Louis Armstrong

ich kann nicht malen wie Picasso

Aber ich kann lachen wie ich lache

ich kann laufen wie ich laufe

ich kann denken wie ich denke

ich kann weinen wie ich weine

ich kann schreiben wie ich schreibe

ich kann malen wie ich male

Ich bin nicht großartig

ich bin nicht berühmt

ich rage nicht heraus

aber

mich gibt es nur einmal

ich bin einmalig

Gott hat mich wunderbar gemacht

Sieglinde Peitz

 

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele. 

Psalm 139,13.14

 

Montag, 04. Mai 2020

„Freundlicher Anblick erfreut das Herz,
eine gute Botschaft labt das Gebein.“

Sprüche Salomos 15,30

Tagessegen

„Ich schaue dich an.
Von Ewigkeit her bist du in meinem Herzen;
kostbar bist du in meinen Augen.
Ich halte deine Hand, hab‘ keine Angst!
Du bist geborgen in meiner Rechten.
Ich bin für dich –  Wer kann gegen dich sein?
Suchst du mich? Ich begegne dir jeden Tag.
Ich warte auf dich am Morgen;
ich begleite dich auf jedem Wege;
ich grüße dich  in den Fröhlichen
und rühre dich an in den Bedrängten.
Ich habe mich in deine Hände gegeben
und tue es jeden Tag neu.
Mich selbst habe ich in dir abgebildet
den Menschen zum Trost und zur Freude.
Ich wachse in dir.
Mein Geist bricht aus dir wie die Strahlen
der Sonne aus dem Gewölk.
Erwarte nichts von dir selbst.
Überlaß dich ganz mir.
Übergib dich der Hoffnung -
denn:
Du bist mein!“
spricht der Herr.

 

Sonntag „Jubilate“, 03. Mai 2020

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur;
das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Wochenspruch 2. Korinther 5,17

Das ganze Leben ist uns gegeben, bevor wir es leben. Aber es bedarf eines ganzen Lebens – vielleicht sogar mehr - um uns dieses Geschenks bewußt zu werden. Das ganze Leben ist uns in jeder Sekunde gegeben. Das Leben beginnt heute…
Jaques Lusseyran (1924 - 1971)

 

Sonnabend, 2. Mai 2020

„Ob einer glücklich ist, kann er dem Winde anhören. Dieser mahnt den Unglücklichen an die Zerbrechlichkeit seines Hauses und jagt ihn aus leichtem Schlaf und heftigem Traum. Dem Glücklichen singt er das Lied des Geborgenseins: sein wütendes Pfeifen meldet, daß er keine Macht mehr hat über ihn.“
Theodor W. Adorno (1903 - 1969), zitiert nach: Helmut Gollwitzer, Krummes Holz - Aufrechter Gang, 1970, S.70

Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.
Evangelisches Gesangbuch 396, "Jesu, meine Freude" Str. 2,  getextet von Johann Franck, 1653

 

Freitag, 1. Mai 2020

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann"
Jean Paul (1763 - 1825)

...
så mind mig om en sommerdag på Skagen,
da engblåfuglen under parringsflugten
fløj rundt som himmelstumper hele dagen
med ekko af det blå fra Jammerbugten
...
dann erinnere mich an einen Sommertag auf Skagen,
als der Geißkleebläuling während des Paarungsflugs
den ganzen Tag wie Himmelsfetzen umherflog
mit Echo vom Blau der Jammerbucht

Aus: Inger Christensen (1935 - 2009), Das Schmetterlingstal – ein Requiem / Sommerfugledalen - et requiem, Dänisch und Deutsch, übertragen von Hanns Grössel, 1998, S.18f. 

 

Donnerstag, 30. April 2020

„Wir wissen nicht, wir raten.“
Karl Popper ( 1902 – 1994)

„Auch wenn wir den Schleier nicht von der endgültigen Wirklichkeit heben können, sollten wir wissen, daß es diesen Schleier gibt.“
Gustaw Herling (1919 - 2000), Tagebuch bei Nacht geschrieben, Ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Nina Kozlowski, 2000, S. 200

 

Mittwoch, 29. April 2020

Besteht Gottes Größe vielleicht darin, dass er sich klein macht, um anderen außer sich - also auch uns – Raum und Freiheit zu geben?
(***)

Andacht

Wind, so viel Wind.
Wo der herkommt und hingeht
eine Geschichte lang.
Jetzt spürst ihn du.

Der Gesang der Bäume,
unverlassen, wer ihn vernimmt,
ein Lied
im höheren Chor.

Augenblicke gibt es,
da streift dich das Unbeweisbare
so selbstverständlich
wie der Atem der Erde.

Getrost,
der Wind wird nicht alle,
der Himmel hat viele Farben,
irgendein Wetter ist immer.

Detlev Block (geb. 1934)


Dienstag, 28. April 2020

"Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen."
Dieter Hildebrandt (1927 - 2013)


Empfänger unbekannt-
Retour a l‘expéditeur

Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andere verborgene Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.


Aus: Hans Magnus Enzensberger, Kiosk - Neue Gedichte, 1995, S.124

 

 

Montag, 27. April 2020

"Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht betender Menschen. Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. All das brauche ich. Doch nicht weniger brauche ich die Freiheit und die Feindschaft gegen alles Grausame. Denn das eine ist nichts ohne das andere. Und niemand möge mich zwingen zu wählen."
Aus: Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 2004,  S. 202f.

Es ist so ruhig in diesem Gotteshaus, dass man eine Feder auf den Boden fallen lassen könnte und man könnte es auf der ganzen Erde hören. Danke!
Eintrag im Gästebuch der St. Jürgen Kirche vom 02.07.2017

 

Sonntag Misericordias Domini (lat: Die Barmherzigkeit des Herrn), 26. April  2020

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme , und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Wochenspruch aus dem Tagesevangelium Johannes 10, 11a, 27-28a 

„Gestern beim Schäfer gewesen, den Nachmittag mit ihm verhütet. Der Tonsetzer schnitt mir einen langen Schäferstock, mich darauf zu stützen wie auf den alten Gemälden.
Beim Abtreiben versanken wieder zwei Schnucken in trügerisch begrünte Löcher, weil die Hunde sie jagten, und wir Gehülfen zogen sie an den bequemen Hörnern heraus. Ich hatte ein größeres älteres Tier erwischt, es kostete Kraft, es aus dem schmatzenden Schlamm zu befreien, ich mußte mich rückwärts scharf in den Wind einstemmen. Graureiher flogen uns über die Köppe. Die Moorlilie blühte.“

Sarah Kirsch , Eintrag vom „31 Julius 1985, Mittwoch“ in ihrem Tagebuch „Krähengeschwätz“, S. 51

 

Sonnabend, 25 April 2020

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Psalm 36, 10

Licht

Als bliebe es so für immer:
das Licht und wieder das Licht,
wie es leuchtet in jedem Gesicht,
leuchtet mit einem Schimmer

aus einer helleren Welt
als der uns’ren mit ihrem Dunkel:
Licht, das mit seinem Gefunkel
die irdischen Schatten erhellt,

noch einen Abschied wie Sterben.
Es leuchtet als Überleben.
Ich seh es, sehe sein Schweben
über allen irdischen Scherben.


Karl Krolow (1915 - 1999)

 

Freitag, 24. April 2020

„In aller Kreatur, nämlich in den Reptilien, Vögeln, Fischen, in den Pflanzen und Fruchtbäumen liegen gewisse geheime Mysterien Gottes verborgen, die weder der Mensch noch irgendeine andere Kreatur weiß noch fühlt.“
Hildegard von Bingen (1099 - 1178)


Eisvogel

Eisvogel: der Farbengeber, Feuerbringer, Flammenschnipser, Flusses Zittern.

Isenschwarzer Schnabel, Hals orange, am Rücken glost ein wilder blauer Federnstrom. Hockt

Schmuck und leis auf einem Wurzelzweig, bis mit…

Verve: Goldlodern, Schwingenfächern, Peitschenknall der Eisvogel
Pfeifvogel, Preisvogel! - abwärts stürzend


Oszilliert, schneller als dein Blick, fix und fixer seine Wasserkerbe schnitzt, superflink den Pfeil wirft und verschlingt

Garnele oder Pfrille oder Stichling. Halcyon

Ein anderer seiner Namen  - auch Rieselbefrieder, Wassernister, Abendangler, Wetterkünder, Regenbringer, Regenbogenvogel -

Loht den Strom mit Brand und Glitzern.
 

Aus: Robert Macfarlane, Jackie Morris „Die verlorenen Wörter“, Aus dem Englischen von Daniela Seel, Naturkunden No. 49 hg. von Judith Schalansky, Berlin 2019
(Halcyon ist eine Vogelgattung aus der Familie der Eisvögel)

 

Donnerstag, 23. April 2020

„Ich hasse endgültige sich absolut gebärdende Formulierungen.“
Das Zitat von  Anna Oppermann (1940-1993) ist auf einem von 32 Schilderobjekten zu sehen, die um die Berlinische Galerie herum in Berlin Kreuzberg 1996/97 von der Künstlerin Silvia Klara Breitwieser unter dem Titel „Botschaften-Die Berlinische Botschaft“ installiert wurden.

Die Kirche darf also keine Prinzipien verkündigen, die immer wahr sind, sondern nur Gebote, die heute wahr sind. Denn was ‚immer‘ wahr ist, ist gerade ‚heute‘ nicht wahr. Gott ist uns ‚immer‘ gerade ‚heute‘ Gott. 
Dietrich Bonhoeffer auf der Jugendfriedenskonferenz in der Tschecheslowakei 1932

 

Mittwoch, 22. April 2020

Wir kommen weit her
liebes Kind
und müssen weit gehen
Keine Angst
alle sind bei Dir
die vor Dir waren
Deine Mutter,
Dein Vater
Und alle, die vor ihnen waren
weit weit zurück
alle sind bei Dir
keine Angst
wir kommen weit her
und müssen weit gehen
liebes Kind


Heinrich Böll hat diese Verse am 8. Mai 1985 kurz vor seinem Tod seiner Enkelin Samay ins Poesiealbum geschrieben

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.
Tageslosung heute aus Galater 3,26

 

Dienstag, 21. April 2020

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einzuziehn, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

Aus: Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), West-östlicher Diwan, Buch des Sängers

Die Bedeutung des Christusereignisses besteht darin, dass Menschen, die davon hören, aufatmen können mitten in aller Bedrückung, Bedrängnis und Not; und: dass sie durch dieses Aufatmen neue Menschen werden, die jetzt zu unwahrscheinlich anderen Dingen fähig sind, als man normalerweise von Menschen erwartet.
Otto Hermann Pesch, Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd.1/1, S. 664, 2008

 

Montag, 20. April 2020

Rudern zwei ein Boot,
der eine kundig der Sterne,
der andere kundig der Stürme,
wird der eine
führn durch die Sterne,
wird der andere
führn durch die Stürme,
und am Ende ganz am Ende
wird das Meer in der Erinnerung blau sein.


Reiner Kunze (geb. 1933)

Herr, giv acht op uns,
denn dat Meer is so groot
und so lütt is dat Boot.


Gebet der Halligschiffer, wenn sie auf große Fahrt gingen

 

Sonntag Quasimodogeniti (lat.: wie die neugeborenen Kinder), 19. April 2020

Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer,
aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden
und Fisch darauf und Brot.

Aus dem Evangelium für diesen Sonntag Johannes 21, V.4 und 9


Land in Sicht, singt der Wind in mein Herz.
Die lange Reise ist vorbei.
Morgenlicht weckt meine Seele auf.
Ich lebe wieder und bin frei.
*
Ich seh die Wälder meiner Sehnsucht,
den weiten sonnengelben Strand.
Der Himmel leuchtet die Unendlichkeit,
die bösen Träume sind verbannt.

*Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen,
die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verweh'n.
Die durstigen Lippen wird der Regen trösten
und die längst verlor'n Geglaubten
werden von den Toten aufersteh'n.


TON STEINE SCHERBEN, 1975

 

Sonnabend, 18. April 2020

ALLES FLIESST

Alles fließt
Sagt der alte Grieche
Zeit rast
Wer sagt das?
Nichts als ein Scherz
Flüstert die Gesellin Muße
Alles ist Rhythmus
Sagt das Herz
Blut pulsiert
Abgrundtief
Himmelhoch
Nachtschatten verlieren sich
Aufbruch am Morgen
Umhüllt in einen Mantel aus Tau
Alles fließt
Einen Augenblick lang


Georg Leifels (1951 - 2012)


Wer auf sein vergangnes Leben aufmerksam wird, der glaubt zuerst oft nichts als Zwecklosigkeit, abgerißne Fäden, Verwirrung, Nacht und Dunkelheit zu sehen; je mehr sich aber sein Blick darauf heftet, desto mehr verschwindet die Dunkelheit, die Zwecklosigkeit verliert sich allmählich, die abgerißnen Fäden knüpfen sich wieder an, das Untereinandergeworfene und Verwirrte ordnet sich - und das Mißtönende löset sich unvermerkt in Harmonie und Wohlklang auf.
Aus der Vorrede zum Zweiten Teil des psychologischen Romans „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz (1756 - 1793)
 

Freitag, 17. April 2020

Gott schläft in den Steinen
atmet in den Pflanzen
träumt in den Tieren
und erwacht in den Menschen.

Aus der indischen Mythologie


Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Joseph von Eichendorff (1788 - 1857)
 

Donnerstag, 16. April 2020

Gottes Existenz ist unfassbar;
aber noch unfassbarer ist Gottes Nichtexistenz.

Anselm von Canterbury (1033 - 1109)

Von dir sich abwenden, o Herr, heißt fallen,
sich dir zuwenden, heißt auferstehen,
in dir leben, gibt ewigen Bestand.
Schenke mir bei allen Aufgaben deine Hilfe,
in allen Unsicherheiten deine Führung,
in allem Leid deinen Frieden!

Augustinus (354 - 430)

 

Mittwoch, 15. April 2020

Heute zwei völlig anders geartete Texte, denen ich voranstellen möchte ein Wort des US-amerikanischen Journalisten Leon Wieseltier:
„Es gehört zum Dienst am Herrn, sich um die Angelegenheiten der Welt zu kümmern.“ Ein wunderbarer Satz.
Leon Wieseltier (geb. 1952), Kaddisch, 2000, S. 30

Politik bedeutet, daß fehlbare Menschen in einer unvollkommenen Ordnung im Widerstreit der Interessen und Anschauungen, im Gewirr von Machtchancen und Ohnmacht dennoch selbstbewußt handeln, daß sie auf eine offene Zukunft hin, unter Bedingungen der Ungewißheit Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Nur mühsam, vielleicht um ein paar Schritte kommen sie zur Lösung ihrer Probleme voran, indessen schon neue sich türmen.
Aus: Christian Graf von Krockow (1927 - 2002), „Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990“, 1990, S. 324f.

 Im Spiegel der Medien, so schreibt Luhmann, „erscheint die Gesellschaft als eine sich über sich aufregende, sich selbst alarmierende Gesellschaft! Sie reproduziert daher in sich selbst die Schizophrenie des doppelten Wunsches: An Änderungen teilnehmen zu können und gegen ihre Folgen abgesichert zu sein.“
Niklas Luhmann (1927 – 1998) wiedergegeben in: Ulrich Greiner, „Heimatlos“, 2017; S. 18 

 

Dienstag, 14. April 2020

Die Schönheit ist das Durchleuchten des ewigen Glanzes des `Einen` durch die materielle Erscheinung.
Plotin (205-270)

Amoenitas vernalis

Goldene Blumen wahrhaftig sie
Sprießen aus dem Schlamm
Wo er ging der hierher
Gekommen ist ohne Zweifel.

Der Falke wirft seine gesträubte
Feder ihm vor den Schuh
Fregattvögel besetzen den Zaun
Ordnen ernst das Gefieder.

Ja es ist wahr. Ja. Jeden
Abend landen blessierte
Engel verschiedener Himmel
Hier auf dem First und üben
Riskanteste Loopings mit uns.

Aus: Sarah Kirsch, Bodenlos, 1996
(Amoenitas vernalis (lat.): Frühlingsliebreiz)

 

 

Ostermontag, 13. April 2020

Die Zeit verging, meine ich, aber Jesus schlug nicht auf die Trommel. Vom Chor herunter hörte ich Stimmen. Hoffentlich will niemand orgeln, bangte ich. Die bekommen es fertig, proben für Ostern und übertünchen mit ihrem Gebrause womöglich den gerade beginnenden hauchdünnen Wirbel des Jesusknaben.
Aus dem Roman "Die Blechtrommel"von Günter Grass (16. Oktober 1927 – 13. April 2015) im 1. Buch im Kapitel "Kein Wunder" die Szene,  in der Oskar Matzerath in einer Kirche der Jesusfigur auf den Armen Marias seine Trommel umhängt, weil er doch so gerne möchte, dass Jesus auch trommelt.


Wenn es so etwas wie Zukunftsmusik gibt, dann war sie damals, dann ist sie am Ostermorgen an der Zeit: zur Begrüßung des neuen Menschen, über den der Tod nicht mehr herrscht. Das müsste freilich eine Musik sein – nicht nur für Flöten und Geigen, nicht für Trompeten, Orgel und Kontrabass, sondern für die ganze Schöpfung geschrieben, für jede seufzende Kreatur, so dass alle Welt einstimmen und groß und klein, und sei es unter Tränen, wirklich jauchzen kann, ja so, dass selbst die stummen Dinge und die groben Klötze mitsummen und mitbrummen müssen: Ein neuer Mensch ist da, geheimnisvoll uns allen weit voraus, aber doch eben da.
Eberhard Jüngel (geb. 1934)

 

Ostersonntag, 12.04.2020

Nun ist zerstört des Feindes große Macht,
Der Tod ist tot,
Und uns das Leben wiederbracht!
Singt und klingt,
Hüpfet und springt,
Jubiliert,
Unser Jesus triumphiert!

Angelus Silesius (1624 - 1677)

Liebe Eltern! Heute ist endlich der 10. Tag wieder da, an dem ich Euch immer schreiben darf, und wie gern würde ich Euch wissen lassen, daß ich auch hier ein frohes Ostern feiere. Es ist das Befreiende von Karfreitag und Ostern, daß die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinausgerissen werden zum letzten Sinn alles Lebens, Leidens und Geschehens überhaupt und daß man eine große Hoffnung faßt. Seit gestern ist es wunderbar still im Haus geworden. „Frohe Ostern“ hört man viele einander zurufen und neidlos gönnt man jedem, der hier schweren Dienst versieht, die Erfüllung dieses Wunsches. Im Stillen höre ich auch nun Eure Ostergrüße, wenn Ihr heute mit den Geschwistern zusammen seid und an mich denkt.
Aus einem Brief Dietrich Bonhoeffers vom Ostersonntag 1943 aus der Haftanstalt Tegel

 

Karsonnabend, 11.04.2020

Das hoffnungsloseste Ende wurde zum Grund aller Hoffnungen.
Otto Hermann Pesch (1931 - 2014)


Fernab der Welt. Im Reiche meines Blicks
an nackter Wand allein das Kruzifix.

In heilen Tagen liebt in Hof und Saal
ich nicht das Bild des Schmerzes und der Qual;

doch Qual und Schmerz ist auch ein irdisch Teil,
das wusste Christ und schuf am Kreuz das Heil.

Je länger ich‘s betrachte wird die Last
mir abgenommen um die Hälfte fast,

denn statt des einen leiden unserer zwei:
mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.


Aus der Dichtung „Huttens letzte Tage“ von Conrad Ferdinand Meyer (1799 - 1840)
 

Karfreitag, 10.04.2020


Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.
Aus dem Evangelium des Tages Johannes 19,29f.

 

Passionslied

Der den Wein austeilt,
muss Essig trinken.
Der die Hand nicht hebt zur Abwehr,
wird geschlagen.
Der den Verlassenen sucht,
wird verlassen.
Der nicht schreien macht,
schreit überlaut.
Der die Wunden heilt,
wird durchbohrt.
Der den Wurm rettet,
wird zertreten.
Der nicht verfolgt, nicht verrät,
wird ausgeliefert.
Der nicht schuld ist, der Unschuldige,
wird gequält.
Der lebendig macht,
wird geschlachtet.
Der die Henker begnadigt,
stirbt gnadenlos.

Rudolf Otto Wiemer (1905 - 1998)


Gründonnerstag, 09.04.2020

Jesus spricht: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Aus dem Evangelium des Tages Johannes 13, 34f


Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.
Theodor W. Adorno (1903- 1969)
 

Mittwoch, 08.04.2020


Ich weiß nicht, ob mir die Art gefällt, wie Sie zuhören, Joey.
Sie lassen mich über mich selbst reden, bis mir unwohl zumute ist.

Aus dem Roman „Mittellage“ von William H. Gass, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, 2016, S.422


Allmählich, wie er innerlicher und innerlicher wurde im Gebet, hatte er weniger und weniger zu sagen, und zuletzt verstummte er ganz. (…) Er hatte gemeint, beten sei reden; er lernte: beten ist nicht bloß schweigen, sondern ist hören. Und so ist es denn auch; beten heißt nicht, sich selber reden hören, sondern heißt dahin kommen, dass man schweigt, und im Schweigen verharren, und harren, bis der Betende Gott hört.
Sören Kierkegaard (1813-1855)

 

Dienstag, 07.04.2020

Am 4ten Julii 1765 lag ich an einem Tag, wo immer heller Himmel mit Wolken abwechselte, mit einem Buche auf dem Bette, so daß ich die Buchstaben ganz deutlich erkennen konnte,  auf einmal drehte sich die Hand, worin ich das Buch hielt, unvermutet, ohne daß ich etwas verspürte, und weil dadurch mir einiges Licht entzogen wurde, so schloß ich es müßte eine dicke Wolke vor die Sonne getreten sein, und alles schien mir düster, da sich doch nichts von Licht in der Stube verloren hatte. So sind oft unsere Schlüsse beschaffen, wir suchen Gründe in der Ferne, die oft in uns selbst ganz nahe liegen.
Aus: Sudelbücher Heft A(35) von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Jedes Ding ist, je nachdem, wie man es betrachtet, ein Wunder oder ein Hemmnis, ein Alles oder ein Nichts, ein Weg oder ein Problem. Es immer wieder anders betrachten heißt, es erneuern und vervielfältigen. Daher hat ein kontemplativer Mensch, ohne sein Dorf je zu verlassen, gleichwohl das ganze Universum zu seiner Verfügung. Das Unendliche findet sich in einer Zelle wie in einer Wüste. Auf einem Stein kann man kosmisch schlafen. 
Aus: „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ von Fernando Pessoa (1888 - 1935)
 

Montag, 06.04.2020

Jesus vor Pilatus:  Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Johannes 18,37f.

»Die Wahrheit ist milde.« Sie ist gewaltfrei, sie ist radikal, aber auch fähig zum Kompromiss. Und zum Verzeihen. Gerechtigkeit und Verzeihen sind allerdings nicht möglich vor oder außerhalb der Wahrheit.
Wolf Biermann in seiner Autobiografie  "Warte nicht auf bessre Zeiten!" (2016) über ein Zitat des russischen Schriftstellers Anatoli Rybakow

 

Sonntag, 05.04.2020
 

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Aus dem heutigen Predigttext Markus 14, 3-9

 

Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal (1623 - 1662)

 

Sonnabend, 04.04.2020


Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaléko (1907 - 1975)

 

Omelette
Es werden zehn bis zwölf Eier mit dem nöthigen Salz, etwas weißem Pfeffer, Muskatnuß nebst einem halben Eßlöffel voll fein geschnittener Petersilie und vier Eßlöffel voll süßem Rahm gut abgesprudelt. Kurz vor dem Gebrauche läßt man ein Viertelpfund geklärte, frische Butter in einer Omelette-Pfanne bis zum Rauchen heiß werden, gießt die Eier dazu, rüttelt die Omelette leicht über dem Feuer, bringt die zuerst festwerdenden oder stockenden Eier mit der Messerklinge unter die andern, gießt, wenn nichts Flüssiges mehr vorhanden ist, noch etwas klare Butter unter die Omelette und läßt sie schöne Farbe nehmen; hierauf stürzt man eine flache Schüssel über die Omelette, wendet die Pfanne schnell um, biegt den Rand der Omelette mit dem Messer etwas ein, und gießt etwas wenig Jüs darüber. Die Omelette muß in der Art gebacken sein, daß die Oberfläche eine schöne lichtbraune Farbe hat, das Innere derselben aber muß weich und cremeartig sein.

Johann Rottenhöfer (bayrischer Haushofmeister und Koch, 1806 -1872)
 

 

Freitag, 03.04.2020


Wir dürfen uns nicht davor fürchten, zu weit zu gehen, denn die Wahrheit liegt jenseits.
Heinrich Böll (1917 -1985)


Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Tageslosung Epheser 5,8-9

 

Donnerstag, 02.04.2020

Im Umkreise des Viktordomes fühlen wir, was einst die Kirche war: Verwalterin der göttlichen Mysterien, Asyl der Verfolgten, eine Stätte des Friedens auch für den Sünder, Ruhe der Toten und Trösterin derer, die um sie trauerten, Spenderin von Almosen, Grenze der weltlichen Macht, Gericht der Bösen, Paradies der Heiligen.  
Ricarda Huch über Xanten, in:  Lebensbilder deutscher Städte 1927/39,

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit;
brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.
Erbarm dich, Herr.

Christian David 1741 (Evang. Gesangbuch 263, Str. 1)

 

Mittwoch 01.04.2020

Das meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit getan, in der wir meinten, nichts getan zu haben.
Marie von Ebner- Eschenbach (1830 - 1916)

»Ich muß den Saiten meines Gemüts jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen, um sie gleichsam wieder aufzuziehen, damit sie den rechten Ton und Anklang behalten. Am besten gelingt mir dies in der Einsamkeit; aber nicht im Zimmer, sondern in den stillen Schatten der Natur. Unterlaß ich das, so fühl’ ich mich verstimmt. O welch ein Segen liegt doch im abgeschlossenen Umgange mit uns selbst!«"
aus: Theodor Fontane (1819-1898), Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Bd. 3, Havelland, Wiedergabe eines Wortes der Königin Luise von Preußen im Schloß von Paretz aus dem Jahre 1806

 

Dienstag, 31.03.2020

„Glücklich sind die mit den Rissen im Leben, denn sie lassen das Licht herein.“
Yvan Audouard (1914-2004)

„So lange der Mensch leidet, kann er es noch zu etwas bringen.“
Sigmund Freud in einem Brief vom 17.02.1918 an Lou Andreas-Salomé

 

Montag, 30.03.2020

‚Das Licht ist es, was mich schmückt!‘, sagte die Blume.  ‚Aber die Luft läßt dich atmen!‘, flüsterte die Dichterstimme.
Aus: Hans Christian Andersen (1805-1875) Die Galoschen des Glücks

Was ist aller Welt Geld und Gut im Vergleich zu einem Tag, den uns die liebe Sonne täglich macht? Wenn die Sonne einen Tag nicht schiene, wer wollte nicht lieber tot sein? Oder was hülfe ihm all sein Gut und Herrschaft? Was wäre aller Wein und Malvasier in aller Welt, wenn wir einen Tag des Wassers ermangeln sollten? Was wären alle hübschen Schlösser, Häuser, Samt, Seide, Purpur, goldene Ketten und Edelsteine, alle Pracht, Schmuck und Hoffart, wenn wir ein Vaterunser lang die Luft entbehren sollten? Solche Güter sind die größten und zugleich die allerverachtetsten, und deshalb, weil sie allgemein sind, dankt niemand Gott dafür, sie nehmen sie und brauchen sie täglich immer so dahin, als müßte es so sein und wir hätten volles Recht dazu und brauchten Gott nicht einmal dafür zu danken...
Martin Luther, Das schöne Confitemini 1530 - WA 31/1, 71f.

 

Sonntag, 29.03.2020

Aus dem Evangelium für diesen 5. Sonntag der Passionszeit:

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen , dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben geben als Lösegeld für viele.
Markus10,45

Aus dem Gebet wächst der Glaube,
aus dem Glauben wächst die Liebe,
aus der Liebe wächst der Dienst.

Mutter Theresa (1910 - 1997)

 

Sonnabend, 28.03. 2020

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm' ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Andreas Gryphius (1616-1664)

Jeder Tag ist sehr, sehr selten.
Peter Jepsen (* 1947 in Flensburg)

 

Freitag, 27.03.2020

"Wir aber müssen das Gleichgewicht wahren. Ist die Seele allzu begierig, bleibt zu viel an ihr haften, dringen zu viele Formen an sie heran und trennen sie vom göttlichen Strömen. Denn es wird gesagt: »Wer allzu voll ist von sich selbst, hat keinen Raum mehr für Gott.«"
aus "Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk

„Zeno sagte auf eine dringliche Frage hin, ob denn nichts ruhe: Ja, der fliegende Pfeil ruht.“
Eintrag vom 17. Dezember 1910 in den Tagebüchern Franz Kafkas

 

Donnerstag, 26.03.2020

„Mitsammen reden und mitsammen lachen, sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, zusammen schöne Bücher lesen, sich necken, dabei aber auch einander Achtung erweisen, mitunter sich auch streiten – ohne Hass, wie man es auch mit sich tut, manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen und damit die Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen, die Abwesenden schmerzlich vermissen und die Ankommenden freudig begrüßen – lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe, die aus dem Herzen kommen, sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten, und wie Zündstoff den Geist in Gemeinsamkeit entflammen, so dass aus Vielheit Einheit wird. Das ist es, was man schätzt an Freunden“
Augustinus, Bekenntnisse 4. Buch 8,13 - 9,14

Um meiner Geschwister und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen!
Psalm 122,8

 

Mittwoch, 25.03.2020

Science-fiction-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ (Douglas Adams),
Kurzfassung:
Ein gewaltiger Computer, so groß wie eine Galaxis, von einem längst ausgestorbenen Volk gebaut und programmiert einzig zu dem Zweck, die Antwort auf alle Fragen des Universums zu finden.
Die große Denkmaschine rechnet 1 Million Jahre lang und stößt anschließend einen tiefen Seufzer aus: „Nun sag es schon“, drängen die kosmischen Nachfahren der Erbauer: „Wie lautet die Antwort?“
„Sie wird euch nicht gefallen“ erwidert der Computer: „42!“



„Gott, so denkt man oft (...) sei Antwort.
Spröder sagt die Bibel, dass er Wort sei.
Und wer weiß, vielleicht ist er meistens Frage:
die Frage, die niemand sonst stellt.“   

Kurt Marti (1979)
 

Dienstag, 24.03.2020

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.


Rainer- Maria Rilke, aus dem Gedicht „Liebes-Lied“ (1907)

Singt das Lied der Freude über Gott!
Lobt ihn laut, der euch erschaffen hat.
Er wird Kraft uns geben,
Glanz und Licht wird sein,
in das dunkle Leben leuchtet hell sein Schein:
Singt das Lied der Freude über Gott!


Dieter Hechtenberg 1968 (Evang. Gesangbuch 305, Str. 4)

 

Montag, 23.03.2020

Aus den "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" von J.J. Rousseau (1712-1778):

Wenn der Abend nahte und mich zwang, die Höhen der Insel zu verlassen, saß ich gern an irgendeinem lauschigen Plätzchen im Sand des Seeufers. Das Rauschen der Wellen und die Bewegung des Wassers waren Vorgänge, die meine Sinne bannten; sie verdrängten aus mir jede andere Bewegung und versenkten meine Seele in eine wonnige Träumerei. (...) An die Stelle der inneren Regungen, die meine Träumereien vertrieben hatte, trat, was ich hier wahrnahm: das Kommen und Gehen der Fluten, ihr Rauschen, das nie abbrach, freilich bald stärker, bald schwächer wurde: nur ein Wasserspiel genügte, um mir wieder Freude am Dasein zu geben, und ich musste dabei nicht einmal denken.

Losungstext heute:

HERR, du bist's allein, du hast gemacht den Himmel und aller Himmel Himmel mit ihrem ganzen Heer, die Erde und alles, was darauf ist, die Meere und alles, was darinnen ist.
Nehemia 9,6 

 

Sonntag, 22.03.2020

Im  Predigttext heute (Jesaja 66,10-14) ist die schöne Aussage von Gott enthalten:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

 

Als zweiter Text dazu ein Gedicht der österreichischen Schriftstellerin, Lyrikerin und Kinderbuchautorin  Gerda Anger-Schmidt von 1998:

 

Vom Nehmen und vom Geben

Ich möchte dich an der Hand nehmen,
           in den Arm nehmen,
           ernst nehmen,
           beim Wort nehmen,   
           auch mal auf den Arm nehmen
           und dich nehmen,
           so wie du bist.

Ich möchte dir Wurzeln geben,
            Wärme geben,
            Kraft geben,
            Freiraum geben
            und,
            wenn es Zeit wird,
            Flügel geben.

 

Sonnabend, 21.03.2020

Der Schriftsteller, Theologe und Liederdichter Jochen Klepper am 1. Februar 1935 in  "Unter dem Schatten deiner Flügel, Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942":

Was einem am schwersten fällt: ich glaube, es ist das mühsame, fortschreitende Kennenlernen der eigenen engen Grenzen.

Und vor 85 Jahren, am 21. März 1935:

Ich kam erst spät aus dem Dienst, war abends im Passionsgottesdienst, eine leere Kirche und eine leere Predigt; und dennoch bleibt es die beste Hilfe, und wenn es nur ein Satz ist. Jesaja 50, 4-5 'Der Herr hat mir das Ohr geöffnet, daß ich höre wie ein Jünger. Ich bin nicht ungehorsam und gehe nicht zurück.'

 

Freitag, 20.03.2020

Wir starten die Reihe unserer Worte zum Tag ganz traditionell mit der schönen Herrnhuter Losung für heute mitsamt einem Gebet von Karl Barth: 

Der HERR deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes.
Psalm 27,5 

Herr, unser Gott! Wenn wir Angst haben, dann lass uns nicht verzweifeln. Wenn wir enttäuscht sind, dann lass uns nicht bitter werden. Wenn wir gefallen sind, dann lass uns nicht liegenbleiben. Wenn es mit unseren Kräften zu Ende ist, dann lass uns nicht umkommen. Nein, dann lass uns deine Nähe und deine Liebe spüren.

Amen