Rodhus 2007 133

Worte zum Tag

20.03.2020

In der Zeit, in der persönliche Begegnung und Ansprache aus gutem Grund nicht möglich waren, haben wir versucht mit unseren Worten zum Tag einen täglichen Gedankenanstoß zu geben. Nun dürfen wir- wenn auch unter strengen Auflagen- endlich wieder gemeinsam Gottesdienst feiern, freuen uns auf persönliche Begegnung und beenden diese Reihe mit einem diesmal etwas längerem Segenswort von Hanns Dieter Hüsch. Bleiben Sie behütet

 Samstag, 09.Mai 2020

Segen für Versöhnung

Im übrigen meine ich, dass Gott uns alle schützen möge auf unserem langern Weg zur Versöhnung mit allen Menschen und mit allen Völkern.

Er möge uns bewahren und pflegen mit seiner allumfassenden Güte. Er möge uns heilen und alle Krankheit von uns nehmen. All unsere Wunden an Leib und Seele, die wir uns ständig antun, möge er mit seiner einzigartigen Kraft in Zeichen der Reife und Weisheit verwandeln.

Er möge von seiner Heiterkeit ein Quentchen in uns hineinpflanzen, auf dass sie bei uns wachse, blühe und gedeihe, und dass wir unseren Alltag leichter bestehen. Dass er uns bewahre vor jedem Hochmut und jeder Bitterkeit, und dass er uns fähig mache, weiterhin zu glauben an seine Welt, die nicht von unserer Welt ist, und dass wir nicht ersticken an allem Tand und eitlem Tun, darum bitten wir ihn von ganzen Herzen.

Er möge uns behüten vor aller Besserwisserei und uns beflügeln, Freiheit und Phantasie zu nutzen, um Feinde in Freunde zu verwandeln. Er lösche langsam in uns jedes Vorurteil, langsam, denn wir stecken bis über beide Ohren voll davon. Er schenke uns von seiner Vielfalt ein Stückchen Großmut.

Und wir bitten ihn, weiterhin unser Freund zu sein, der immer uns übrig bleibt, in aller Finsternis und Unvernunft, wenn wir schier an allem und an uns verzweifeln. Er sei mit uns, wenn wir unter den Verlierern sind, und gebe uns die Kraft zur Demut, die Kraft, am Ende aufzustehen für einen neuen Anfang.

Wer anders könnte uns zu neuem Lachen führen, zu neuer Hoffnung und Freude, immer wieder, nach tausenden von Jahren, als Gott der Herr, vor dessen Plan unsere Ideen kleine flüchtige Eintagsskizzen bleiben, vor dessen Zeit unser Leben ein winziger Atemhauch ist, vor dessen Musik unsere Melodien und Akkorde bloßes Geklingel und Getue sind, vor dessen Sprache unsere Worte jeweils nur Versuche von Anfängen sein können.

Darum bitten wir ihn um seinen Trost, um seine Hilfe, um seinen Verstand und um seine Gnade und um seinen Willen, dass alle sich mit allen versöhnen. Dass der Hass die Welt verlasse und die Liebe in allen wohne, um uns von Gottes Zukunft zu erzählen.

Hanns Dieter Hüsch

Es waren mal zwei Menschen.

Als sie zwei Jahre alt waren, da schlugen sie sich mit den Händen.

Als sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen sich mit Steinen.

Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren nach einander.

Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie mit Bomben.

Als sie mit zweiundsechzig waren, nahmen sie Bakterien.

Als sie zweiundachtzig waren, da starben sie.

Sie wurden nebeneinander begraben.

Als sich nach hundert Jahren ein Regenwurm durch ihre beiden Gräber fraß,

merkte er gar nicht, dass hier zwei verschiedene Menschen begraben waren.

Es war dieselbe Erde.

Alles dieselbe Erde.

Wolfgang Borchert (geb. 20.Mai 1921, gest. 20.November 1947)

Glückseligsind die, die Frieden stiften. Denn sie werden Kinder Gottes heißen.

Mt 8,9 (Basisbibel)

Freitag, 08.Mai 2020

Tat einer Amsel

Ich war vierzehn, da sah ich: im Holunder aß eine Amsel von den Beeren der Dolde.

Gesättigt, flog sie zur Mauer und strich sich an dem Gestein einen Samen vom Schnabel.

Ich war vierzig, da sah ich: auf der geborstenen Betonschicht wuchs ein Holunder.

Die Wurzeln hatten die Mauer gesprengt: ein Riss klaffte in ihr, bequem zu durchschreiten.

Mit splitterndem Mörtel schrieb ich daneben: "Tat einer Amsel."

Wolfdietrich Schnurre

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.   1. Mose 8,22

 

 

Donnerstag, 07.Mai 2020

Die linden Lüfte sind erwacht,

sie säuseln und weben Tag und Nacht,

sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,

man weiß nicht, was noch werden mag,

das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefe Tal:

Nun, armes Herz, vergiss die Qual!

Nun muss sich alles wenden.

Ludwig Uhland

 

Die Hoffnung, die das Risiko scheut,

ist keine Hoffnung...

Hoffen heißt,

an das Abenteuer der Liebe glauben,

Vertrauen zu den Menschen haben,

den Sprung ins Ungewisse tun

und sich ganz Gott überlassen.

Dom Helder Camara

 

Mittwoch, 06.Mai 2020

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Kor.5,17

"Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten:

"Sie haben sich gar nicht verändert."

"Oh!" sagte Herr K. und erbleichte.

Bertold Brecht

 

Dienstag, 05.Mai 2020

Ich kann nicht dichten wie Goethe

ich kann nicht komponieren wie Mozart

ich kann nicht logisch denken wie Max  Planck

ich kann nicht singen wie Louis Armstrong

ich kann nicht malen wie Picasso

Aber ich kann lachen wie ich lache

ich kann laufen wie ich laufe

ich kann denken wie ich denke

ich kann weinen wie ich weine

ich kann schreiben wie ich schreibe

ich kann malen wie ich male

Ich bin nicht großartig

ich bin nicht berühmt

ich rage nicht heraus

aber

mich gibt es nur einmal

ich bin einmalig

Gott hat mich wunderbar gemacht

Sieglinde Peitz

 

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele. 

Psalm 139,13.14

 

Montag, 04. Mai 2020

„Freundlicher Anblick erfreut das Herz,
eine gute Botschaft labt das Gebein.“

Sprüche Salomos 15,30

Tagessegen

„Ich schaue dich an.
Von Ewigkeit her bist du in meinem Herzen;
kostbar bist du in meinen Augen.
Ich halte deine Hand, hab‘ keine Angst!
Du bist geborgen in meiner Rechten.
Ich bin für dich –  Wer kann gegen dich sein?
Suchst du mich? Ich begegne dir jeden Tag.
Ich warte auf dich am Morgen;
ich begleite dich auf jedem Wege;
ich grüße dich  in den Fröhlichen
und rühre dich an in den Bedrängten.
Ich habe mich in deine Hände gegeben
und tue es jeden Tag neu.
Mich selbst habe ich in dir abgebildet
den Menschen zum Trost und zur Freude.
Ich wachse in dir.
Mein Geist bricht aus dir wie die Strahlen
der Sonne aus dem Gewölk.
Erwarte nichts von dir selbst.
Überlaß dich ganz mir.
Übergib dich der Hoffnung -
denn:
Du bist mein!“
spricht der Herr.


Sonntag „Jubilate“, 03. Mai 2020

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur;
das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Wochenspruch 2. Korinther 5,17

Das ganze Leben ist uns gegeben, bevor wir es leben. Aber es bedarf eines ganzen Lebens – vielleicht sogar mehr - um uns dieses Geschenks bewußt zu werden. Das ganze Leben ist uns in jeder Sekunde gegeben. Das Leben beginnt heute…
Jaques Lusseyran (1924 - 1971)

 

Sonnabend, 2. Mai 2020

„Ob einer glücklich ist, kann er dem Winde anhören. Dieser mahnt den Unglücklichen an die Zerbrechlichkeit seines Hauses und jagt ihn aus leichtem Schlaf und heftigem Traum. Dem Glücklichen singt er das Lied des Geborgenseins: sein wütendes Pfeifen meldet, daß er keine Macht mehr hat über ihn.“
Theodor W. Adorno (1903 - 1969), zitiert nach: Helmut Gollwitzer, Krummes Holz - Aufrechter Gang, 1970, S.70

Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.
Evangelisches Gesangbuch 396, "Jesu, meine Freude" Str. 2,  getextet von Johann Franck, 1653

 

Freitag, 1. Mai 2020

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann"
Jean Paul (1763 - 1825)

...
så mind mig om en sommerdag på Skagen,
da engblåfuglen under parringsflugten
fløj rundt som himmelstumper hele dagen
med ekko af det blå fra Jammerbugten
...
dann erinnere mich an einen Sommertag auf Skagen,
als der Geißkleebläuling während des Paarungsflugs
den ganzen Tag wie Himmelsfetzen umherflog
mit Echo vom Blau der Jammerbucht

Aus: Inger Christensen (1935 - 2009), Das Schmetterlingstal – ein Requiem / Sommerfugledalen - et requiem, Dänisch und Deutsch, übertragen von Hanns Grössel, 1998, S.18f. 

 

Donnerstag, 30. April 2020

„Wir wissen nicht, wir raten.“
Karl Popper ( 1902 – 1994)

„Auch wenn wir den Schleier nicht von der endgültigen Wirklichkeit heben können, sollten wir wissen, daß es diesen Schleier gibt.“
Gustaw Herling (1919 - 2000), Tagebuch bei Nacht geschrieben, Ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Nina Kozlowski, 2000, S. 200

 

Mittwoch, 29. April 2020

Besteht Gottes Größe vielleicht darin, dass er sich klein macht, um anderen außer sich - also auch uns – Raum und Freiheit zu geben?
(***)

Andacht

Wind, so viel Wind.
Wo der herkommt und hingeht
eine Geschichte lang.
Jetzt spürst ihn du.

Der Gesang der Bäume,
unverlassen, wer ihn vernimmt,
ein Lied
im höheren Chor.

Augenblicke gibt es,
da streift dich das Unbeweisbare
so selbstverständlich
wie der Atem der Erde.

Getrost,
der Wind wird nicht alle,
der Himmel hat viele Farben,
irgendein Wetter ist immer.

Detlev Block (geb. 1934)


Dienstag, 28. April 2020

"Statt zu klagen, dass wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dankbar sein, dass wir nicht alles bekommen, was wir verdienen."
Dieter Hildebrandt (1927 - 2013)


Empfänger unbekannt-
Retour a l‘expéditeur

Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andere verborgene Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

Aus: Hans Magnus Enzensberger, Kiosk - Neue Gedichte, 1995, S.124

 

 

Montag, 27. April 2020

"Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht betender Menschen. Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. All das brauche ich. Doch nicht weniger brauche ich die Freiheit und die Feindschaft gegen alles Grausame. Denn das eine ist nichts ohne das andere. Und niemand möge mich zwingen zu wählen."
Aus: Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 2004,  S. 202f.

Es ist so ruhig in diesem Gotteshaus, dass man eine Feder auf den Boden fallen lassen könnte und man könnte es auf der ganzen Erde hören. Danke!
Eintrag im Gästebuch der St. Jürgen Kirche vom 02.07.2017

 

Sonntag Misericordias Domini (lat: Die Barmherzigkeit des Herrn), 26. April  2020

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme , und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Wochenspruch aus dem Tagesevangelium Johannes 10, 11a, 27-28a 

„Gestern beim Schäfer gewesen, den Nachmittag mit ihm verhütet. Der Tonsetzer schnitt mir einen langen Schäferstock, mich darauf zu stützen wie auf den alten Gemälden.
Beim Abtreiben versanken wieder zwei Schnucken in trügerisch begrünte Löcher, weil die Hunde sie jagten, und wir Gehülfen zogen sie an den bequemen Hörnern heraus. Ich hatte ein größeres älteres Tier erwischt, es kostete Kraft, es aus dem schmatzenden Schlamm zu befreien, ich mußte mich rückwärts scharf in den Wind einstemmen. Graureiher flogen uns über die Köppe. Die Moorlilie blühte.“

Sarah Kirsch , Eintrag vom „31 Julius 1985, Mittwoch“ in ihrem Tagebuch „Krähengeschwätz“, S. 51

 

Sonnabend, 25 April 2020

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Psalm 36, 10

Licht

Als bliebe es so für immer:
das Licht und wieder das Licht,
wie es leuchtet in jedem Gesicht,
leuchtet mit einem Schimmer

aus einer helleren Welt
als der uns’ren mit ihrem Dunkel:
Licht, das mit seinem Gefunkel
die irdischen Schatten erhellt,

noch einen Abschied wie Sterben.
Es leuchtet als Überleben.
Ich seh es, sehe sein Schweben
über allen irdischen Scherben.

Karl Krolow (1915 - 1999)

 

Freitag, 24. April 2020

„In aller Kreatur, nämlich in den Reptilien, Vögeln, Fischen, in den Pflanzen und Fruchtbäumen liegen gewisse geheime Mysterien Gottes verborgen, die weder der Mensch noch irgendeine andere Kreatur weiß noch fühlt.“
Hildegard von Bingen (1099 - 1178)


Eisvogel

Eisvogel: der Farbengeber, Feuerbringer, Flammenschnipser, Flusses Zittern.

Isenschwarzer Schnabel, Hals orange, am Rücken glost ein wilder blauer Federnstrom. Hockt

Schmuck und leis auf einem Wurzelzweig, bis mit…

Verve: Goldlodern, Schwingenfächern, Peitschenknall der Eisvogel
Pfeifvogel, Preisvogel! - abwärts stürzend

Oszilliert, schneller als dein Blick, fix und fixer seine Wasserkerbe schnitzt, superflink den Pfeil wirft und verschlingt

Garnele oder Pfrille oder Stichling. Halcyon

Ein anderer seiner Namen  - auch Rieselbefrieder, Wassernister, Abendangler, Wetterkünder, Regenbringer, Regenbogenvogel -

Loht den Strom mit Brand und Glitzern.

Aus: Robert Macfarlane, Jackie Morris „Die verlorenen Wörter“, Aus dem Englischen von Daniela Seel, Naturkunden No. 49 hg. von Judith Schalansky, Berlin 2019
(Halcyon ist eine Vogelgattung aus der Familie der Eisvögel)

 

Donnerstag, 23. April 2020

„Ich hasse endgültige sich absolut gebärdende Formulierungen.“
Das Zitat von  Anna Oppermann (1940-1993) ist auf einem von 32 Schilderobjekten zu sehen, die um die Berlinische Galerie herum in Berlin Kreuzberg 1996/97 von der Künstlerin Silvia Klara Breitwieser unter dem Titel „Botschaften-Die Berlinische Botschaft“ installiert wurden.

Die Kirche darf also keine Prinzipien verkündigen, die immer wahr sind, sondern nur Gebote, die heute wahr sind. Denn was ‚immer‘ wahr ist, ist gerade ‚heute‘ nicht wahr. Gott ist uns ‚immer‘ gerade ‚heute‘ Gott. 
Dietrich Bonhoeffer auf der Jugendfriedenskonferenz in der Tschecheslowakei 1932

 

Mittwoch, 22. April 2020

Wir kommen weit her
liebes Kind
und müssen weit gehen
Keine Angst
alle sind bei Dir
die vor Dir waren
Deine Mutter,
Dein Vater
Und alle, die vor ihnen waren
weit weit zurück
alle sind bei Dir
keine Angst
wir kommen weit her
und müssen weit gehen
liebes Kind


Heinrich Böll hat diese Verse am 8. Mai 1985 kurz vor seinem Tod seiner Enkelin Samay ins Poesiealbum geschrieben

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.
Tageslosung heute aus Galater 3,26

 

Dienstag, 21. April 2020

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einzuziehn, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

Aus: Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), West-östlicher Diwan, Buch des Sängers

Die Bedeutung des Christusereignisses besteht darin, dass Menschen, die davon hören, aufatmen können mitten in aller Bedrückung, Bedrängnis und Not; und: dass sie durch dieses Aufatmen neue Menschen werden, die jetzt zu unwahrscheinlich anderen Dingen fähig sind, als man normalerweise von Menschen erwartet.
Otto Hermann Pesch, Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd.1/1, S. 664, 2008

 

Montag, 20. April 2020

Rudern zwei ein Boot,
der eine kundig der Sterne,
der andere kundig der Stürme,
wird der eine
führn durch die Sterne,
wird der andere
führn durch die Stürme,
und am Ende ganz am Ende
wird das Meer in der Erinnerung blau sein.

Reiner Kunze (geb. 1933)

Herr, giv acht op uns,
denn dat Meer is so groot
und so lütt is dat Boot.

Gebet der Halligschiffer, wenn sie auf große Fahrt gingen

 

Sonntag Quasimodogeniti (lat.: wie die neugeborenen Kinder), 19. April 2020

Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer,
aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden
und Fisch darauf und Brot.

Aus dem Evangelium für diesen Sonntag Johannes 21, V.4 und 9


Land in Sicht, singt der Wind in mein Herz.
Die lange Reise ist vorbei.
Morgenlicht weckt meine Seele auf.
Ich lebe wieder und bin frei.
*
Ich seh die Wälder meiner Sehnsucht,
den weiten sonnengelben Strand.
Der Himmel leuchtet die Unendlichkeit,
die bösen Träume sind verbannt.

*Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen,
die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verweh'n.
Die durstigen Lippen wird der Regen trösten
und die längst verlor'n Geglaubten
werden von den Toten aufersteh'n.


TON STEINE SCHERBEN, 1975

 

Sonnabend, 18. April 2020

ALLES FLIESST

Alles fließt
Sagt der alte Grieche
Zeit rast
Wer sagt das?
Nichts als ein Scherz
Flüstert die Gesellin Muße
Alles ist Rhythmus
Sagt das Herz
Blut pulsiert
Abgrundtief
Himmelhoch
Nachtschatten verlieren sich
Aufbruch am Morgen
Umhüllt in einen Mantel aus Tau
Alles fließt
Einen Augenblick lang


Georg Leifels (1951 - 2012)


Wer auf sein vergangnes Leben aufmerksam wird, der glaubt zuerst oft nichts als Zwecklosigkeit, abgerißne Fäden, Verwirrung, Nacht und Dunkelheit zu sehen; je mehr sich aber sein Blick darauf heftet, desto mehr verschwindet die Dunkelheit, die Zwecklosigkeit verliert sich allmählich, die abgerißnen Fäden knüpfen sich wieder an, das Untereinandergeworfene und Verwirrte ordnet sich - und das Mißtönende löset sich unvermerkt in Harmonie und Wohlklang auf.
Aus der Vorrede zum Zweiten Teil des psychologischen Romans „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz (1756 - 1793)

Freitag, 17. April 2020

Gott schläft in den Steinen
atmet in den Pflanzen
träumt in den Tieren
und erwacht in den Menschen.

Aus der indischen Mythologie


Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Joseph von Eichendorff (1788 - 1857)

Donnerstag, 16. April 2020

Gottes Existenz ist unfassbar;
aber noch unfassbarer ist Gottes Nichtexistenz.

Anselm von Canterbury (1033 - 1109)

Von dir sich abwenden, o Herr, heißt fallen,
sich dir zuwenden, heißt auferstehen,
in dir leben, gibt ewigen Bestand.
Schenke mir bei allen Aufgaben deine Hilfe,
in allen Unsicherheiten deine Führung,
in allem Leid deinen Frieden!

Augustinus (354 - 430)

 

Mittwoch, 15. April 2020

Heute zwei völlig anders geartete Texte, denen ich voranstellen möchte ein Wort des US-amerikanischen Journalisten Leon Wieseltier:
„Es gehört zum Dienst am Herrn, sich um die Angelegenheiten der Welt zu kümmern.“ Ein wunderbarer Satz.
Leon Wieseltier (geb. 1952), Kaddisch, 2000, S. 30

Politik bedeutet, daß fehlbare Menschen in einer unvollkommenen Ordnung im Widerstreit der Interessen und Anschauungen, im Gewirr von Machtchancen und Ohnmacht dennoch selbstbewußt handeln, daß sie auf eine offene Zukunft hin, unter Bedingungen der Ungewißheit Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Nur mühsam, vielleicht um ein paar Schritte kommen sie zur Lösung ihrer Probleme voran, indessen schon neue sich türmen.
Aus: Christian Graf von Krockow (1927 - 2002), „Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990“, 1990, S. 324f.

 Im Spiegel der Medien, so schreibt Luhmann, „erscheint die Gesellschaft als eine sich über sich aufregende, sich selbst alarmierende Gesellschaft! Sie reproduziert daher in sich selbst die Schizophrenie des doppelten Wunsches: An Änderungen teilnehmen zu können und gegen ihre Folgen abgesichert zu sein.“
Niklas Luhmann (1927 – 1998) wiedergegeben in: Ulrich Greiner, „Heimatlos“, 2017; S. 18 

 

Dienstag, 14. April 2020

Die Schönheit ist das Durchleuchten des ewigen Glanzes des `Einen` durch die materielle Erscheinung.
Plotin (205-270)

Amoenitas vernalis

Goldene Blumen wahrhaftig sie
Sprießen aus dem Schlamm
Wo er ging der hierher
Gekommen ist ohne Zweifel.

Der Falke wirft seine gesträubte
Feder ihm vor den Schuh
Fregattvögel besetzen den Zaun
Ordnen ernst das Gefieder.

Ja es ist wahr. Ja. Jeden
Abend landen blessierte
Engel verschiedener Himmel
Hier auf dem First und üben
Riskanteste Loopings mit uns.

Aus: Sarah Kirsch, Bodenlos, 1996
(Amoenitas vernalis (lat.): Frühlingsliebreiz)

 

 

Ostermontag, 13. April 2020

Die Zeit verging, meine ich, aber Jesus schlug nicht auf die Trommel. Vom Chor herunter hörte ich Stimmen. Hoffentlich will niemand orgeln, bangte ich. Die bekommen es fertig, proben für Ostern und übertünchen mit ihrem Gebrause womöglich den gerade beginnenden hauchdünnen Wirbel des Jesusknaben.
Aus dem Roman "Die Blechtrommel"von Günter Grass (16. Oktober 1927 – 13. April 2015) im 1. Buch im Kapitel "Kein Wunder" die Szene,  in der Oskar Matzerath in einer Kirche der Jesusfigur auf den Armen Marias seine Trommel umhängt, weil er doch so gerne möchte, dass Jesus auch trommelt.


Wenn es so etwas wie Zukunftsmusik gibt, dann war sie damals, dann ist sie am Ostermorgen an der Zeit: zur Begrüßung des neuen Menschen, über den der Tod nicht mehr herrscht. Das müsste freilich eine Musik sein – nicht nur für Flöten und Geigen, nicht für Trompeten, Orgel und Kontrabass, sondern für die ganze Schöpfung geschrieben, für jede seufzende Kreatur, so dass alle Welt einstimmen und groß und klein, und sei es unter Tränen, wirklich jauchzen kann, ja so, dass selbst die stummen Dinge und die groben Klötze mitsummen und mitbrummen müssen: Ein neuer Mensch ist da, geheimnisvoll uns allen weit voraus, aber doch eben da.
Eberhard Jüngel (geb. 1934)

 

Ostersonntag, 12.04.2020

Nun ist zerstört des Feindes große Macht,
Der Tod ist tot,
Und uns das Leben wiederbracht!
Singt und klingt,
Hüpfet und springt,
Jubiliert,
Unser Jesus triumphiert!

Angelus Silesius (1624 - 1677)

Liebe Eltern! Heute ist endlich der 10. Tag wieder da, an dem ich Euch immer schreiben darf, und wie gern würde ich Euch wissen lassen, daß ich auch hier ein frohes Ostern feiere. Es ist das Befreiende von Karfreitag und Ostern, daß die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinausgerissen werden zum letzten Sinn alles Lebens, Leidens und Geschehens überhaupt und daß man eine große Hoffnung faßt. Seit gestern ist es wunderbar still im Haus geworden. „Frohe Ostern“ hört man viele einander zurufen und neidlos gönnt man jedem, der hier schweren Dienst versieht, die Erfüllung dieses Wunsches. Im Stillen höre ich auch nun Eure Ostergrüße, wenn Ihr heute mit den Geschwistern zusammen seid und an mich denkt.
Aus einem Brief Dietrich Bonhoeffers vom Ostersonntag 1943 aus der Haftanstalt Tegel

 

Karsonnabend, 11.04.2020

Das hoffnungsloseste Ende wurde zum Grund aller Hoffnungen.
Otto Hermann Pesch (1931 - 2014)


Fernab der Welt. Im Reiche meines Blicks
an nackter Wand allein das Kruzifix.

In heilen Tagen liebt in Hof und Saal
ich nicht das Bild des Schmerzes und der Qual;

doch Qual und Schmerz ist auch ein irdisch Teil,
das wusste Christ und schuf am Kreuz das Heil.

Je länger ich‘s betrachte wird die Last
mir abgenommen um die Hälfte fast,

denn statt des einen leiden unserer zwei:
mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.

Aus der Dichtung „Huttens letzte Tage“ von Conrad Ferdinand Meyer (1799 - 1840)

Karfreitag, 10.04.2020


Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.
Aus dem Evangelium des Tages Johannes 19,29f.

 

Passionslied

Der den Wein austeilt,
muss Essig trinken.
Der die Hand nicht hebt zur Abwehr,
wird geschlagen.
Der den Verlassenen sucht,
wird verlassen.
Der nicht schreien macht,
schreit überlaut.
Der die Wunden heilt,
wird durchbohrt.
Der den Wurm rettet,
wird zertreten.
Der nicht verfolgt, nicht verrät,
wird ausgeliefert.
Der nicht schuld ist, der Unschuldige,
wird gequält.
Der lebendig macht,
wird geschlachtet.
Der die Henker begnadigt,
stirbt gnadenlos.

Rudolf Otto Wiemer (1905 - 1998)


Gründonnerstag, 09.04.2020

Jesus spricht: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Aus dem Evangelium des Tages Johannes 13, 34f


Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.
Theodor W. Adorno (1903- 1969)

Mittwoch, 08.04.2020


Ich weiß nicht, ob mir die Art gefällt, wie Sie zuhören, Joey.
Sie lassen mich über mich selbst reden, bis mir unwohl zumute ist.

Aus dem Roman „Mittellage“ von William H. Gass, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, 2016, S.422


Allmählich, wie er innerlicher und innerlicher wurde im Gebet, hatte er weniger und weniger zu sagen, und zuletzt verstummte er ganz. (…) Er hatte gemeint, beten sei reden; er lernte: beten ist nicht bloß schweigen, sondern ist hören. Und so ist es denn auch; beten heißt nicht, sich selber reden hören, sondern heißt dahin kommen, dass man schweigt, und im Schweigen verharren, und harren, bis der Betende Gott hört.
Sören Kierkegaard (1813-1855)

 

Dienstag, 07.04.2020

Am 4ten Julii 1765 lag ich an einem Tag, wo immer heller Himmel mit Wolken abwechselte, mit einem Buche auf dem Bette, so daß ich die Buchstaben ganz deutlich erkennen konnte,  auf einmal drehte sich die Hand, worin ich das Buch hielt, unvermutet, ohne daß ich etwas verspürte, und weil dadurch mir einiges Licht entzogen wurde, so schloß ich es müßte eine dicke Wolke vor die Sonne getreten sein, und alles schien mir düster, da sich doch nichts von Licht in der Stube verloren hatte. So sind oft unsere Schlüsse beschaffen, wir suchen Gründe in der Ferne, die oft in uns selbst ganz nahe liegen.

Aus: Sudelbücher Heft A(35) von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Jedes Ding ist, je nachdem, wie man es betrachtet, ein Wunder oder ein Hemmnis, ein Alles oder ein Nichts, ein Weg oder ein Problem. Es immer wieder anders betrachten heißt, es erneuern und vervielfältigen. Daher hat ein kontemplativer Mensch, ohne sein Dorf je zu verlassen, gleichwohl das ganze Universum zu seiner Verfügung. Das Unendliche findet sich in einer Zelle wie in einer Wüste. Auf einem Stein kann man kosmisch schlafen. 
Aus: „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ von Fernando Pessoa (1888 - 1935)

Montag, 06.04.2020

Jesus vor Pilatus:  Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Johannes 18,37f.

»Die Wahrheit ist milde.« Sie ist gewaltfrei, sie ist radikal, aber auch fähig zum Kompromiss. Und zum Verzeihen. Gerechtigkeit und Verzeihen sind allerdings nicht möglich vor oder außerhalb der Wahrheit.
Wolf Biermann in seiner Autobiografie  "Warte nicht auf bessre Zeiten!" (2016) über ein Zitat des russischen Schriftstellers Anatoli Rybakow

 

Sonntag, 05.04.2020

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Aus dem heutigen Predigttext Markus 14, 3-9

 

Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal (1623 - 1662)


Sonnabend, 04.04.2020


Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaléko (1907 - 1975)

 

Omelette
Es werden zehn bis zwölf Eier mit dem nöthigen Salz, etwas weißem Pfeffer, Muskatnuß nebst einem halben Eßlöffel voll fein geschnittener Petersilie und vier Eßlöffel voll süßem Rahm gut abgesprudelt. Kurz vor dem Gebrauche läßt man ein Viertelpfund geklärte, frische Butter in einer Omelette-Pfanne bis zum Rauchen heiß werden, gießt die Eier dazu, rüttelt die Omelette leicht über dem Feuer, bringt die zuerst festwerdenden oder stockenden Eier mit der Messerklinge unter die andern, gießt, wenn nichts Flüssiges mehr vorhanden ist, noch etwas klare Butter unter die Omelette und läßt sie schöne Farbe nehmen; hierauf stürzt man eine flache Schüssel über die Omelette, wendet die Pfanne schnell um, biegt den Rand der Omelette mit dem Messer etwas ein, und gießt etwas wenig Jüs darüber. Die Omelette muß in der Art gebacken sein, daß die Oberfläche eine schöne lichtbraune Farbe hat, das Innere derselben aber muß weich und cremeartig sein.

Johann Rottenhöfer (bayrischer Haushofmeister und Koch, 1806 -1872)

 

Freitag, 03.04.2020


Wir dürfen uns nicht davor fürchten, zu weit zu gehen, denn die Wahrheit liegt jenseits.
Heinrich Böll (1917 -1985)


Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Tageslosung Epheser 5,8-9

 

Donnerstag, 02.04.2020

Im Umkreise des Viktordomes fühlen wir, was einst die Kirche war: Verwalterin der göttlichen Mysterien, Asyl der Verfolgten, eine Stätte des Friedens auch für den Sünder, Ruhe der Toten und Trösterin derer, die um sie trauerten, Spenderin von Almosen, Grenze der weltlichen Macht, Gericht der Bösen, Paradies der Heiligen.  
Ricarda Huch über Xanten, in:  Lebensbilder deutscher Städte 1927/39,

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit;
brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.
Erbarm dich, Herr.

Christian David 1741 (Evang. Gesangbuch 263, Str. 1)

 

Mittwoch 01.04.2020

Das meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit getan, in der wir meinten, nichts getan zu haben.
Marie von Ebner- Eschenbach (1830 - 1916)

»Ich muß den Saiten meines Gemüts jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen, um sie gleichsam wieder aufzuziehen, damit sie den rechten Ton und Anklang behalten. Am besten gelingt mir dies in der Einsamkeit; aber nicht im Zimmer, sondern in den stillen Schatten der Natur. Unterlaß ich das, so fühl’ ich mich verstimmt. O welch ein Segen liegt doch im abgeschlossenen Umgange mit uns selbst!«"
aus: Theodor Fontane (1819-1898), Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Bd. 3, Havelland, Wiedergabe eines Wortes der Königin Luise von Preußen im Schloß von Paretz aus dem Jahre 1806

 

Dienstag, 31.03.2020

„Glücklich sind die mit den Rissen im Leben, denn sie lassen das Licht herein.“

Yvan Audouard (1914-2004)

„So lange der Mensch leidet, kann er es noch zu etwas bringen.“
Sigmund Freud in einem Brief vom 17.02.1918 an Lou Andreas-Salomé

 

Montag, 30.03.2020

‚Das Licht ist es, was mich schmückt!‘, sagte die Blume.  ‚Aber die Luft läßt dich atmen!‘, flüsterte die Dichterstimme.
Aus: Hans Christian Andersen (1805-1875) Die Galoschen des Glücks

Was ist aller Welt Geld und Gut im Vergleich zu einem Tag, den uns die liebe Sonne täglich macht? Wenn die Sonne einen Tag nicht schiene, wer wollte nicht lieber tot sein? Oder was hülfe ihm all sein Gut und Herrschaft? Was wäre aller Wein und Malvasier in aller Welt, wenn wir einen Tag des Wassers ermangeln sollten? Was wären alle hübschen Schlösser, Häuser, Samt, Seide, Purpur, goldene Ketten und Edelsteine, alle Pracht, Schmuck und Hoffart, wenn wir ein Vaterunser lang die Luft entbehren sollten? Solche Güter sind die größten und zugleich die allerverachtetsten, und deshalb, weil sie allgemein sind, dankt niemand Gott dafür, sie nehmen sie und brauchen sie täglich immer so dahin, als müßte es so sein und wir hätten volles Recht dazu und brauchten Gott nicht einmal dafür zu danken...
Martin Luther, Das schöne Confitemini 1530 - WA 31/1, 71f.

 

Sonntag, 29.03.2020

Aus dem Evangelium für diesen 5. Sonntag der Passionszeit:

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen , dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben geben als Lösegeld für viele.
Markus10,45

Aus dem Gebet wächst der Glaube,
aus dem Glauben wächst die Liebe,
aus der Liebe wächst der Dienst.

Mutter Theresa (1910 - 1997)

 

Sonnabend, 28.03. 2020

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm' ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Andreas Gryphius (1616-1664)

Jeder Tag ist sehr, sehr selten.
Peter Jepsen (* 1947 in Flensburg)

 

Freitag, 27.03.2020

"Wir aber müssen das Gleichgewicht wahren. Ist die Seele allzu begierig, bleibt zu viel an ihr haften, dringen zu viele Formen an sie heran und trennen sie vom göttlichen Strömen. Denn es wird gesagt: »Wer allzu voll ist von sich selbst, hat keinen Raum mehr für Gott.«"
aus "Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk

„Zeno sagte auf eine dringliche Frage hin, ob denn nichts ruhe: Ja, der fliegende Pfeil ruht.“
Eintrag vom 17. Dezember 1910 in den Tagebüchern Franz Kafkas

 

Donnerstag, 26.03.2020

„Mitsammen reden und mitsammen lachen, sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, zusammen schöne Bücher lesen, sich necken, dabei aber auch einander Achtung erweisen, mitunter sich auch streiten – ohne Hass, wie man es auch mit sich tut, manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen und damit die Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen, die Abwesenden schmerzlich vermissen und die Ankommenden freudig begrüßen – lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe, die aus dem Herzen kommen, sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten, und wie Zündstoff den Geist in Gemeinsamkeit entflammen, so dass aus Vielheit Einheit wird. Das ist es, was man schätzt an Freunden“
Augustinus, Bekenntnisse 4. Buch 8,13 - 9,14

Um meiner Geschwister und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen!
Psalm 122,8

 

Mittwoch, 25.03.2020

Science-fiction-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ (Douglas Adams),
Kurzfassung:
Ein gewaltiger Computer, so groß wie eine Galaxis, von einem längst ausgestorbenen Volk gebaut und programmiert einzig zu dem Zweck, die Antwort auf alle Fragen des Universums zu finden.
Die große Denkmaschine rechnet 1 Million Jahre lang und stößt anschließend einen tiefen Seufzer aus: „Nun sag es schon“, drängen die kosmischen Nachfahren der Erbauer: „Wie lautet die Antwort?“
„Sie wird euch nicht gefallen“ erwidert der Computer: „42!“



„Gott, so denkt man oft (...) sei Antwort.
Spröder sagt die Bibel, dass er Wort sei.
Und wer weiß, vielleicht ist er meistens Frage:
die Frage, die niemand sonst stellt.“   

Kurt Marti (1979)

Dienstag, 24.03.2020

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.


Rainer- Maria Rilke, aus dem Gedicht „Liebes-Lied“ (1907)

Singt das Lied der Freude über Gott!
Lobt ihn laut, der euch erschaffen hat.
Er wird Kraft uns geben,
Glanz und Licht wird sein,
in das dunkle Leben leuchtet hell sein Schein:
Singt das Lied der Freude über Gott!


Dieter Hechtenberg 1968 (Evang. Gesangbuch 305, Str. 4)

 

Montag, 23.03.2020

Aus den "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" von J.J. Rousseau (1712-1778):

Wenn der Abend nahte und mich zwang, die Höhen der Insel zu verlassen, saß ich gern an irgendeinem lauschigen Plätzchen im Sand des Seeufers. Das Rauschen der Wellen und die Bewegung des Wassers waren Vorgänge, die meine Sinne bannten; sie verdrängten aus mir jede andere Bewegung und versenkten meine Seele in eine wonnige Träumerei. (...) An die Stelle der inneren Regungen, die meine Träumereien vertrieben hatte, trat, was ich hier wahrnahm: das Kommen und Gehen der Fluten, ihr Rauschen, das nie abbrach, freilich bald stärker, bald schwächer wurde: nur ein Wasserspiel genügte, um mir wieder Freude am Dasein zu geben, und ich musste dabei nicht einmal denken.

Losungstext heute:

HERR, du bist's allein, du hast gemacht den Himmel und aller Himmel Himmel mit ihrem ganzen Heer, die Erde und alles, was darauf ist, die Meere und alles, was darinnen ist.
Nehemia 9,6 

 

Sonntag, 22.03.2020

Im  Predigttext heute (Jesaja 66,10-14) ist die schöne Aussage von Gott enthalten:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

 

Als zweiter Text dazu ein Gedicht der österreichischen Schriftstellerin, Lyrikerin und Kinderbuchautorin  Gerda Anger-Schmidt von 1998:

 

Vom Nehmen und vom Geben

Ich möchte dich an der Hand nehmen,
           in den Arm nehmen,
           ernst nehmen,
           beim Wort nehmen,   
           auch mal auf den Arm nehmen
           und dich nehmen,
           so wie du bist.

Ich möchte dir Wurzeln geben,
            Wärme geben,
            Kraft geben,
            Freiraum geben
            und,
            wenn es Zeit wird,
            Flügel geben.

 

Sonnabend, 21.03.2020

Der Schriftsteller, Theologe und Liederdichter Jochen Klepper am 1. Februar 1935 in  "Unter dem Schatten deiner Flügel, Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942":

Was einem am schwersten fällt: ich glaube, es ist das mühsame, fortschreitende Kennenlernen der eigenen engen Grenzen.

Und vor 85 Jahren, am 21. März 1935:

Ich kam erst spät aus dem Dienst, war abends im Passionsgottesdienst, eine leere Kirche und eine leere Predigt; und dennoch bleibt es die beste Hilfe, und wenn es nur ein Satz ist. Jesaja 50, 4-5 'Der Herr hat mir das Ohr geöffnet, daß ich höre wie ein Jünger. Ich bin nicht ungehorsam und gehe nicht zurück.'

 

Freitag, 20.03.2020

Wir starten die Reihe unserer Worte zum Tag ganz traditionell mit der schönen Herrnhuter Losung für heute mitsamt einem Gebet von Karl Barth: 

Der HERR deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes.
Psalm 27,5 

Herr, unser Gott! Wenn wir Angst haben, dann lass uns nicht verzweifeln. Wenn wir enttäuscht sind, dann lass uns nicht bitter werden. Wenn wir gefallen sind, dann lass uns nicht liegenbleiben. Wenn es mit unseren Kräften zu Ende ist, dann lass uns nicht umkommen. Nein, dann lass uns deine Nähe und deine Liebe spüren.

Amen