Bischof Marko Tiitus predigte beim Estlandgottesdienst in der St. Jürgen-Kirche
Unser Estlandgottesdienst wurde zu einem denkwürdigen und sehr ermutigenden Ereignis. Angesetzt als schlichter Gemeindegottesdienst wurden wir als Partnergemeinde von Püha vom Ökumene-Referat der Nordkirche gefragt, ob wir am 20. September den estnischen Bischof Marko Tiitus predigen hören wollten: Er nehme am Tag vorher als Gast an der Jubiläumsfeier zum 150-jährigen Bestehen der Breklumer Mission teil und könne unsere Gemeinde dann am Sonntag besuchen. Der Arbeitskreis Püha-St. Jürgen sagte zusammen mit Pastorin Tibbe gerne zu, und so kam Bischof Tiitus zu uns.
Er ist Bischof von Südestland mit Sitz in Viljandi. Daneben ist er auch zuständig für die Ausbildung der angehenden Pastoren.
Bischof Tiitus predigte über den vorgesehenen Textabschnitt aus dem 2. Timotheus-Brief, Kapitel 1, Vers 7 bis 10. Der Apostel Paulus ermutigt Timotheus darin: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn…, (der) offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“
Marko Tiitus deutete den Begriff Kraft nicht als Macht über andere, sondern als „den Mut, Christus zu bezeugen, auch wenn die Umstände schwierig oder unangenehm sind“; Liebe bedeutet für ihn, „dass der andere Mensch nicht einfach ein Objekt unserer Verkündigung oder unseres Dienstes ist. Er ist unsere Schwester oder unser Bruder. Gott liebt ihn, und Christus ist für ihn gestorben und auferstanden. Besonnenheit bedeutet einen klaren Verstand und Weisheit. Sie bedeutet, auch in schwierigen Situationen Möglichkeiten zu sehen und zu nutzen. Statt immer nur darüber zu klagen, was nicht möglich ist, sollen wir dankbar das tun, was möglich ist.“
Dazu erzählte Marko Tiitus eine Schmunzelgeschichte. Es war noch in der Zeit der russischen Herrschaft, als in Estland zur Herstellung von Talaren für die Pastoren Knöpfe Mangelware waren: Der deutsche Pastor Burchard Lieberg wollte helfen. Aber seine Knöpfe-Sendung wurde zweimal zurückgeschickt. Er hat dann Bonbons gekauft, die Hälfte davon hat er ausgewickelt und anstelle der Bonbons Knöpfe in die Papierchen eingewickelt. So erreichten dann die Knöpfe die glücklichen Empfänger in Estland…
Marko Tiitus fasste zusammen: „Gottes Geist wirkt nicht immer durch große Pläne und starke Strukturen. Manchmal schenkt er uns einen klaren Verstand, Einfallsreichtum, Ausdauer und Mut. So können wir auch unter schwierigen Bedingungen Möglichkeiten entdecken.“
Das sei auch heute wichtig, meinte der Bischof und wies hin auf die Situation der Kirchen, deren Mitgliederzahlen – wie bei uns – drastisch sinken und deren Einnahmen zurückgehen. Er fuhr fort: „In Estland leben wir mit dieser Erfahrung schon lange. Während der Sowjetzeit wurde die Kirche an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Später kam die neue Freiheit. Für einige Zeit wuchs auch das Interesse an der Kirche. Viele Menschen ließen sich taufen und konfirmieren. Aber in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft treten geistliche Werte wieder in den Hintergrund. Die Verbindung mit den christlichen Traditionen früherer Generationen ist für viele Menschen abgebrochen oder wird immer schwächer. Viele unserer Gemeinden sind klein. Sie leben vor allem von Spenden und ehrenamtlicher Arbeit. In vielen Gemeinden müssen Pastorinnen und Pastoren zusätzlich außerhalb der Kirche arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Trotzdem feiern auch kleine Gemeinden Gottesdienste. Das Evangelium wird verkündigt. Menschen werden getauft. Das Abendmahl wird gefeiert. Und es wird gebetet.
Diese Erfahrung hat uns gelehrt: Eine kleine Kirche ist nicht unbedingt eine schwache oder bedeutungslose Kirche. Wir können weniger Geld, weniger Menschen und weniger Möglichkeiten haben. Aber wenn unter uns das Evangelium von Christus verkündigt wird, wenn Menschen zu Gott beten und füreinander sorgen, dann hat die Kirche das, was sie am meisten braucht. Die Kraft der Kirche liegt nicht in ihrer Größe. Das Leben der Kirche kann nicht … an Mitgliederzahlen, Gebäuden oder Haushaltszahlen gemessen werden. …
Paulus sagt zu Timotheus: „Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn.“ Dieses Wort ist im heutigen Europa sehr aktuell. Der christliche Glaube ist in vielen Gesellschaften nicht mehr selbstverständlich. Dann kann die Versuchung entstehen, zu schweigen, sich zurückzuziehen, vorsichtig und unsichtbar zu werden. Aber Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben. Er hat uns auch nicht einen Geist der Aggressivität oder der Überheblichkeit gegeben. Gott hat uns den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. Gerade ein solches christliches Zeugnis braucht die Welt auch heute: mutig, liebevoll und klug. Mutig, weil wir uns des Evangeliums nicht schämen sollen. Liebevoll, weil ein Zeuge Christi die Menschen nicht verachten kann, zu denen er gesandt ist. Und klug, weil das Evangelium in jeder Zeit so verkündigt werden muss, dass Menschen es verstehen und ihm vertrauen können.
Am Ende liegt der Grund unserer Hoffnung nicht in der Kirche selbst. Er liegt nicht in unserer Geschichte, nicht in unseren Partnerschaften, nicht in unserem Einfallsreichtum und auch nicht in unserer Fähigkeit, mit neuen Situationen zurechtzukommen. Der Grund unserer Hoffnung ist Christus. Deshalb hat die Kirche eine Zukunft. Nicht weil wir stark, liebevoll und klug wären, sondern weil Gott treu ist. …
Der auferstandene Christus gibt seinen Geist. Er ruft und sendet. Er schafft Glauben und erhält seine Kirche. Deshalb können wir dankbar auf die Vergangenheit schauen, ehrlich die Gegenwart sehen und mit Hoffnung in die Zukunft gehen. …– Gott sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.“
Soweit der Bericht über diese sehr denkwürdige und ermutigende Predigt! Die deutsche Übersetzung der Predigt finden Sie online auf der Website der Kirchengemeinde St. Jürgen und gedruckt in den Gemeindebüros, Kirchen und Gemeindehäusern.
Bei dem nachfolgenden Gespräch im Gemeindehaus fragten Gemeindeglieder, was denn die estnischen Gemeinden von uns als Partnergemeinde(n) erwarteten. Bischof Tiitus antwortete: „Betet für uns, bleibt unsere Partner und übt euren Einfluss auf eure Politiker aus, dass sie die Ukraine nach Kräften unterstützen mit Geld und Waffen!“
Und wie geht es weiter mit unserer Partnerschaft mit Püha?
Sie ist ja in die Partnerschaft unseres Kirchenkreises mit dem estnischen Kirchenkreis Saarte eingebettet. Sicher ist, dass es am Sonntag, 14. März 2027 einen Estlandgottesdienst im Schleswiger Dom geben wird. Dazu wird Besuch aus Saarte erwartet – dieses Mal von der Insel Hiiumaa. Kommen wird eine Gruppe von „Kirchenhütern“, die auch Gäste durch ihre Kirchen führen und sie erklären. Ist das auch etwas für uns?
Da unsere Gemeinde 2027 nicht direkt am Besuchsgeschehen beteiligt sein wird, wird sich unser Arbeitskreis demnächst mit Fragen und Ideen zum nächsten Jahr befassen. Darüber hinaus besteht ja auch immer noch ein lebhaftes Interesse an einer Gemeindereise nach Estland und an einer Teilnahme an einem Sängerfest – am ganz großen in Tallinn oder an dem kleineren kirchlichen in Viljandi.
Mal sehen, was sich entwickelt und ergibt!
Klaus von Gadow