Andacht - von Sonntag, d. 20.09.2020 15. Sonntag nach Trinitatis

Matthäus 6, 25 – 34 Liebe Gemeinde! Jesus lehrte seinen Jünger – und auch uns:„Sorgt euch nicht um euer Leben!“ Sorgt euch nicht um das, was ihr zum Lebenbraucht oder zu brauchen meint! Seht hin auf Gottes Schöpfung. Wenn es um die Frage geht, wie wir in der Welt leben können und sollten, dann ist dies für mich mit eine der aufschlussreichsten Stelle in der Bibel. Sie lässt mich die Freiheit, in der Jesus selbst gelebt hat, verstehen. Und sie tut dieses auf eine wunderbare Weise.So wunderbar kommt die Freiheit daher, dass es beim ersten Hören sogar befremden kann. Das Leben und was wir zum Leben brauchen, das ist doch eine sehr ernsthafte Angelegenheit! Was soll dann dieser Verweis auf die Vögel und die Blumen? Wer selbst im Leben hart arbeiten muss oder musste, um für sich und die ihm anvertrauten Menschen zu sorgen, oder wer tatsächlich einen Grund hat, sich ernsthafte Sorgen zu machen, den mag diese Aussage Jesu möglicherweise provozieren und geärgert haben! Andere wiederum quittieren es mit Spott: Dieser Jesus mit seinen Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde, ist das nicht ein ziemlich weltfremder Träumer? Wenn man sich aber auf sein Spiel einlässt, dann können diese Gedanken tatsächlich den Blick weiten und das Herz frei machen: „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“ Lassen Sie sich ein auf diese Gedanken, kommen Sie mit zu den Vögeln unter dem Himmel und zu den Lilien auf dem Feld! „Sorgt euch nicht!“ Eines will Jesus damit ganz bestimmt nicht sagen, nämlich: Macht euch keine sorgenvollen Gedanken um die Zukunft. Kümmert euch nicht um das, was ihr zum Leben braucht. Trefft keine Vorsorge. Absolut schon gar nicht soll das heißen: Hört auf zu arbeiten. Lasst die Felder verkommen und die Scheunen leer. Legt die Hände in den Schoß, auch dann, wenn ihr sehr wohl selbst etwas tun könntet, und – wartet dann auf Wunder oder auf andere, die für euch sorgen. „Sorgt euch nicht“, das heißt vielmehr: Lasst euch in dem, was ihr tut; lasst euch in dem, wie ihr in die Zukunft schaut, nicht von der Sorge beherrschen! Vor allem nicht vor der angstvollen Sorge um euch selbst, um das eigene Leben und das eigene Lebensglück! Lasst euch euer Leben und euer Erleben nicht ständig von Sorgen beherrschen! Die Sorge, das ist die Angst, es könnte nichts mehr da sein, für mich selbst oder auch für die Menschen, denen ich mich zugehörig fühle. Die Sorge denkt sehr oft im „Schlimmst-Möglichen-Fall“ (im heutigen Sprachgebrauch auch „Worst-Case-Szenario“ genannt). Sie orientiert sich an der negativsten Zukunft und nimmt sie als Maß für unsere Gegenwart. Wo die Sorge vorherrscht, da konzentrieren sich unsere Gedanken und unser Tun ausschließlich darauf, das eigene Leben auch morgen zu behaupten und sichern zu müssen. Wie soll ich mich jetzt über etwas freuen können, wenn ich immer schon daran denken muss, es könnte morgen nicht mehr da sein? Wie soll ich heute und jetzt etwas genießen, wenn ich doch eigentlich alle Anstrengung daran setzen müsste, morgen gut dazustehen? Wie soll ich jetzt frei sein, um mit anderen mein Leben zu teilen und anderen behilflich zu sein, wenn ich in meiner Sorge im anderen nur den Konkurrenten sehen kann! „Sorgt euch nicht um euer Leben“, sagt Jesus. „Seht die Vögel unter dem Himmel an!“ Dazu stelle ich mir vor, wie vielleicht gerade eben ein Schwarm Stare in ein paar Beerensträucher einfällt und wie die Vögel sich an den Früchten gütlich tun. Doch was ist an diesen Vögeln zu sehen?„Sie säen nicht“, sagt Jesus, „sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen“ – und das unterscheidet sie von uns Menschen, die das alles tun und natürlich auch weiterhin tun sollen. Obwohl die Vögel das aber in aller Regel nicht tun, stellt Jesus fest: „euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ So können die Vögel unter dem Himmel den Blick dafür öffnen, dass in Wahrheit auch bei uns Menschen längst nicht alles selbst erarbeitet werden muss, ja nicht einmal vorsorglich gesichert werden kann. Anstatt dass wir uns ständig Sorgen, werden wir aufgefordert, unsere ganz persönlichen Gaben, unser ganz persönliches Können zu sehen und es entsprechend einsetzen. Sehen wir hin auf die Menschen, mit denen wir in Freundschaft oder Liebe verbunden sind. Mit denen wir mehr oder weniger gut zusammen leben und arbeiten. Wir machen nicht alles selbst. Seht hin, wie viel ihr selbst empfangen habt, von Anbeginn des Leben. Gab und gibt es nicht auch im Leben immer wieder Anlässe, fröhlich und dankbar zu sein? Momente, in denen es einfach schön ist, da zu sein und zu leben. Das Leben mit anderen teilen zu können – so wie der Schwarm Stare, der in den Beeren. Und wenn es das gab und in eurem Leben wieder gibt: Muss der Sorge so viel Macht eingeräumt werden? Ist es nicht besser, mit aufmerksamen Blick in die Schöpfung das Sorgen möglichst zurückzulassen? Und dann, so stelle ich mir vor, wendet Jesus sich um, - von den Büschen mit den Staren hin zu einer blühenden Wiese ganz in der Nähe: „Seht die Lilien auf dem Felde!“ Wiesenblumen stehen vor meinen Augen. Keine besondere Zucht von Gartenlilien, sondern weitaus unscheinbarere Wildlilien, vielleicht auch Klatschmohn oder Margeriten und Kornblumen. Kleine Farbtupfer in der Wiese, so richtig leuchtend erst in der Menge, für den achtlosen Blick nichts Besonderes. Wenn man aber genau hinsieht, wenn man sich vielleicht sogar hinkniet, um eine Blüte ganz aus der Nähe zu betrachten: Was für ein Kunstwerk, jede einzelne von ihnen! Wunderwerke der Natur – Wunderwerke der Schöpfung! Die Blumen von ganz nahe betrachten: Jesus will unseren Blick für das oft Übersehene, das Unscheinbare in der uns umgebenden Natur lenken wenn er dazu sagt: „Ich sage euch, dass sogar der König Salomo in aller seiner Pracht nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen!“ Hier geht es also nicht nur um das, was wir ganz praktisch und konkret zum Leben brauchen: Essen und Trinken, Kleidung als Schutz gegen die Kälte, all die materiellen Lebensnotwendigkeiten. Auch Schönheit und Ansehen nimmt Jesus hier in den Blick, Anmut und Würde - bei den Blumen und zugleich bei uns Menschen. Denn auch das kann sehr wohl Gegenstand unserer Sorge sein und unser Dasein erheblich bestimmen: Wie sehe ich aus? Und wie bin ich angesehen? Wie viel Zeit und Mühe verwenden schon Jugendliche für ihr Äußeres? Wie viel investieren sie in ihr Outfit? Von einfacher und praktischer Kleidung bis zum schrillen Modegag. Wie viel wird heute ausgegeben, für Kosmetik und angeblich gesunder Ernährung. Aber auch für all die anderen Statussymbole, die Menschen zu brauchen meinen, damit sie gut dastehen! Ich will das nicht in Bausch und Bogen kritisieren. Etliches davon geschieht sozusagen aus Freude am Dasein und tut gut. Schon gar nicht will ich fürachlässigkeit im Umgang mit dem eigenen Äußeren plädieren. Zum „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gehört es auch, dass wir einander mit unserem Aussehen erfreuen können. Wie oft aber ist hier das eigene Bemühen doch insgeheim viel mehr von der Sorge diktiert? Von der Sorge, sonst nicht gesehen und gemocht zu werden. In einem Leben, das zum Beispiel von den Medien als ständige Schönheits-Konkurrenz inszeniert wird? Wie stark ist untergründig oder sogar ganz offensichtlich bei vielen Menschen die Angst vor dem sichtbaren Älterwerden. Die Sorge, keine Aufmerksamkeit mehr zu finden? Ich glaube zwar nicht, dass dieses für die Jünger Jesu damals schon ein großes Thema gewesen ist. Aber der Blick Jesu auf die Schönheit der Wiesenblumen lässt mich heute auch an diesen Aspekt denken. „Lasst euch nicht von dieser Sorge beherrschen“, würde Jesus wohl auch in unsere heutigen, tagtäglichen Schönheitskonkurrenzen hinein sagen. Jedenfalls da, wo sie tatsächlich tief in die Seelen hineinwirken, in den oft so belastenden Dauerwettstreit um Image und Reputation. „Schaut die Lilien auf dem Feld an!“ Wenn die Sorge um das eigene Aussehen und Ansehen sogar übermächtig wird, - so scheint es ja manchmal, - sich solche Menschen selbst zu wichtig nehmen. Oft dürfte aber das Gegenteil der Fall sein! Weil Menschen sich selbst im Grunde als zu klein und zu unbedeutend erleben, darum stehen sie unter dem Druck, immerfort an ihrem Image zu arbeiten, um ihren Status aufzupolieren, sich besser zur Geltung zu bringen. Sie bräuchten einen anderen Blick auf sich selbst, um dieser Sorge gegenüber freier zu werden. Eben da aber kann der ruhige und achtsame Blick auf die Lilien und die anderen Wiesenblumen helfen. Sie haben ihr Aussehen und Ansehen in sich selbst, so ist es ihnen von Gott gegeben. Und wenn das schon bei den Wiesenblumen so ist, sagt Jesus, so ist es euch Menschen doch erst recht gegeben! So seht hin auf die Schönheit der Gräser und Blütenpflanzen hier auf der Wiese. Selbst wenn sie vergänglich ist und das Gras womöglich morgen schon gemäht wird. Und lernt daran zu sehen, wie Gott doch erst recht euch Menschen jedem seine ganz eigene Anmut und Würde gegeben hat – ja, und wohl auch ganz eigene Momente von Schönheit. Und das nicht nur in jungen Jahren, sondern auf jeder Lebensstufe immer neu! Anmut, Würde und Schönheit im Äußeren, mehr aber noch von Innen heraus – in der Freude und in der Lebendigkeit, die Gott euch gegeben hat. „Sorgt nicht um euer Leben“, sagt Jesus, „denn wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ Da wird noch ein weiteres wichtiges Thema angesprochen. Für die damaligen Zuhörer von Jesus war klar: das kann niemand. Für uns heute stellt sich das ein wenig anders dar. Wir wissen, wie wir mit unserer Lebensweise durchaus Einfluss nehmen können, zumindest auf die Wahrscheinlichkeit eines längeren Lebens. Hinzu kommen die heutigen medizinischen Möglichkeiten, mit denen wir Menschen unserem Leben weit mehr als nur einen Augenblick hinzugefügt haben. Da gibt es vieles, wofür wir dankbar sein können. Inzwischen ist da aber eine neue Art von Sorge entstanden. Es gibt neben der Angst vor Krankheiten oder Unfällen, die dem Leben vorzeitig ein Ende setzen könnten, mehr und mehr die Angst vor einer Lebensspanne, die als gar nicht mehr lebenswert erscheint. Durch Vorsorge-Versicherungen und Vorsorge-Vollmachten suchen wir, so viel wie möglich so zu regeln, wie es unserem Denken und unseren Möglichkeiten entspricht. Und das ist gut so! Es kann jeder und jedem nur empfohlen werden, dies beizeiten zu tun und möglichst im Gespräch mit Angehörigen und fachkundigen Ratgebern. Bei aller sinnvollen Vorsorge gilt aber hier wohl auch der Zuspruch von Jesus: „Sorget nicht um euer Leben!“ Lasst euch nicht von der Sorge beherrschen! Lasst die Angst vor dem, was noch kommen könnte, nicht übermächtig werden. Erlaubt ihr nicht, dass sie euch jetzt schon das Älter-Werden vergrämt! Oder mit den Worten Jesu ausgedrückt: „Sorgt nicht auf das Morgen hin, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Zum Abschluss möchte ich noch eine Aussage Jesu aufgreifen: „Ihr sollt euch nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?“ Erinnern wir uns noch einmal an die Wildlilien zwischen den Gräsern und fügen die Frage hinzu: „Wie werde ich aussehen?“ Und: „Wie wird es sein, wenn ich alt bin und wieder, wie am Anfang meines Lebens, mehr und mehr auf Hilfe angewiesen bin?“ Darum sollt ihr euch nicht über die Massen sorgen, sagt Jesus. Das steckt in allen Menschen drinn danach zu fragen, sich darum ständig zu kümmern und dafür vorsorgen zu wollen. Das steckt in allen Menschen, dass sie in Gefahr sind, sich darüber in Sorge zu verlieren. Bei unserer Taufe erhielten wir den Zuspruch: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15) Wir bleiben bis zum letzten Atemzug die Kinder unserer Eltern. Wir bleiben bis in alle Ewigkeit Kinder Gottes. Wo aber ist unser kindliches Vertrauen geblieben? Schließen kindliches Vertrauen und erwachsene Verantwortung für den Alltag einander aus? Nein, Glaube und Verantwortung ergänzen einander! Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird das alles dazu gegeben werden. Die Suche nach dem Reich Gottes ist das wichtigste Geschäft unseres Lebens. Amen Mit herzlichen Grüßen auch von den Pastorinnen Heike Baran und Simone Schulze-Kösteke

Prädikant Bernd Grigoleit

Andachten für Zuhause

Gebet (gleicher Text an jedem Tag – eine*r betet für sich oder alle, die in Wohnung/Haus sind beten gemeinsam laut)

Gott. Ich bin hier. Und Du bist hier. Ich bete zu Dir. Und weiß: Ich bin verbunden. Mit Dir. Mit anderen, die zu Dir beten. Genau jetzt. Ich bin hier. Und Du bist hier. Das genügt. Und ich bringe Dir alles, was ist.

Stille

Höre auf mein/unser Gebet. Amen

Weitere Ideen:

Bibeltext des Tages Lied des Tages oder ein anderes vertrautes Lied (Text lesen oder in Hausgemeinschaft miteinander singen) Eventuell Verkündigungsimpuls (Text lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor)

· Vertiefung, passend zum Tag: Impuls zum Weitertragen in die Welt (z.B.: Hoffnungssteine bemalen und „aussetzen“ (#ostersteine), siehe u.a. hier: https://www.kirche-hamburg.de/nachrichten/details/ostersteine-zeichen-der-hoffnung.html ) (Emilia Handke, Kirche im Dialog – Nordkirche) oder Botschaften gegen die Furcht schreiben / malen (#mutinfarbe) und in der Welt aufhängen, siehe u.a. hier: https://sebastiants.de/mut-fuer-die-fastenzeit)

· Fürbitten:

Gott. Wir sind verbunden. Als Menschen mit Menschen. Als Glaubende miteinander. Als Glaubende und Menschen mit Dir. Wir bringen Dir unsere Gedanken, unser Danken und unser Sorgen. Heute. Stille

Wir denken an alle, die wir lieben. Stille. Wir denken an alle, die in diesen Zeiten noch einsamer sind. Stille. Wir denken an alle Kranken. Und an alle Kranken in Krankenhäusern, die keinen Besuch haben können. Stille. Wir denken an alle, die helfen. Sie setzen sich und ihre Kraft und ihre Gaben ein füreinander. Stille. Gott. Wir sind Deine Menschen. Wir sind miteinander verbunden. Atmen die Luft Deiner Schöpfung. Beten zu Dir in allem, was ist. Beten zu Dir mit den Worten, die uns im Herzen wohnen:

·   Vater Unser

·   Segen

Hände öffnen und laut sprechen:

Gott segne uns und behüte uns.

Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen

(Elisabeth Rabe-Winnen, Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik Michaeliskloster, Hildesheim)