Was für ein Sieg?!

03.02.2026

Was für ein Sieg?!

Man geht oft einfach so daran vorbei.

Es hängt halt da: groß, alt, selbstverständlich. In unserer St. Andreas-Kirche ist viel vom Altarbild die Rede gewesen, jetzt vom Dachschaden. Aber das übersieht man fast: unser Triumphkreuz. „Triumph“? Wer über wen? Wer hat hier gewonnen?

Eine Frage, die uns in diesem Jahr wohl noch oft begegnet.

Wahljahr. Olympia. Fußball-WM. Medaillenspiegel, Tabellen, Umfragen.

Wer setzt sich durch? Wer liegt vorn? Und wer bleibt auf der Strecke? Und dann dieser Jesus am Kreuz. Kein Siegerlächeln. Kein Pokal. Keine Hymne. Ein geschlagener Mensch. Ein Verlierer. Maria weint. Johannes steht hilflos daneben. So sieht doch kein Triumph aus. Oder? Was heißt denn „gewinnen“?

Jesus hat nicht dadurch gewonnen, dass er stärker war als andere, dass er Gegner ausgeschaltet oder Macht gesammelt hätte. Er hat nicht zurückgeschlagen und nicht mitgemacht bei diesem ewigen Spiel von Angst, Hass und Gewalt. Jesus hat sich nicht verbiegen lassen. Er ist sich treu geblieben und der Liebe, für die er gelebt hat – auch da, wo es ihn alles gekostet hat. Er hat durchgehalten.

Unsere Welt kennt ja viele andere „Siege“: wenn Lautstärke über Argumente triumphiert, wenn einfache Parolen komplexe Wirklichkeit plattwalzen, wenn Menschen gegeneinander ausgespielt werden und Stärke heißt, sich durchzusetzen – egal, wer dabei untergeht.

Jesu „Sieg“ sieht anders aus; die Logik „Ich oder Du“ ist ihm fremd. Jesus bleibt bei einer anderen Wahrheit: Gottes Reich wächst nicht durch Druck und Angst, sondern durch so was wie Treue und Vertrauen. Man muss genau hinsehen: An diesem Kreuz passiert schon etwas! Da ist unten das Lamm – mit einer Siegesfahne...? Da sind Knospen, kleine Rosenknospen an diesem toten Holz…

Das Kreuz – ein Lebensbaum?! Das Leben wird gewinnen. Und manchmal erleben wir doch auch Lebenszeichen: wenn jemand in der Auseinandersetzung nicht wild zurückbeißt, sondern ruhig bleibt. Wenn eine Lehrerin ein schwieriges Kind nicht aufgibt. Wenn du nach einem Streit den ersten Schritt machst – wie schwer… Wenn eine Pflegekraft freundlich bleibt, obwohl sie längst am Limit ist. Wenn einer sagt: „Nein, so rede ich nicht über andere!“ Wenn jemand wieder aufsteht nach dem Scheitern / der Trauer / dem Ruin.

Das sind keine kleinen Siege, so unscheinbar und zu oft „ungefeiert“ sie auch sein mögen. Keine Schlagzeilen, keine Medaillen, nein, aber viel näher am Triumphkreuz als so manches, was wir sonst so feiern!

Jesu Sieg macht andere nicht klein. Es sind – wie Jesu Sieg – kleine Siege über all die lebenswidrigen Mächte: über Hass, der Herzen verhärtet, über Angst, die Menschen gegeneinander treibt, über Resignation, die sagt: „Es bringt ja doch alles nichts.“ Am Kreuz sagt Gott: Doch. Es bringt etwas. Liebe ist stärker, als ihr denkt. Sie steht wieder auf, auch wenn sie stirbt. Darum ist das Kreuz ein Triumphzeichen – nicht, weil Leid irgendwie gut wäre (oder sogar Gottes Plan!), sondern weil wir Leid mit Gottes Kraft überwinden. „We shall overcome“, Sie wissen schon! Das Leben wird gewinnen.

Gottes Lebenswille wird triumphieren, auch wenn es so oft so gar nicht danach aussieht und uns – wie Maria und Johannes da unterm Kreuz – nur noch zum Weinen zumute ist. Aber: Dann seht genau hin! Auf das Kreuz, auf die kleinen Knospen im Alltag, auf die kleinen, feinen, leisen Siege des Lebens und der Liebe. Und hört nicht auf zu hoffen!

Ihr und Euer Pastor Kai Hansen