Kleine Auszeit: "Gottverlassen"
09.10.2026
Kleine Auszeit von Anne Vollert, Entlastungspastorin im KK Schleswig-Flensburg
„…, hoffe ich, dass Gott dich nicht verlässt!“ Das ist ein Satz aus einem irischen, vielgesungenen Segenslied. „Das kann ich nicht singen!“, sagt mir jemand. „Gott verlässt mich nicht, höchstens ich ihn!“ „Stimmt!“, sage ich, denn ich fühle das Gottverlassen um mich herum: Wutwahlen, asoziale Verhaltensweisen, Gewalt, Kriegstreiberei, Misstrauen, Verschwörungstheorien …
Alles, was erdet, von jeher Grund, Fundament gegeben hat, wird verlassen, trägt scheinbar nicht mehr.
Vor einer Woche war Tag der Deutschen Einheit. Das Fest in Bremen stand unter dem Motto „Viele Stärken – ein Land“. Klingt gut. Wenn nur nicht so viele ihre Stärke darin sähen, anderen die Zugehörigkeit abzusprechen. Man kann ein Land eben nicht zusammenbrüllen. Auch nicht mit besonders vielen Ausrufezeichen im Kommentarbereich.
Vielleicht ist das unsere eigentliche Gottverlassenheit: Wir verlassen einander. Wir lassen Menschen allein mit ihrer Angst und erklären sie dann zum Problem. Wir hören nur noch zu, um die passende Gegenrede zu laden. Und wundern uns, dass der Boden unter unseren Füßen bröckelt.
Ich glaube nicht, dass Gott sich aus dem Staub gemacht hat. Eher steht er da, wo wir gerade vorbeilaufen: bei dem Menschen, der unsere Geduld strapaziert. Bei der Nachbarin, deren Meinung wir nicht teilen. Bei denen, die keinen Platz am Tisch bekommen. Das ist zugegeben unbequemer als ein schönes Segenslied.
Vielleicht singe ich die Zeile trotzdem. Als Bitte um offene Augen. Und als Erinnerung: Wer sich von Gott nicht verlassen fühlen will, sollte bei den Menschen anfangen, die er selbst gerade stehen lässt.