Kleine Auszeit: Liebes Herz ...
11.09.2026
In der kleinen Auszeit schreibt Rebekka Tibbe, Pastorin der Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Jürgen zu Flensburg, einen Brief an ihr Herz.
Liebes Herz,
du schlägst so schnell. Unruhig pochst du in meiner Brust und ich merke, du hast Angst. Und glaub mir, ich verstehe dich. Ein Blick auf die Wahl in Sachsen-Anhalt und mir wird schlecht. Mein Magen zieht sich zusammen, ich verstehe die Welt nicht mehr, weiß doch, was die Wahrheit ist, weiß, dass Menschenwürde über allem stehen muss, dass Hass nie die Lösung ist und Sündenböcke zu suchen und nach unten zu treten niemandem eine neue Schule baut oder den Pflegenotstand löst.
Aber du, mein Herz, solltest doch eigentlich einen anderen Takt kennen? Solltest doch im Rhythmus einer weichen, warmen Liebe schlagen! „Wir sollen uns an die Wahrheit halten und uns von der Liebe leiten lassen“, sagt der Epheserbrief. Also, mein Herz, leite mich mit deiner Liebe. Geh aus mein Herz und nimm mich an die Hand. Fass dir zuerst ein Herz für die, denen dieser Wahlausgang den Boden unter den Füßen wegreißt. Für die Menschen, die jetzt Angst haben müssen, weil sie nicht in ein enges, feindseliges Raster passen.
Und dann, liebes Herz, lege dir das Schwerste auf: Hilf mir, dich nicht an die Verbitterung zu verlieren. Nicht mit derselben Kälte zurückzuschlagen, vor der ich mich fürchte.
Mein Herz, du wirst niemals von mir verlangen, Hass zu verstehen und Menschenfeindlichkeit kleinzureden. Um Himmels willen, nein. Aber du wirst mich immer bitten, niemandem leichtfertig das eigene Herz abzusprechen – selbst denen nicht, deren Kreuz auf dem Wahlzettel dir einen Stich versetzt. Lass mich weich bleiben, mein Herz, offen für Beziehungen, offen für die Hoffnung in Menschen und ihre Herzen, in denen doch Liebe stecken muss. Ich weiß noch nicht, wie das gehen soll. Aber bitte hör nicht auf in mir zu schlagen und mich daran zu erinnern, welchem Rhythmus ich folgen muss.