Kleine Auszeit: "Das Recht des Stärkeren oder die Stärke des Rechts?"
09.01.2026
Kleine Auszeit von Pastorin Silke Wierk, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Harrislee
Stärke, Gewalt und Macht – das sind also die Werte, die momentan angesagt sind. Da wird ein Präsident entführt, da werden die Ölvorräte eines anderen Landes beansprucht, und da wird gleich deutlich gemacht, auch eine weitere Insel werde benötigt. Ob es dazu wirklich kommt, wird man sehen. Nur: nach der Logik des amerikanischen Präsidenten dürften sich auch die Machthaber in Moskau und Peking ermutigt fühlen, sich zu nehmen, was sie brauchen. Ob Ukraine oder Taiwan: es zählt das Recht des Stärkeren, nicht das Völkerrecht. Wie bitter ist das.
Und was erzähle ich meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden? Demnächst stehen die 10 Gebote auf dem Plan. Genau: Du sollst nicht stehlen. Nicht falsch Zeugnis reden. Nicht begehren, was deinem Nächsten gehört. Ich muss ja beinahe hoffen, dass die Jugendlichen sich nicht für aktuelle Nachrichten interessieren. Sonst werden sie sagen: Hält sich ja doch keiner dran! Nein, ich freue mich auf einen spannenden Austauschmit ihnen! Denn: ich will mich nicht an das allgemeine Gejammer gewöhnen. Das achselzuckende „So ist die Welt halt“. Ich will mir den Glauben nicht nehmen lassen, dass das Gute sich am Ende durchsetzt und das Böse bestraft wird. Dass es einen Unterschied macht, wie ich mich im Alltag verhalte. Mich so oft wie möglich auf das konzentriere, was funktioniert. Und wo nicht: dass es sich lohnt, sich für eine bessere Zukunft einzusetzen.
„Streite, du gewinnst den Streit! Deine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen“, heißt es in einem Kirchenlied – von 1939. Die Menschen damals mussten angesichts von Stärke, Gewalt und Macht Mut beweisen, gegen das Unrecht. So beginnt es: „Es mag sein, dass alles fällt - Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt.“ Auch den Optimismus will ich mir nicht nehmen lassen.