Kleine Auszeit: "Hast du zugehört?!"
06.11.2026
Kleine Auszeit von Pastor Kai Hansen, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Haddeby
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber manchmal staune ich, wie laut junge Menschen werden müssen, bis man ihnen zuhört. Am Reformationstag sind sie vielerorts auf die Straße gegangen: gegen fehlende Investitionen in Bildung und Soziales, für Klimaschutz und mehr Mitbestimmung – es geht um alle möglichen Zukunftsthemen. Botschaft: Ihr entscheidet über unsere Zukunft. Aber hört ihr uns eigentlich zu?
Wer immer noch glaubt, die Gen Z sei unpolitisch und unengagiert, schaue genauer hin; es erinnert ja schon an Fridays for Future: Junge Menschen mischen sich ein und wollen nicht einfach abwarten, bis andere ihre Zukunft gestalten. Oder versauen.
Im Vorfeld wurde vor Ausschreitungen gewarnt. Umso wichtiger: Die Gewalt ging nicht von den Veranstaltenden aus, und friedlicher Protest darf nie unter Generalverdacht gestellt werden. Man muss ja nicht jede Forderung teilen. Man kann über Protestformen streiten. Aber man muss, bevor man urteilt oder gar verurteilt, zuhören. Immer.
Das hätte Martin Luther vermutlich verstanden. Vor 500 Jahren wollte er nicht einfach hinnehmen, was Autoritäten vorgaben, wollte selbst prüfen, fragen, lesen und urteilen, und ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Die Reformation traute Menschen eine eigene Stimme zu. Eine lebendige Gesellschaft lebt davon, dass Menschen widersprechen, Fragen stellen und Verantwortung übernehmen. Auch und gerade junge Menschen.
In der Bibel heißt es einmal „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“ (Jakobus 1,19) – ziemlich guter Rat, oder? Für Jugendliche, die protestieren. Für Erwachsene, die sich über sie ärgern. Und für eine Politik, die manchmal mehr erklärt als zuhört.
Die Jugend ist nicht zu laut. Die anderen sind nur nicht mal einen Moment still.